Management

Zuhören ist gewonnene Zeit

Die Landwirtschaft ist mit vielen Vorwürfen konfrontiert. Jetzt eine Abwehrhaltung einzunehmen führt nicht zum Ziel. Der Dialog klappt am besten, wenn beide Seiten einander zuhören. Judith Pfefferli hat schon oft erlebt, wie ein Gespräch Fronten aufweicht und wie das Vermitteln von Wissen das Verständnis für die Landwirtschaft fördert.

Zeigt den kleinen, woher die Pommes kommen: Judith Pfefferli mit ihrer Bauernhofspielgruppe. 

(Bild: LID)

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freie Journalistin

Mit dem Zuhören ist es so eine Sache. Fast alle erwachsenen Menschen glauben, dass sie gute Zuhörer sind. Wenn der andere spricht, konzentrieren wir uns aber meist bereits darauf, was wir antworten wollen. Wir gehen so nicht auf unser Gegenüber ein und können den Gesprächspartner folglich nicht verstehen. Die Kunst ist es, beim Zuhören nicht nur die Wörter, sondern die Person dahinter zu verstehen. Denn nur wer die Position des Gegenübers und dessen Gründe dafür kennt, kann mit seiner Überzeugungsarbeit Erfolge erzielen.

Grundkenntnisse vermitteln

Die Bäuerin und Werklehrerin Judith Pfefferli weiss, wovon sie spricht. Sie hat als Anbieterin einer Spielgruppe regelmässig kleine Kinder bei sich auf dem Hof und ist mit deren Eltern in regem Kontakt. «Die meisten Leute haben keine Ahnung von der Landwirtschaft», sagt Judith Pfefferli. «Es bringt viel, wenn man sich dessen bewusst ist.» Das beginnt beim Verhalten draussen: Viele Leute joggen durch die Ökostreifen, werfen Stöcke für ihren Hund ins hohe Gras und lassen den Hund da laufen. Den meisten Menschen fehlt das Grundwissen beispielsweise in der Tierhaltung. Es ist ihnen deshalb nicht möglich zu verstehen, was es alles braucht, bis ein fertiges Produkt im Laden ist.

«Erst beim Zuhören merkt man, dass die betroffene Person nicht an die Folgen für die Landwirtschaft denkt», sagt Judith Pfefferli. Bei einem Gespräch erklärte ihr ein Hundebesitzer, er zahle Hundesteuern, also hätten seine Hunde ein Anrecht darauf, frei herumzurennen und nicht immer an der Leine geführt werden zu müssen. Dieses Argument zu kennen war für Judith Pfefferli wichtig. So konnte sie ihm empfehlen, seine Hunde besser an einer Stelle frei laufen zu lassen, wo sie die jungen Feldlerchen beim Nisten nicht stören würden.

Vier Tipps, wie man die Wünsche und Ängste seiner Kunden versteht

  • Kinder sind die Konsumenten von Morgen - ihnen zuhören lohnt sich. 
  • Einfach, klar und verständlich anhand von Praxisbeispielen erklären, d.h. Problematik und mögliche Lösungen aufzeigen. 
  • Zusammenhänge und Kreisläufe sachlich erklären und selber nicht immer das Gefühl haben, sich für die eigene Arbeit rechtfertigen zu müssen. 
  • Sich bewusst sein «der Kunde ist König», aber auch im Wissen, dass der Kunde den Landwirt braucht.

Zuhören ist die beste Grundlage

«Wenn ich einer Mutter zuhöre, weshalb sie in Deutschland einkaufen geht, kann ich ihr auch besser aufzeigen, welches die Gründe sind für den höheren Verkaufspreis von Schweizer Gemüse oder Fleisch. Das Zuhören ist die Grundlage für einen offenen Dialog», ist Judith Pfefferli überzeugt. Momentan befindet sich ihr Betrieb in der Umstellung auf Bio. Da sie folglich kein gebeiztes Saatgut mehr verwenden dürfen, mussten Pfefferlis auf dem frisch angesäten Maisfeld 1.5 km ausserhalb des Siedlungsgebiets einen Vogelschreck-Apparat aufstellen. Innert kurzer Zeit entstand eine grosse Facebookgruppe, die gegen Pfefferlis hetzte. Ebenfalls gingen Meldungen bei der Polizei ein. Einen Tag später kam Judith Pfefferli beim Einkaufen mit dem Gründer der Facebook-Gruppe ins Gespräch.

