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Verschiedenes 18.10.2019 07:14

«Bis hierhin. Und dann weiter»

Wann schränken Grenzen ein, wann sind sie nützlich? Wo müssen wir selber Grenzen setzen und wie schaffen wir es, sie zu sprengen? Am 27. Tag der Bäuerin drehte sich alles um Erfahrungen mit Grenzen. Ein Mutterkuhhalter, eine Geweihte Jungfrau, eine Buchautorin, eine Bäuerin und eine Agrotechnikerin erzählten, wie das Überschreiten von Grenzen ihr Leben und ihre Sichtweise veränderte, warum sie Grenzerfahrungen suchten und wo fehlende Grenzen zu Orientierungslosigkeit und Leid führen.
  • (Bild: Michael Huwiler)

Brigitte Frick, Mitglied des Organisations-Teams aus Flawil, drückte in ihren Begrüssungsworten die Freude darüber aus, dass eine grosse Zahl an Bäuerinnen und auch vereinzelte Bauern der Einladung zum 27. Tag der Bäuerin gefolgt waren. Der Saal des OLMA-Forums war bis auf den letzten Platz besetzt. Auf dem Programm stand eine Gesprächsrunde zum Thema «Bis hierhin. Und dann weiter. Wann uns Grenzen nützen - und wann es Zeit ist, sie zu sprengen». Das Organisations-Team habe ein Tagungsthema mit einem spannenden und weiten Feld ausgesucht, erklärte Hanspeter Egli, Präsident VMMO Vereinigte Milchbauern Mitte-Ost, Gossau, in seinen Grussworten. Der VMMO unterstützt den Tag der Bäuerin seit vielen Jahren.

Grenzen zeigen viele Facetten

An der Gesprächsrunde waren vier Frauen und ein Mann mit unterschiedlichem Lebensweg und Hintergrund beteiligt. Auf dem Podium nahmen Franz Burri, Mutterkuhhalter aus Dagmersellen, Schwester Veronika, Geweihte Jungfrau aus Domat/Ems, Sefika Garibovic, Buchautorin aus Zug, Anna Schneider, Bäuerin aus Schwendi im Weisstannental und Miriam Stauffacher, Landwirtin und Agrotechnikerin aus Nesslau, Platz. Claudio Agustoni, Redaktor beim Schweizer Radio und Fernsehen, übernahm die Moderation der Diskussionsrunde.

Als erster erzählte Franz Burri von seinen Erfahrungen mit dem Überschreiten von Grenzen. Er baute mit seiner Frau erfolgreich einen Betrieb mit Mutterkühen der Rasse Limousin auf. Die Familie feierte an diversen Viehschauen Erfolge und ist seit 13 Jahren Limousin-Schweizermeister. Bei einem Frankreichaufenthalt sei er auf die Rinderrasse gestossen und habe sofort gewusst, dass er sie auf seinem Hof in der Schweiz züchten wolle. «Damals schüttelten alle den Kopf über meine Absicht, Mutterkühe zu halten. Sie rieten mir dringend von dem Vorhaben ab. Usus war es, mit Braunvieh Milchwirtschaft zu betreiben», betonte der Landwirt. Trotz aller Bedenken habe er seine Idee mit Erfolg verwirklicht. «Was man wirklich will, das macht man und dann geht es auch», laute seine feste Überzeugung. Umgekehrt müsse man aber auch seine Grenzen kennen und sie einhalten.

Sich mutig Herausforderungen gestellt

Schwester Veronika berichtete aus ihrem Leben als Geweihte Schwester. Wie 70 weitere Frauen in der Schweiz und rund 3000 weltweit lebe sie nicht in einem Kloster, sondern alleine in einer Wohnung. Nachdem sie als Religionslehrerin in Graubünden und Missionarin in der Bergwüste Boliviens tätig gewesen sei, habe sie eine Tätigkeit als Gefängnisseelsorgerin im Sennhof in Chur aufgenommen. In den Gesprächsrunden mit den Insassen gehe es ab und zu recht unzimperlich zu und her. «Ich begegne allen auf Augenhöhe, doch manchmal gibt es Momente, in denen ich klarstellen muss, wer die Spielregeln festsetzt. So habe ich den Spitznamen ‘Schwester sweet and sour’ erhalten», lachte Schwester Veronika. Die Gefängnisinsassen hätten zwar eindeutig Grenzen der Gesellschaft überschritten, doch glaube sie fest daran, dass unter jedem menschlichen Abgrund schlussendlich die Hand Gottes sichtbar werde.

