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Nutztiere 27.11.2019 16:44

Schweizer Rentiere als Weihnachtsstars

Über 300 Lamas und Alpakas - und 2 Rentiere. Sie alle leben auf dem Betrieb von Familie Luginbühl aus Aeschi BE. Zur Weihnachtszeit sind die beiden Rentiere die unumstrittenen Stars.
  • Arnold Luginbühl füttert Snow sein Lieblingsfressen. Bild: Ann Schärer, LID

Snow kommt als Erster herbeigerannt, dicht gefolgt von Conquistador als Arnold Luginbühl das Tor zum Gehege öffnet. Das verheissungsvolle Knistern könnte ja durchaus einen Leckerbissen bedeuten. Und tatsächlich bekommen die beiden Rentiere als kleinen Snack ein paar Flechten gereicht. Snow und Conqui sind auf dem Hof der Familie Luginbühl in Aeschi geboren und führen meistens ein gemächliches und friedliches Leben. Doch in der Vorweihnachtszeit ist alles anders: die Agenda der beiden ist bis und mit Januar gut gefüllt.
Die Nordtiere sind nämlich das Highlight bei Foto-Shootings für Hobbyfotografen. Dann haben sie jeweils einen grossen Auftritt an der Seite diverser Models und dürfen sich für einige Stunden im Schnee hoch über dem Brienzersee in Szene setzen. Diese Workshops werden jeweils von der Fotografin Anna Nitschke organisiert und erfreuen sich grosser Beliebtheit. "Es sieht lustig aus, wenn zehn oder zwölf Fotografen in einer Reihe auf dem Bauch im Schnee liegen und Fotos von unseren Rentieren mit einem Modell schiessen", meint Arnold Luginbühl.

Ausgeprägtes Konkurrenzdenken
Beim Züchten hat Arnold Luginbühl immer sehr darauf geachtet, dass es nicht zu Inzucht komme und deshalb neue Böcke dazugekauft. In der Schweiz halten ausser ihm noch einige wenige andere private Züchter Rentiere. Ein Herdebuch oder ein anderes Zuchtregister gibt es jedoch nicht. Dafür gibt es in der Schweiz zu wenige Tiere.
"Leider ist das Verhältnis unter den Schweizer Rentierzüchtern und -haltern nicht wirklich gut. Das Konkurrenzdenken ist leider enorm stark ausgeprägt", sagt er bedauernd. Insbesondere auch im Hinblick auf den Genpool wäre ein guter Austausch sicher wichtig. Doch scheint dies nicht möglich. Auch deshalb betreibt Arnold Luginbühl gemeinsam mit seiner Frau Uli Lippl und seinem Bruder Toni Luginbühl nur noch eine Rentier-Vermietung und keine Zucht mehr.
Auch als Samichlaus-Begleitung oder Blickfang für die Gäste des Hotels Palace in Gstaad sind Snow und Conquistador sehr gefragt. "Wo die beiden hinkommen, stehen sie sofort im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit", erzählt Arnold Luginbühl. Vor allem Snow liebt es, im Rampenlicht zu stehen, Conqui hingegen könnte vermutlich eher ohne die grosse Showbühne leben. Snow war von Anfang an sehr menschenbezogen und auch der 2014 geborene Conqui mag Menschen, wenn er auch etwas mehr auf Distanz geht. "Er ist ganz im Sinne seines Namens (Eroberer) halt etwas wilder geblieben", sagt Tochter Carmen Luginbühl. Als die beiden Rentiere jung waren, hat Familie Luginbühl-Lippl viel mit ihnen trainiert und ging mit den beiden spazieren. So gewöhnten sich die Tiere schnell ans Halfter und auch an fremde Menschen. Insbesondere bei Rentieren ist dies wichtig, da sie von Natur aus eher scheu und an ein Leben in halbwilden Herden gewöhnt sind.
Ausgewachsen sind Rentiere mit etwa dreieinhalb Jahren. Sie dann aber für Fleisch und Fell zu schlachten, wäre nicht rentabel, meint Luginbühl. Ein Rentier koste etwa drei Franken am Tag - also relativ viel. So müsste man für Fleisch und Fell so viel Geld verlangen, dass dies kaum jemand bezahlen würde. Und so können Snow und Conqui ein Leben ganz ohne Angst vor dem Metzger führen.

