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Nutztiere 09.02.2018 11:42

Via Ohr auf den Computer

Kuhherden wachsen, Geld für mehr Personal liegt oft nicht drin. Damit die Tierüberwachung trotzdem gewährleistet ist, kommen auch in der Schweiz immer mehr digitale Helfer zum Einsatz. Der Betriebsleiter Alex Rutz aus Egnach hat sich für die intelligente Ohrmarke Smartbow entschieden – aus verschiedenen Gründen.

Milchviehherden werden immer grösser, was die Herdenüberwachung erschwert. Verschiedene Mana­ge­ment­systeme sind am Markt verfügbar, nicht alle funktionieren gleich und bieten dieselben Funktionen an. Ein System, das die erfassten Daten tierindividuell auswertet und Feedbacks dazu gibt, ist Smartbow. Das System wird auch «die intelligente Ohrmarke» genannt, denn der etwa Fünfliber-grosse Knopf im Ohr der Kühe überträgt ständig Daten an die Empfänger im Stall. Aktuell werden daraus Schlüsse zu Brunst, Gesundheit und Standort gezogen. Bis Ende 2017 waren weltweit über 51 000 Kühe mit der smarten Ohrmarke ausgestattet.

Smartbow ist modular aufgebaut, unabhängig und rasch installiert. Die Empfänger müssen im Stall angebracht sein und liefern die Tierdaten in Echtzeit auf einen zentralen Server, von dem sie auf PC, Tablet oder Smartphone übertragen werden. Brunst- und Wiederkäualarme können per SMS empfangen oder anhand von Listen und Auswertungen am PC, Tablet oder Smartphone ausgewertet werden. 

 

Gesundheitskontrolle in Echtzeit

Die Wiederkäudauer einer Kuh wird durch Fütterung, Tiergesundheit, Laktationsstadium, Alter, Brunst und Stresssituationen beeinflusst. Mit der Wiederkäuerfassung lässt Smartbow viele Rückschlüsse für die Tiergesundheit und die Rationengestaltung zu. Durch das Wiederkäuen stellt sich im Bewegungsablauf der Ohren ein Rhythmus ein. Das System erlernt diesen tierindividuellen Bewegungsablauf und misst daraus Wiederkäudauer und -rhythmus. Veränderungen erkennt Smartbow so schneller und meldet sie umgehend dem System, indem ein Alarm ausgelöst wird. Bricht beispielsweise die Wiederkäudauer akut zusammen, ist dies ein Hinweis, dass dieses Tier gestresst ist, eine Krankheit oder Abkalbung bevorsteht. Umgehend löst der Server ein SMS- und/oder E-Mail-Alarm aus, damit der Landwirt schnell reagieren kann. Ändert sich die Wiederkäutätigkeit über einen längeren Zeitraum, erkennt das System auch dies und generiert eine Meldung auf dem PC. Da die Wiederkäudauer tierindividuell ist und jedes Tier einen eigenen Ablauf/Rhythmus hat, vergleicht das System immer mit den bestehenden Daten des Tieres und nicht mit dem Herdendurchschnitt. Die Vorteile sind folgende: 

  • Früherkennung von Krankheiten und Verdauungsstörungen (z. B. Mas­titis, Ketose, Pansenübersäuerung, Fremdkörper oder Labmagenverlagerung)
  • Echtzeit-Alarme
  • Rückschlüsse auf Strukturversorgung und Rationenwechsel
  • Arzneimittelverbrauch und Tierabgänge sinken
  • Geringere Produktionsausfälle

Das Behandlungsjournal kann direkt im System erfasst und ausgedruckt werden. Um die Gesundheitskosten aufzuzeigen und Problemtiere zu erkennen, können die Kosten für Medikamente hinterlegt und ausgewertet werden. Das Behandlungsjournal erfüllt die Anforderungen für Kontrollen. 

 

Beste Trefferquote bei Brunst

Das zweite Modul von Smartbow ist die Brunsterkennung. Hier fliessen Parameter aus der Wiederkäuerfassung und der Aktivitätsmessung zusammen. Täglich kommen so mehr als 80 000 Werte pro Kuh zusammen, die Hinweise auf die Brunst zulassen. Aber nicht nur die Brunst selbst wird im Echtzeit angezeigt, auch die Qualität der Brunst und der ideale Besamungszeitpunkt werden ermittelt. Das System wertet die Daten wieder tierindividuell und nicht am Herdendurchschnitt aus. Dadurch erfasst das System Kühe mit schwachen Brunsten deutlich besser als andere 

Systeme. Durch den verbesserten Besamungserfolg können die Zwischenkalbezeit und die Besamungskosten gesenkt werden. Erfahrungen in der Schweiz zeigen, dass auch stillbrünstige Kühe problemlos erkannt werden. Mit Smartbow können die Tiere «blind» besamt werden. 

