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Pflanzenbau 03.04.2019 09:26

Pflanzenschutz: «Wirkung, aber mit maximaler Umweltschonung»

Der wichtigste Teil an der Pflanzenschutzspritze sind die Düsen. Worauf man bei der Applikation von Pflanzenschutzmitteln sonst noch achten sollte und wie man negative Auswirkungen auf die Umwelt vermeidet, erklärt Experte Ronald Wohlhauser im Interview.
  • «Das Ziel ist eine grobtropfige 
Applikation, um 
Abdrift zu vermeiden, aber ohne Wirkung 
zu verlieren.»
Ronald Wohlhauser, 
Dipl. Ing. ETH, 
Leiter der globalen Applikationstechnik bei Syngenta

Ronald Wohlhauser ist viele Jahre im Bereich Pflanzenschutz tätig. Seit 2000 ist er Leiter der globalen Applikationstechnik bei Syngenta. Die UFA-Revue sprach mit dem Experten über Wirkungen und Auswirkungen von Pflanzenschutz­mitteln, über Applikationstechnik und zukünftige Herausforderungen.  

UFA-Revue: Mit welchen Mass­nahmen kann der Landwirt die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln optimieren?
Ronald Wohlhauser: Das Produkt muss zum richtigen Zeitpunkt appliziert werden. Zum einen im Hinblick auf das Wetter: Temperatur, relative Luftfeuchtigkeit und Wind müssen in einem vertretbaren Bereich sein. Zum anderen bezogen auf das Entwicklungsstadium der zu bekämpfenden Insekten, Schadpilze oder Unkräuter. Wenn man zu spät appliziert, ist mein Zielorganismus zu gross geworden und die Wirkung nimmt ab. Das kann nicht mehr wettgemacht werden, auch nicht mit einer Verdoppelung oder Verdreifachung der Menge, was im Übrigen verboten ist, da maximal die zugelassene Produktemenge ausgebracht werden darf. Neben dem Zeitpunkt spielt die Applikationstechnik eine zentrale Rolle. Der wichtigste Teil am Pflanzenschutzmittelgerät ist die Düse. Diese ist zwar klein und unscheinbar, aber alle Produkte und das Wasser müssen dort durch. Eine schlechtere Applikationsqualität und unnötig erhöhte Einträge in die Umwelt sind die Folgen beim Gebrauch einer falschen Düse. Des Weiteren muss auch die Wasser­menge stimmen, damit die Wirk­stoffe in ausreichender Höhe und möglichst gleichmässig verteilt auf die Zielfläche gelangen. 

Eine gute Wirkung ist die eine Seite – Umweltrisiken die andere. Mit welchen Massnahmen können diese gesenkt werden?
Wohlhauser: Auch hier gilt: nur applizieren, wenn es vertretbar ist. Das heisst, die Temperatur sollte 25 °C nicht übersteigen und die relative Luftfeuchtigkeit sollte mindestens 60 Prozent betragen, ansonsten ist die Verdunstung der Tropfen zu gross. Zu vermeiden sind hohe Temperaturen und tiefe relative Luftfeuchtigkeiten, da bei diesen Bedingungen die Verdunstungs­verluste sehr hoch sein können. Die Windgeschwindigkeit liegt idealerweise im Bereich von 1 – 3 m / s und maximal bei 5 m / s. Ab Windgeschwindigkeiten von 3 m/s sollten Pflanzenschutzmittel aussschliesslich grobtropfig ausgebracht werden um Abdriftverluste zu minimieren. Wenn Regen erwartet wird, sollten keine Pflanzenschutz­mittel ausgebracht werden. Es braucht eine niederschlagsfreie Periode von mindestens zwei Stunden, damit die Produkte am Blatt anhaften und eindringen können. Die Düsen sollen so ausgewählt werden, dass möglichst wenig kleine, abdriftanfällige Tropfen produziert werden, um eine unnötige Gefährdung der Umwelt zu vemeiden. Das heisst, es sollten eigentlich nur noch Antidriftdüsen verwendet werden. Im Obst- und Weinbau erfolgt die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln mit Unterstützung von Luft. Erfahrungs­gemäss verwenden viele Produzenten zu viel Luft, was sehr viel Abdrift produziert. Hier muss man sich genau überlegen, wieviel Luft man verwendet, um möglichst viel vom Produkt auf die Kultur zu bringen, aber möglichst wenig davon in die Umwelt gelangt. 

