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Archiv 2017 22.11.2017 14:11

Geflügelproduktion: Fakten widerlegen Pauschalurteile

Die Schweizer Geflügelbranche hielt am 17. November einen Medienanlass zur Situation bezüglich Antibiotikaresistenzen in der Geflügelfleischproduktion ab. Prof. Dr. Roger Stephan präsentierte in seinem Fachreferat wissenschaftliche Fakten, die negative Pauschalurteile der Medien und der Öffentlichkeit widerlegen. Vertreter der Geflügelbranche bestätigten die im internationalen Vergleich sehr gute Situation beim Schweizer Geflügel.

Prof. Stephan beleuchtete die Problematik aus wissenschaftlicher Sicht und erläuterte eingangs die verschiedenen Wirkmechanismen der Antibiotika und der Resistenzen. Die beim Geflügel am häufigsten vorkommenden multiresistenten Keime sind ESBL-Bildner, die eine breite Gruppe von Antibiotika-Wirksubstanzen wie «Scheren» zerschneiden und so inaktivieren.
Die Anfang 2016 neu entdeckten und gefürchteten Resistenzen gegen Colistin, einem wichtigen Reserveantibiotikum, sind hingegen bislang nur auf Import-Geflügelfleisch nachgewiesen worden; Schweizer Geflügelfleisch war davon nicht betroffen.

Die Tatsache, dass ESBL-bildende Bakterien beim Geflügel häufig gefunden werden, erzeugte in den Medien wiederholt ein grosses Echo: Wann immer von resistenten Keimen die Rede ist, wird das Geflügel als schlechtes Beispiel vorgeführt, so Stephan. Ohne Kenntnis der genauen Sachlage werden in den Medien und in der öffentlichen Meinung vorschnelle Schlussfolgerungen gezogen, wonach:

  1. die Situation auf einen übermässigen Einsatz von Antibiotika in der Tierproduktion zurückzuführen sei,
  2. das Geflügel hauptverantwortlich für die Resistenzen beim Menschen sei, 
  3. auf dem Geflügelfleisch grosse Mengen multiresistenter Keime vorzufinden seien.

Alle drei Behauptungen seien aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar, wie Stephan mit entsprechenden Studienresultaten, teils aus seinem Institut, belegen konnte. Seine Erkenntnisse und Argumente lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die Antibiotika-Behandlungsrate in Schweizer Geflügelbeständen ist international auf sehr tiefem Niveau; weniger als jede 10. Herde muss behandelt werden. Es kann also nicht von einem flächendeckenden, missbräuchlichen Antibiotikaeinsatz gesprochen werden.
  • Die Resistenz-Gene befinden sich auf sogenannten Plasmiden, die einfach zwischen Bakterien übertragen werden können. Solche Plasmide sind schon bei den importierten Elterntierküken auffindbar und werden vertikal über das Brutei auf die Küken übertragen. Diese Resistenzen werden durch die internationale Vermehrungspyramide beim Geflügel weitergegeben und treten also nicht erst in der Schweizer Geflügelhaltung auf. 
  • Die in Schweizer Geflügelbeständen eingesetzte Wirksubstanzen (v.a. Fluorchinolone) verursachen in der Regel nicht jene Resistenzen, die bei Keimen auf dem Geflügelfleisch gefunden werden. 
  • Mit Hilfe einer genaueren Typisierung multiresistenter Keime lässt sich deren Verbreitungsweg ableiten. Entsprechende Untersuchungen haben gezeigt, dass beim Menschen andere ESBL-Typen dominieren als beim Geflügel; der beim Menschen mit 41% am häufigsten vorkommende Typ wurde beim Geflügel nicht gefunden.
  • Mittels aufwendiger Anreicherungs-Verfahren kann zwar häufig die Existenz von ESBL-bildenden Keimen auf Geflügelfleisch nachgewiesen werden. Es zeigte sich aber, dass solche Keime nur in geringen Mengen auf Geflügelfleischproben vorkommen. Gemäss einer Untersuchung von Prof. Stephan waren nur bei 1,8% von 450 Geflügelfleischproben ESBL-Bildner quantitativ nachweisbar (durch Auszählung der Keime bei üblicher Nachweisgrenze).
Stephan hält fest, dass die Resistenz-Problematik sehr komplex sei und dass die Schweizer Geflügelbranche schon sehr viel mache. Insbesondere habe eine wissenschaftlich fundierte Risikoanalyse stattgefunden. Diese zeige, dass die Zahlen zum Vorkommen von ESBL-Keimen beim Geflügel viel zu kurz greifen und plakative Behauptungen der Situation nicht gerecht würden.