Sie hörte ihm zu, als er ihr erzählte, weshalb ihn der Vogelschreck so störe. Und er hörte ihr zu, als sie erklärte, dass dies die einzige Lösung sei, die Vögel vom Feld fernzuhalten. Pfefferli ermunterte den Mann, bessere Vorschläge zu bringen. Solche kamen aber nicht. Am gleichen Nachmittag erklärte der Mann sich mit einem neuen, versöhnlichen Eintrag auf der Facebook-Seite einverstanden: «An der Umstellung auf Bio und den damit verbundenen Konsequenzen hatten weder er noch andere Gruppenmitglieder etwas auszusetzen», sagt die Bäuerin.

Die Kleinen haben grosse Fragen

Als Lehrerin und Spielgruppenleiterin ist sich Judith Pfefferli den Umgang mit Kindern gewöhnt. «Die für uns kleinen Anliegen sind bei Kindern oft die grossen Fragen», sagt sie. Ihnen gut zuzuhören sei besonders wichtig: «Auf die Fragen, Anliegen und Ängste der Kinder einzugehen ist das A und O.» Eine offene und ehrliche Kommunikation und das Vorzeigen und Erklären anhand von Beispielen helfe den Kindern, viele neue Dinge ganzheitlich zu verstehen.

Pfefferli geht mühelos auf die Bedürfnisse von Kindern ein. «Beim Jahreszeiten-Kurs habe ich gemerkt, dass die Mädchen sich bereits stark mit ‹Mädchenthemen› beschäftigen», sagt die Mutter von vier erwachsenen Kindern. Kurzerhand rief sie einen Mädchen-Kurs ins Leben, der Naturkosmetik und gesunde, regionale Ernährung als Schwerpunkte beinhaltet. Sie führt ihn nun bereits im zweiten Jahr und freut sich über das grosse Interesse und viele Teilnehmerinnen.

Zeit nehmen lohnt sich

Zuhören ist zwar oft anstrengend, bringt aber viele Vorteile mit sich: Das Gegenüber fühlt sich ernst genommen. Wer zuhört, kann auf die Bedürfnisse des Gegenübers eingehen. So können viele Missverständnisse aus dem Weg geräumt werden. «Manchmal braucht es eine halbe Stunde Zeit für ein klärendes Gespräch», sagt Judith Pfefferli. «Danach hat man von landwirtschaftsfernen Leuten wieder mehr Verständnis und Anerkennung für die Arbeit im Stall, auf der Wiese und auf dem Feld.» Man müsse sich bei Diskussionen nicht immer einig werden, aber wenn man gut zuhöre, verstehe man die Reaktion des andern. Und Judith Pfefferli sieht noch weitere Vorteile: «Wir denken, dass wir unser Gegenüber kennen. Dabei tickt es oft ganz anders. Das können wir gar nie erfahren, wenn wir einander nicht richtig zuhören.» 

Kommunizieren, aber richtig

Der Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) zeigt 2020 mit der Serie «Kommunizieren, aber richtig» in jeder Ausgabe der UFA-Revue, wie Landwirtinnen und Landwirte mit der richtigen Kommunikation die Landwirtschaft an die Öffentlichkeit tragen können. Hilfreiche Tipps finden Sie im Praxishandbuch «Kommunikation für den Hof» auf www.lid.ch.

 

Zur Person

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Franz Pfefferli und den beiden Söhnen führt Judith Pfefferli einen Milchbetrieb in Wangen bei Olten. Auf ihrem Hof bietet sie Bauernhofspielgruppen, Jahreszeiten- und Gartenkurse für Kinder sowie Schule auf dem Bauernhof an. Sie leitet zudem den Zertifikatslehrgang «Bauernhofspielgruppenleiterin» der IG-Spielgruppen Schweiz.

Neben zahlreichen Preisen im In- und Ausland wurde Judith Pfefferli 2019 mit dem Agro-Star-Suisse geehrt.

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