 

Verhalten der Kühe kennen lernen

Das dritte Modul, das Smartbow aktuell anbietet, ist die Tierortung in Echtzeit. Die Ohrmarken müssen dazu stets Kontakt mit vier Empfängern haben. Das System misst die Zeit, bis das Signal bei den Empfängern ankommt und ermittelt daraus den Standort der Kuh auf einen Meter genau. Die Ortung hilft einerseits beim schnellen Auffinden von Kühen im Laufstall, andererseits gibt sie Aufschluss, wo sich die Kühe viel/wenig aufhalten. Mit Smartbow können somit auch Rückschlüsse auf das Verhalten und den Kuhkomfort gezogen werden: Welche Liegeboxen/Fressplätze werden von welchen Kühen öfters aufgesucht, welcher Teil des Stalles wird gemieden oder nur von rangschwächeren Tieren genutzt. 

Die Position der Kühe wird auf einer interaktiven Karte angezeigt, Kühe mit Alarmen werden farblich hervorgehoben und können selektioniert werden. 

 

Fest am Tier

Die Ohrmarke Smartbow wird ähnlich wie eine TVD-Ohrmarke eingezogen. Die Laufdauer der Batterie beträgt momentan zwei bis drei Jahre und kann problemlos selbst ausgewechselt werden. Einige Zeit bevor die Batterie leer ist, erhält der Betriebsleiter eine Meldung. Dann kann der Wechsel bei einer passenden Arbeit (Klauenpflege, Trockenstellen, …) vor­genommen werden. Der Vorteil einer Ohrmarke ist, dass sie im Gegensatz zu Hals- oder Fussbändern nicht verrutschen kann, nicht dem Tiergewicht angepasst werden muss und die Gefahr von Störungen äusserst gering ist. 

 

Mit dem Service klappt's

Tritt einmal ein Problem auf, können die österreichischen Spezialisten von Smartbow per Teamviewer direkt auf den PC zugreifen (Internetzugang notwendig). Mehr als 95 Prozent der Probleme können so behoben werden. Für die restlichen Fälle stehen Service-Leute zur Verfügung, die vor Ort eingreifen können.

 

Geplante Funktionen

Smartbow entwickelt sich ständig weiter. Aktuell sind die Entwickler von Smartbow daran, die Algorithmen zur Abkalbe-Erkennung zu verfeinern. Damit kann in Zukunft per Mausklick das Modul «Abkalben» hinzugefügt und genutzt werden. Weitere Module sind ebenfalls in Entwicklung, aber noch nicht spruchreif. 

Der Eartag Life ist die Weiterentwicklung des Smartbow-Sytems. Durch sein geringes Gewicht kann der Sensor bereits ab der Geburt des Kalbes eingesetzt werden. Damit werden erstmals lückenlose Daten über den gesamten Lebenszyklus des Tieres bis zum Abgang vom Betrieb zur Verfügung stehen. An der Euro Tier 2016 wurde der Eartag Life von Smartbow mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Das System ist aktuell aber noch im Aufbau und noch nicht ganz praxisreif. 

 

Preis je nach Modul

Smartbow kostet für einen Bestand von 50 Kühen in etwa um die 10 000 Franken. Je nach Stallgrundriss und Anzahl Gebäude, die mit Empfängern ausgestattet werden müssen, variiert der Einstandspreis. Pro Kuh und Jahr kommt noch eine geringe Servicepauschale hinzu. Diese beinhaltet unter anderem eine lebenslange Garantie auf dem System. 

Die Zwischenkalbezeit, die Tierarzt- und Besamungskosten können mit Smartbow gesenkt werden, was eine Installation bereits nach wenigen Jahren bezahlt macht. Die Sensoren können bereits in der Aufzucht eingesetzt werden. So kann der ideale Besamungszeitpunkt einfach bestimmt werden und das Erstkalbealter kann gesenkt werden, womit sich Aufzuchtkosten einsparen lassen. UFA hat das Potenzial von Smartbow erkannt, interessierte Betriebsleiter können sich für weitere Informationen beim UFA-Milchviehberater melden.