Passen in die alpine Gegend
Es ist vor allem der besondere Speiseplan, der den Rentier-Unterhalt so teuer macht. Luginbühls Rentiere fressen morgens jeweils Mais und abends eine kohlenhydratreiche Futtermischung, die speziell auf die Bedürfnisse von Rentieren ausgerichtet ist. Zwischendurch gibt es als Lockmittel ihr absolutes Lieblingsfressen: Flechten. Und im Sommer auf der Weide fressen die beiden gerne Gras. Von der Konstitution her sind Rentiere sehr robust, schliesslich ist ihr Organismus auf ein hartes Leben im hohen Norden ausgerichtet. Einzig die Verwurmung ist ein Problem. Und so werden Luginbühls Rentiere regelmässig entwurmt.
"Rentiere passen sehr gut in die alpine Gegend von Aesch. Sie sind sehr berggängig und das Klima entspricht ihnen ebenfalls", sagt Arnold Luginbühl. Meistens jedenfalls. Im Sommer, wenn es heiss ist, bleiben sie jeweils lieber im Schatten. "Hier oben auf fast 1000 Metern über Meer geht aber meistens ein Lüftchen, was den beiden sehr entgegenkommt", ergänzt Tochter Carmen. Sie ging mit den beiden Rentieren sogar schon mal im Thunersee schwimmen. Eine Aktion, die viele überraschte Blicke auf sich zog. "Leider schwammen dann überall auf der Wasseroberfläche Rentierhaare", sagt Mutter Uli Lippl lachend. Deshalb lässt die Familie die Rentiere seither zu Hause, wenn es zum Baden geht. Doch aktuell ist weniger Baden als viel mehr vorweihnächtlicher Trubel angesagt.
Wer den beiden Rentieren begegnen möchte, kann dies noch bis am 5. Januar auf dem Wiehnachtswäg Aeschi tun. Endpunkt dieses entschleunigenden Weges ist der Betrieb der Familie Luginbühl-Lippl, wo ein Beizli und viele Lamas, Alpakas sowie die zwei Rentiere auf die Besucher warten.
Auf die Idee, Rentiere zu halten, kam Arnold Luginbühl bereits 1994 als er in den USA unterwegs war und ein "Rent a reindeer"-Schild gesehen hat. "Ich dachte mir, das könnte in der Schweiz gut ankommen", sagt er rückblickend. Doch erst 2009, war es soweit und er beschloss, einige Rentiere aus Finnland zu importieren. Doch erfuhr er kurz vorher, dass ein Rentier-Züchter aus Melchsee-Frutt aufhören wolle. "In dieser Herde machte kurz vorher ein Rentier namens Cosmos in der ganzen Schweiz Schlagzeilen, weil es ausgerissen war und man es länger nicht mehr einfangen konnte", sagt Luginbühl. Von diesem Züchter konnte er neun Tiere übernehmen und am 5. Mai 2010 stellte sich bereits zum ersten Mal Nachwuchs ein: Kälbchen Snow kam zur Welt.
Bald schon wuchs die Herde auf 20 Tiere an und das Geschäft mit den Rentieren lief vor allem von November bis Januar gut. Trotzdem hat die Familie Luginbühl-Lippl jetzt nur noch zwei Tiere, denn es fehlte einfach zunehmend an Zeit für die Nordtiere. "Unsere über 300 Lamas und Alpakas nehmen viel Zeit in Anspruch. Es blieb uns einfach zu wenig Zeit, um uns parallel dazu um 20 Rentiere zu kümmern. Deshalb haben wir die meisten Rentiere verkauft", sagt Luginbühl.

Quelle: LID, Ann Schärer
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