Von Grenzen, die nicht von aussen gesetzt sind, sondern im eignen Kopf entstehen, handelte die Geschichte von Miriam Stauffacher. Die Landwirtin und Agrotechnikerin wohnt mit ihrer Lebensgefährtin und ihren Eltern in einer Generationengemeinschaft. Auf dem Bauernhof gibt es Milchkühe, Milchziegen, eine Alpwirtschaft und Agrotourismus. Als ihr ihre Homosexualität bewusst geworden sei, habe sie sie verdrängt und in ihrer Umgebung verheimlicht. «Mir schien es, dass man bei uns auf dem Land, den ‘normalen’ Weg gehen sollte. Konkret also, einen Mann heiratet und Kinder bekommt.» Lange habe sie gebraucht, um ihre Hürde im Kopf zu überwinden und sich zu outen. «Dieser Schritt war ein Wendepunkt in meinem Leben. Endlich durfte ich so sein, wie ich sein wollte.» Sie sei sehr froh, dass sie den Mut gefunden habe, gegen die selber gesetzte Grenze anzukämpfen. «Es hätte gut sein können, dass ich einen Mann geheiratet und Kinder bekommen hätte. Glücklich wäre ich dabei aber nicht geworden.»

Grenzen überschreiten, Grenzen setzen

Die gebürtige Polin Anna Schneider wuchs in einer Stadt auf, besuchte die Technische Fachschule für Landwirtschaft und studierte Chemie. Trotz guter Ausbildung hatte sie in ihrer Heimat keine Chance, eine Arbeit zu finden. So kam sie vor bald zwanzig Jahren als Kindermädchen ins Weisstannental. Mit dem Umzug von Polen in die Schweiz habe sie gleich mehrere Grenzen überschritten, erzählte die Bäuerin und dreifache Mutter. «Vor zwanzig Jahren gab es in Polen nichts. Unsere Familie stand Schlange, um drei Rollen WC-Papier zu ergattern. In der Schweiz gab es hingegen alles im Überfluss.» Lange Zeit sei sie der festen Überzeugung gewesen, nach Polen zurückzukehren. Schliesslich aber verliebte sich die ehemalige Städterin, heiratete und blieb im ländlichen und abgeschiedenen Weisstannental.

Wie wichtig es ist, Grenzen zu setzen, zeigte Sefika Garibovic auf. Die Buchautorin arbeitet mit Jugendstaatsanwaltschaften, der KESB, Schulen, Eltern und den Jugendlichen selbst, um ihnen einen Weg in die Gesellschaft und das Berufsleben zu weisen. Sie sei für ihre Klientinnen und Klienten 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche erreichbar, betonte sie. Raste ein Kind oder ein junger Mensch aus, dann fehle es meistens an Grenzen, Normen und Werten. «Meine Erfahrungen zeigen, dass die Probleme in der mangelnden Kommunikation zwischen Eltern und Kind begründet liegt.» Die Eltern seien dafür zuständig, liebevoll Grenzen zu ziehen. Kinder und Jugendliche brauchten Respektspersonen und Vorbilder, um Orientierung und ihren Platz in der Gesellschaft finden zu können.

Am Schluss der Gesprächsrunde dankte Ursula Schubiger, Mitglied des Organisations-Teams aus Uznach, den Diskussionsteilnehmenden für ihre offenen Worte und Erzählungen. Für den musikalischen Rahmen am Tag der Bäuerin sorgte das «Echo vom Älpli-Spitz».

Quelle: Olma
  • Autor/Redaktor
  •  Redaktion [RED]

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