 


Handeln, bevor die Kuh richtig krank ist

Alex Rutz ist ein typischer Bauchmensch: «Ich fälle Entscheidungen relativ schnell und instinktiv. Deshalb habe ich mich auch innert kurzer Zeit für Smartbow entschieden», verrät Alex Rutz im Gespräch. «Das System passt gut auf meinen Betrieb. Besonders im Herbst, wenn die Obsternte viel Zeit beansprucht und ich nicht viel im Stall bin – da kommt die Tierüberwachung schon mal zu kurz», erklärt der Betriebsleiter weiter. Die Installation ging problemlos vonstatten: Rund 1.5 Tage benötigten die Techniker, um Leitungen zu ziehen, Empfänger zu montieren, Ohrmarken einzuziehen und die Kühe im Programm zu registrieren. 

System musste sich angewöhnen

Seite Ende September 2017 ist Smartbow nun in Betrieb und liefert Daten, Alarme und Auswertungen. «Zu Beginn hatte ich öfters Fehl-alarme, da sich das System zuerst an die Kühe und die Gegebenheiten gewöhnen musste. Nach rund drei Wochen konnte ich mich auf Smartbow verlassen», beschreibt Alex Rutz den Einstieg in das Tier-überwachungssystem. Natürlich muss er auch heute die Alarme noch selektieren: Wird beispielsweise eine Kuh nach dem Abkalben in die Herde rückgeführt, wird manchmal ein Brunstalarm ausgelöst. Dieser stimmt nicht, weil das Tier nervös ist und sich die Rangordnung erst einstellen muss. «Solche Fehlalarme erkenne ich aber problemlos und kann einordnen, ob eine Brunst vorhanden ist oder nicht», berichtet der Betriebsleiter. Das System erkennt zuverlässig alle Brunsten und die Besamungszeitpunkte präzise und einwandfrei. 

Früher eingreifen

Aber nicht nur die Brunstüberwachung schätzt der Betriebsleiter sehr: «Sogar während unseren Ferien in Brasilien habe ich per SMS einen akuten Wiederkäu-Alarm erhalten und konnte dies unserem Praktikanten weiterleiten. Er separierte die Kuh und der Tierarzt stellte fest, dass sie an Milchfieber litt. Durch Smartbow konnte die Kuh frühzeitig behandelt werden, bevor sie festlag.» Ähnliche Beispiele gab es bereits mehrere in den vier Monaten seit der Installation. So beispielsweise bei einer Galtkuh, die akute Klauenprobleme hatte oder bei einer Kuh, die am Anfang einer E.Coli-Mastitis stand. «Unterdessen bin ich soweit, dass ich die Kühe sofort in die Abkalbebox nehme, wenn ein akuter Wiederkäu-Alarm kommt. Dann kann ich die Kuh besser beobachten, sie hat weniger Stress und erholt sich schneller. Bei uns Menschen ist das ja dasselbe: Wenn wir krank sind, wollen wir am liebsten auch alleine sein und nicht in Menschenmengen», zieht Alex Rutz lachend eine Parallele zwischen Tier und Mensch. 

Prompter Support

Die Ortung der Kühe benötigt Alex Rutz, um auffällige Kühe (lang-anhaltender Wiederkäu-Alarm, erhöhte Aktivität, …) zu beobachten. Um Kühe in der Herde zu finden, braucht er die Ortung aktuell nicht: «Ich kenne meine Kühe gut und finde sie entsprechend schnell in der Herde», erklärt der Betriebsleiter. 

Die Kuhdaten werden bei Alex Rutz zwei bis drei Mal täglich am PC kontrolliert. Das erste Mal am Morgen, bevor er zu melken beginnt: «Dann weiss ich gleich, welche Kühe ich besonders in Augenschein nehmen muss», verrät der Betriebsleiter. Brunstalarme und akute Wiederkäu-Alarme bekommt er per SMS auf sein Smartphone. Der Landwirt schätzt Smartbow als sehr benutzerfreundlich ein – auch wenn er sich selbst nicht als besonders PC-affin einschätzt. Auch der Support passt für Alex Rutz: «Wenn ich eine Anfrage schicke, erhalte ich sehr rasch eine Antwort. Auch seitens der UFA erhalte ich viel Unterstützung. Ich werde eng begleitet und erhalte auf meine Fragen und Anregungen immer Antworten und profitiere von den bereits gemachten Erfahrungen.» 

Worauf Alex Rutz aktuell noch wartet, ist das Modul der Abkalbe-Erkennung: «Das wäre ein weiterer massiver Vorteil des Systems, das muss unbedingt kommen», resümiert der Betriebsleiter. 

  • Autor/Redaktor
  • Sandra Frei [fs]
    Redaktorin
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