Was bringen Zusatzstoffe?
Wohlhauser: Die heutigen Produkte sind bezüglich Anhaftungseigenschaften und biologischer Wirkung bereits fertig formuliert, zumindest in Europa und in der Schweiz, und benötigen deshalb unter normalen Bedingungen keine weiteren Zusatzstoffe. Den einen Wunderzusatzstoff, der für alle Produkte und Kulturen funktioniert, gibt es nicht. Zusatzstoffe der Pflanzenschutzmittel haben zudem verschiedene Eigenschaften, die die Anhaftung, die Benetzung und die Penetration in das Pflanzengewebe beeinflussen können. Der Einsatz des richtigen Zusatzstoffes kann bei schwer zu benetzenden Kultur­pflanzen wie zum Beispiel Getreide, Raps, Zwiebeln und Kohlgewächsen oder schwer zu benetzenden Ungräsern von Vorteil sein, indem die Anhaftung der Tropfen an die Zielfläche erhöht werden und somit die biologische Wirkung verbessert werden kann. 

Auf welche Einstellungen an der Pflanzenschutzspritze und am Traktor muss geachtet werden?
Wohlhauser: Das A und O ist die Kalibrierung und korrekte Einstellung der Pflanzenschutzgeräte, damit die Menge ausgebracht wird, die ausgebracht werden sollte. Über- oder Unterdosierungen gilt es zu vemeiden. Immer mehr Bauern haben mittlerweile einen Spritz­computer auf dem Traktor. Der Spritzcomputer stellt sicher, dass die gewünschte Wasser- und die korrekte Produktemenge ausgebracht werden. Trotzdem sollte der Einzeldüsen­ausstoss periodisch gemessen werden, um teilweise verstopfte Düsen zu reinigen oder um verschlissene Düsen zu ersetzen. Ausserdem muss die Balkenhöhe beim Spritzen stimmen. Diese sollte 50 cm über der Kultur sein. So hat man eine gute Verteilung der Spritztropfen in der Kultur und die Abdrift ist relativ gering. Wenn man die Höhe zum Beispiel auf 80 cm erhöht, verdoppelt sich bereits die Abdrift. 

Was gilt es bei der Düsenwahl zu berücksichtigen?
Wohlhauser: Es gilt mit der richtigen Düsenwahl sowohl die biologische Wirkung zu garantieren, aber auch eine maximale Umweltschonung zu erreichen. Mit dem richtigen Düsentyp, der richtigen Düsengrösse und dem richtigen Druck kann dies erreicht werden. Der Düsentyp und die Düsengrösse müssen auf die Kultur und das Zielgebiet abgestimmt sein unter Berücksichtigung der Fahrgeschwindigkeit und des Wasservolumens. Feine Tropfen – das heisst ein Tropfendurchmesser von weniger als 150 μm Tropfduchmesser – sind zu vermeiden, da abdriftgefährdet. Pflanzenschutzmittel sollten in Zukunft mittel- bis grobtropfig appliziert werden, damit man den besten Kompromiss zwischen Wirkung und Umweltschonung erreicht. Gelingt uns dies nicht, werden als Konsequenz Pflanzen­schutzmittel weiterhin unter Beschuss stehen und Produkte vom Markt verschwinden. 