Auch Konsumenten in der Verantwortung
In der Geflügelfleischproduktion könne auch der Schlachthof als zusätzliche Interventionsstufe einbezogen werden, so Stephan. Noch nicht zugelassen, aber in Diskussion sind Verfahren zur Schlachtkörperdekontamination (Reduktion der Bakterienbelastung z.B. mit Peressigsäure). Der Vorteil solcher Massnahmen: Sie wirken sowohl gegen resistente Keime als auch gegen Campylobacter.

Und schliesslich sei weiterhin auch die Verantwortung der Konsumenten gefordert: Einfache Regeln der Küchenhygiene verhindert die Keimübertragung auf rohe Lebensmittel, und beim Kochen werden sowohl Campylobacter wie auch resistente Keime unschädlich gemacht. Zum Thema Küchenhygiene führt der Bund die Info-Kampagne «Sichergeniessen.ch».

Podium mit den Branchenvertretern
An der anschliessenden Podiumsdiskussion beteiligten sich namhafte Vertreter der gesamten Geflügelfleisch-Wertschöpfungskette – von der Produktion über die Verarbeiter bis zum Abnehmer:

  • Adrian Waldvogel, Präsident ad interim der Schweizer Geflügelproduzenten (SGP),
  • Hans Baumann, Berater Landwirtschaft des Geflügelverarbeiters E. Kneuss Geflügel AG,
  • Dr. Franz Renggli, Präsident der Schweiz. Vereinigung für Geflügelmedizin (SVGM) und praktizierender Geflügel-Fachtierarzt,
  • Christoph Schatzmann, Leiter Qualitätsmanagement und Nachhaltigkeit der Bell Schweiz AG ,
  • Manfred Bötsch, Leiter Direktion Nachhaltigkeit und Qualitätsmanagement des Migros Genossenschaftsbundes (MGB).
In ihren Kurzstatements waren sich alle Branchenvertreter einig, dass das Problem der Antibiotikaresistenzen in der Geflügelbranche sehr ernst genommen wird. So hat die Branche wissenschaftliche Untersuchungen zur Problematik initiiert und mitfinanziert und arbeitet eng mit den Behörden zusammen, sowohl im Rahmen der Bundesstrategie Antibiotikaresistenz wie auch in der Informationskampagne «Sichergeniessen».

Weiter wurde hervorgehoben, dass in der Geflügelproduktion die strikte Einhaltung von Hygieneregeln sowie die «Gute Herstellungspraxis» zum Alltag gehören. Dies hilft, die Einschleppung pathogener Keime und damit allfällig notwendige Herdenbehandlungen zu minimieren. Was auch entsprechende Früchte zeigt: Im Vergleich zum Ausland und mit anderen Nutztierarten ist die Situation beim Schweizer Geflügel sehr gut: 90 bis 95 Prozent der Geflügelherden in der Schweiz müssen nie mit Antibiotika behandelt werden. Eine Mastorganisation gab sogar an, dass im laufenden Jahr 2017 noch keine einzige Behandlung notwendig war.

Die beim Geflügel typische Organisationsstruktur mit einer engen Zusammenarbeit zwischen Produktion, Verarbeitung und Vermarktung garantiere, so die Branchenvertreter, dass jede Stufe in die Bestrebungen zur Optimierung von Tiergesundheit und Lebensmittelhygiene eingebunden sei – eine Voraussetzung dafür, dass Herausforderungen gemeinsam und effizient angegangen werden. So werden auch in den Geflügelschlachthöfen grosse Anstrengungen unternommen, um die Ausbreitung von pathogenen oder resistenten Keimen einzudämmen – sei dies mittels modernsten Techniken und Abläufen oder mit eigenen Untersuchungen.

Ziel aller Bestrebungen der Branche sei es auch, so ein abschliessendes Statement, das Vertrauen der Konsumenten in das Geflügelfleisch zu stärken.
Das wichtigste Anliegen der Konsumenten sei das Tierwohl, und eng damit verknüpft sei die Erwartung, dass tiergerecht gehaltenes Geflügel gesund sei und keine übermässigen Antibiotika-Einsätze erfordere. Die Irritation durch Medienberichte, die fälschlicherweise ein anderes Bild vermitteln, sei deshalb nachvollziehbar. 

Am Medienanlass der Geflügelbranche gelang es, klärende Fakten zu liefern und die Anstrengungen und Verdienste der Branche aufzuzeigen. Und es stellte exemplarisch die gute Zusammenarbeit zwischen Branche, Wissenschaft und Behörden unter Beweis.

Quelle: Aviforum

  • Autor/Redaktor
  •  Redaktion [RED]

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