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Archiv2015 04.03.2016 13:44

Wie gross ist Ihr persönlicher Stress?

Steigende Zeitnot, hohe Arbeitsbelastung und wirtschaftlicher Druck sorgen für Stress bei Landwirtinnen und Landwirten. Eine Online-Umfrage von Agroscope soll zeigen, wie stark der Stress vom Einzelnen empfunden wird.
  • Unruhige oder sogar schlaflose Nächte können erste Anzeichen von Stressbelastung sein. Bild: Fotalia

Wenn die Kuh anfängt zu trippeln, das Melkzeug abtritt oder gar nicht erst in den Melkstand eintreten will, schliesst der Melker schnell darauf, dass seine Kuh unter Stress steht. Doch nicht nur Kühe können überfordert sein, sondern auch bei Landwirten und Landwirtinnen kommt dies häufig vor.

Leidige Administration
In Diskussionen werden besonders der steigende Zeitdruck, die schwierigen Wetterbedingungen oder der hohe administrative Aufwand erwähnt, unter dem die Landwirtschaft leidet. Unvorhergesehene Reparaturen an den Maschinen oder Tierarzttermine machen es da nicht einfacher, einmal einen oder gar mehrere freie Tage einzuplanen. Auch die Kommunikation mit dem Partner und das gegenseitige Verständnis können bei starker Belastung immer schwerer fallen. Laut dem Situationsbericht des Schweizer Bauernverbandes von 2013 sind auch Landwirte und Landwirtinnen von einer zunehmenden Scheidungsrate betroffen.

Herzblut vor Gesundheit
Es ist belegt (Agrarbericht 2013, BLW), dass die zeitliche Arbeitsbelastung in der Landwirtschaft deutlich höher liegt im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. Doch auch psychisch sind Bäuerinnen und Bauern stark beansprucht. «Es trifft besonders die guten Mitarbeiter» heisst es in einem Artikel von Veerkamp-Walz des VDMA zur steigenden Anzahl an Burn-out-gefährdeten Arbeitnehmern. Bei den Landwirten und Landwirtinnen steckt viel Herzblut in ihrer alltäglichen Arbeit. Dennoch kann die hohe Belastung ein Gesundheitsrisiko darstellen. Probleme mit dem Bewegungs- und Stützapparat, immer wiederkehrende Erschöpfungszustände, Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Depressionen können Folgen einer starken Stressbelastung sein. Gemäss dem Bundesamt für Landwirtschaft (2010) hatten die Landwirte 2007 tendenziell öfter starke Rücken- und Kreuzschmerzen als zehn Jahre zuvor.

Ursprünglich gesund
Stress bezeichnet ursprünglich eine Anpassungsreaktion unseres Körpers an eine Anforderung von aussen. Das kann zum Beispiel ein Adrenalinstoss als Reaktion auf eine echte oder vermeintliche Gefahrensituation sein. Sobald Körper und Seele kurzfristig stark beansprucht werden, stellt unser Organismus sofort Energie bereit, sodass wir beispielsweise flüchten könnten. Meist reagieren erwachsene Menschen heutzutage nicht mehr mit Flucht- oder Kampfreaktionen. Dadurch staut sich die bereitgestellte Energie in den Muskeln an und kann nicht abgebaut werden. Der Landwirt, der sich mit einem hohen administrativen Aufwand beschäftigen muss, während er unter Zeitdruck steht, ist vielleicht verärgert, kann aber schlecht entfliehen ohne eine zuverlässige Vertretung organisiert zu haben.

Frühe Anzeichen
Die ersten Anzeichen für eine Stressbelastung können unruhige oder sogar schlaflose Nächte sein. Unser Körper ist nicht mehr im ausgewogenen Verhältnis zwischen An- und Entspannung, eine innere Unruhe und Nervosität sind die Folge. Weitere Indikatoren können Reizbarkeit, Antriebslosigkeit oder fehlendes sexuelles Verlangen darstellen. Solche Anzeichen können langfristig negative Folgen haben und sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Umfrage soll klären
Um Ansätze zur Stressvermeidung oder -bewältigung zu finden, führt das Institut für Nachhaltigkeitswissenschaften von Agroscope derzeit eine Untersuchung zur «psychischen Arbeitsbeanspruchung» durch. Eine länderübergreifende Online-Umfrage zum persönlichen Stress-Erleben von Landwirtinnen und Landwirten soll dazu dienen, die psychische Beanspruchung im Berufsfeld der Landwirtschaft einschätzen zu können. «Dazu wollen wir Daten in der landwirtschaftlichen Praxis erheben, um die psychische Beanspruchung dokumentieren zu können», erklärt Christina Umstätter von Agroscope.

Mitmachen nützt allen
Damit möglichst viele Daten zusammenkommen, benötigt Agroscope die Hilfe der Bäuerinnen und Bauern. «Wir brauchen die Unterstützung möglichst vieler Landwirte. Wir laden alle herzlich dazu ein, an der Umfrage teilzunehmen. Vielleicht lassen sich auch Familienmitglieder und Mithelfende auf dem Betrieb motivieren, den Online-Fragebogen auszufüllen», so Umstätter. Agroscope hofft auf eine rege Teilnahme, damit an dieser Stelle bald über die Ergebnisse und insbesondere Lösungsstrategien zur Stressverminderung berichtet werden kann.

Zu viel Stress schadet
Cornel Rimle ist Einzel-, Paar und Generationenberater. Er unterscheidet drei Ebenen von Stress und gibt nachfolgend einige Tipps zur Stressminderung.

Normaler Alltagsstress

  • Schlafen Sie genug und planen Sie Erholungszeiten im Tagesablauf ein
  • Versuchen Sie Pannen zu minimieren – z. B. Maschinen sorgfältig warten
  • Organisieren Sie regelmässig Frei- und Ferienzeiten
Stress von Aussen – Umgang mit Tatsachen, die Sie nicht verändern können
  • Wer könnte Ihnen welche Arbeit abnehmen (z. B. Büroarbeit)
  • Akzeptieren Sie, dass jeder Beruf Vor- und Nachteile hat
  • Sagen Sie klagenden Kollegen, dass freudige Gespräche stressmindernd sind und gehen Sie als gutes Beispiel voran
Stress von Innen
  • Besprechen Sie in den ruhigen Monaten die Buchhaltungsergebnisse – genügt das Einkommen oder muss etwas auf dem Betrieb verändert werden?
  • Haben Sie den richtigen Beruf gewählt – sind Sie grundsätzlich zufrieden bei der Arbeit?
  • Lassen Sie sich beraten, wenn Sie ein bestimmtes Thema in Ihrem Leben übermässig und längere Zeit beschäftigt
Cornel Rimle, Ing.agr.HTL, Coach BSO, Mediatior, Paar- und Generationenberatung, Demutstrasse 21, 9000 St. Gallen, 071 298 30 07, L_hc__niweulb--elmir__lenrocwww.cornelrimle.ch
Quelle: Christina Umstätter, Agroscope
  • Autor/Redaktor
  • Gabriela Küng
  • Gabriela Küng [gk]
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