Welches sind die neuesten Entwicklungen hinsichtlich der Applikationstechnik? 
Wohlhauser: Bei den Düsen gibt es derzeit nicht viel wirklich Neues. Klar erkennbar ist, dass mittlerweile alle Hersteller in Richtung grobtropfige Applikation gehen. Bereits heute werden sehr viele Applikationen im Pflanzenschutz grobtropfig mit Antidriftdüsen gemacht werden, die im Vergleich zu den heutigen Standard-Flachstrahldüsen zwischen 50 und  90  Prozent Abdriftverminderung bringen. Es wird auch immer mehr Technologie, vor allem Sensoren aller Art auf die Maschinen und Spritzgeräte gepackt. Viele Entscheidungen werden daher künftig eher von der Technik getroffen und weniger vom Mensch. Seitens der Anwender kann beobachtet werden, dass immer schneller gefahren und mit weniger Wasser appliziert wird. Diese Tatsache ist insofern mit Gefahren verbunden, da schnelleres Fahren grundsätzlich höhere Abdriftverluste erzeugt. Dem kann ich entgegentreten, in dem grobtropfiger appliziert wird. Allerdings führen grobe Tropfen in Verbindung mit einem tiefen Wasservolumen zu klaren tieferen Bedeckungsgraden, was sich negativ auf die Wirksamkeit auswirken kann. Hier gilt es, einen guten Mittelweg zu finden und es nicht mit der Reduktion der Wassermenge zu übertreiben. 200 l/ha sollten es idealerweise schon sein. 

Wo liegen derzeit die grössten Herausforderungen beim Pflanzenschutz? 
Wohlhauser: Der erste Punkt sind die sehr strengen Zulassungsbedingungen, die es in Europa und in der Schweiz gibt. In den letzten Jahren ist die Anzahl der registrierten Wirkstoffe in Europa von zirka 850 auf momentan knapp über 200 gesunken. Das heisst, Produkte werden schneller vom Markt genommen, als neue zugelassen werden. Neue Produkte können nur schwer registriert werden, weil die Zulassungsbedingungen so hoch sind. Das bedeutet, dass in Zukunft manche Kulturen schwieriger im Anbau sein werden, da es Lücken gibt in Bezug auf die Produkteauswahl. Wenn weniger Wirkstoffe zur Verfügung stehen, kann dies unter Umständen auch schneller zu Resistenzen gegenüber den vorhandenen Wirkstoffen führen. Der zweite Punkt ist, dass der Pflanzenschutz und die Pflanzenschutzmittel ein negatives Image haben. Konsumenten möchten saubere, rückstandsfreie und billige Produkte, die zwölf Monate im Jahr erhältlich sind, ohne zu wissen, wie die Produkte hergestellt werden. Damit das Image nicht noch weiter sinkt, muss jede einzelne Pflanzenschutzmassnahme durch jeden einzelnen Anwender professionell durchgeführt werden. Das Pflanzenschutzmittel muss auf dem Acker bleiben und darf nicht in Oberflächen- und Fliessgewässer nebenan gelangen. Damit dies gelingt, ist die Sensibilisierung und die Ausbildung der Anwender enorm wichtig. Wir bei Syngenta, aber auch Beratungsdienste und Schulen müssen eine entsprechende Beratung bereitstellen. Der dritte Punkt ist, dass die Analytik heutzutage sehr genau ist und auch Kleinstmengen nachgewiesen werden können. Jeder einzelne Wirkstoff enthaltende Tropfen, der ins Wasser gelangt, ist ein Tropfen zuviel. Ebenso können kleinste Rückstandsmengen auf und in landwirtschaftlichen Erzeugnissen bestimmt werden. Die zugelassenen Pflanzenschutzmittel müssen also unbedingt zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Dosierung ausgebracht werden, um negative Ueberraschungen zu minimieren.  Umso mehr gilt  auch hier wieder: Der Anwender muss jede einzelne  Applikationen hochprofessionell durchführen. 

