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Nutztiere 30.10.2019 16:10

«Weshalb habe ich so viele totgeborene Kälber?»

Ich bin stolzer Landwirt von 15 Limousin-Mutterkühen. Jedes Jahr geht die Herde von Mitte Juni bis Ende September auf die Alp. Letztes Jahr
kam von Oktober bis Dezember leider nur eines von vier neugeborenen Kälbern lebendig zur Welt. Hatte ich einfach nur Pech oder muss ich dieses Jahr wieder mit so vielen toten Kälbern rechnen?
Landwirt G. H.
  • Bild: pixabay.com

Nein, es ist praktisch auszuschliessen, dass Sie «nur» Pech hatten. Man kann davon ausgehen, dass bei über sechs Prozent totgeborenen Kälbern ein Bestandesproblem vorliegt. Das bedeutet in Ihrem Fall, dass bereits ab durchschnittlich einem toten Kalb pro Jahr ein Problem vorliegt.
Folgendes können mögliche Ursachen für die hohe Anzahl Totgeburten sein:

  • Spurenelementmangel bei den Kühen (insbesondere Selenmangel und etwas seltener Manganmangel)
  • Ungünstige Anpaarung (zu grosse Kälber: Stier-Genetik)
  • Ungenügende Geburtshilfe oder Schwergeburten (Fehlstellung,
  • Grösse und Gewicht des Kalbes)
  • Körperkondition (schlecht entwickelte Rinder oder zu fette Tiere mit BCS > 3,75)
  • Erkrankungen des Muttertieres (z.B. Kalzium- oder Magnesiummangel)
Einige genannte Punkte können meist schnell ausgeschlossen werden. Aus meiner Erfahrung spielt ein Selenmangel je nach Gebiet eine häufige Rolle bei Totgeburten. Seltener sind der Stier, die ungenügende Geburtshilfe oder die Körperkondition der Kühe das Problem. Ein sehr wichtiger Faktor für eine verlängerte Geburtsdauer und lebensschwache Kälber mit stark verminderter Sauglust ist der Selengehalt. Selen ist ein sehr wichtiges Spurenelement und muss aufgrund der selenarmen Böden in der Schweiz in der Regel zusätzlich verabreicht werden. Selenmangel führt bei Kälbern zu Muskelschwäche. Bei neugeborenen Kälbern ist mitunter die Zunge betroffen.
Das Kalb zeigt Trinkschwäche, die Zunge kann nicht gerollt werden und hängt mehr oder weniger schlaff seitlich zum Maul heraus. Bei älteren Kälbern tritt die sogenannte Weißmuskelkrankheit auf (plötzliche Todesfälle nach Aufschreien, Herzrhythmusstörungen und Atemnot, steifer Gang, Schwäche, Muskelzittern, Kopf kann nicht lange gehoben werden).
Die Kuh transportiert während der Trächtigkeit Selen über das Blut zu den Kälbern. Ausserdem erfolgt die Aufnahme von Selen beim Kalb direkt nach der Geburt mit Kolostrum. Dies setzt jedoch voraus, dass die Mutter­kuh selbst über ausreichend Selen verfügt. Es besteht die Theorie, dass ein Selenmangel zu einer geschwächten Wehen- und Presstätigkeit führt und die Gebärmutter aufgrund der Muskelschwäche weniger Austreibungskraft entwickelt. Zudem ist das Ablösen der Nachgeburt gestört.
Überprüfen Sie die Mineralstoffversorgung Ihrer Kühe frühzeitig und passen Sie diese bei Bedarf zwingend drei bis vier Wochen vor der Geburt an. Die Selenversorgung kann gut und einfach im Blut überprüft werden. Ich empfehle, Selen per Injektion zu spritzen, was aber erst in Absprache und auf Empfehlung vom Bestandestierarzt erfolgen sollte.

Dr. med. vet. Beat Berchtold, Tierärztliche Bestandesbetreuung Quelle: UFA-Revue 10/2019
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