Wie sieht Pflanzenschutz in Zukunft aus?
Wohlhauser: Wie bereits ausgeführt ist der Pflanzenschutz unter Druck und es ist absehbar, dass die Zulassungsbedingungen auch noch weiter steigen werden. Das heisst, dass nur noch Wirkstoffe mit einem sehr günstigen Risikoprofil (z.B. im Bezug auf Rückstände und Umweltverhalten) entwickelt und zugelassen werden. Die vollständige Entwicklung eines neuen Wirkstoffes wird komplizierter, risikoreicher und teurer. Die Anzahl der zugelassenen Wirkstoffe, aber auch der Anbieter, wird wohl weiter sinken, was den Anbau gewisser Kulturen aufwändiger werden lässt.  Syngenta betreibt viel Forschung in der Schweiz, dank derer die Innovation im Pflanzenschutz weiterlebt. Neue Wirkstoffe, Biocontrol mit biologischen Wirkstoffen und Organismen werden erforscht und hoffentlich zur Marktreife gebracht werden können. In Zukunft wird es möglicherweise so sein, dass synthetische Pflanzenschutzmittel eher in der ersten Hälfte der Saison genutzt werden und je näher die Ernte rückt, desto mehr wird man versuchen, biologische Produkte einzusetzen, um möglichst keine Rückstände zu generieren. Syngenta und auch andere Firmen forschen sehr stark in Richtung biologische Mittel. Bei der Applikationstechnik sind meines Wissens nach in nächster Zeit keine grossen Änderungen zu erwarten. Die neuste Entwicklung, der Einsatz von Drohnen zur Applikation von Pflanzenschutzmitteln, ist noch nicht ausgereift und bedarf noch einiger Entwicklungs- und Verbesserungsarbeiten. Im Kanton Wallis werden derzeit Drohnen im Weinbau getestet, um den Einsatz zu optimieren und zu schauen, ob mit Drohnen der Einsatz von Hubschraubern eingeschränkt werden kann. 

Als Leiter der Globalen Applikationstechnik sind Sie weltweit unterwegs. Gibt es in anderen Ländern Methoden oder Techniken, die in der Schweiz noch nicht verbreitet sind, aber auch hierzulande interessant wären?
Wohlhauser: Das Stichwort hier ist die Digitalisierung der Landwirtschaft. Man kann ein Gerät mit Sensoren aller Art und Elektronik so ausrüsten, dass es von selbst fährt, die Technik die Entscheidungen fällt und der Fahrer quasi nichts mehr selbst machen muss. Dies bedingt allerdings grössere Investitionen. Daher sind solche Technologien attraktiver für grössere Betriebe, für die die Investitionen relativ gesehen tiefer sind als für kleinere Betriebe. Entsprechende Technologien werden daher in den grossen Agrarländern wie Russland, Brasilien und USA schneller eingesetzt. Ein weiterer Aspekt ist, dass man weg kommen wird von ganzflächigen Applikationen. Die Elektronik wird es erlauben, nur noch Teilflächen zu behandeln - sogenannte Spot Applikationen. Sensoren, zum Beispiel vorne am Traktor, erfassen die Kultur und die Düsen hinten applizieren nur dort, wo beispielsweise Ungras oder Unkraut wächst. Diese Entwicklung ist positiv für die Umwelt und auch für die Registrierbarkeit von Produkten, da die gesamthaft auf einer Kultur und Hektare ausgebrachten Produktemengen gesenkt werden können. Im asiatischen Raum werden bereits jetzt mit Tausenden von Drohnen Pflanzenschutzmittel ausgebracht. Vor allem im Reis ersetzt die Drohne die Anwendung mit der Rückenspritze mehr und mehr, da einerseits immer weniger Leute gewillt sind, solche Arbeiten zu verrichten, andererseits die Arbeitskräfte auch immer teurer werden.  

Quelle: UFA-Revue 04/2019
  • Autor/Redaktor
  •  Redaktion [RED]

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