Management

Nach der Lehre kommt der Meister

Nach dem Lehrabschluss geht die Ausbildung erst richtig los. Nicht so in der Landwirtschaft. Nach der LAP drückt hier nur eine Minderheit erneut die Schulbank, obwohl die Mehrheit später einen eigenen Betrieb führt. Doch die Erfahrung zeigt: Wer weitermacht und die Zusammenhänge besser versteht, wagt später eher ein unternehmerisches Risiko.

Die Rickenbachs im Gespräch mit Community-Vermarkter Tobias Joos: Das Saison Pick-Up bescherte den Landwirten einen dreimal höheren Erlös bei ihren Bio-Hochstammkirschen.

(Bild: Crowd Container)

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Redaktor UFA-Revue

Es ist paradox. Achtzig Prozent der frisch ausgelernten Landwirtinnen und Landwirte mit einem EFZ-Abschluss übernehmen später einmal einen Betrieb. Doch nur gerade zwanzig Prozent von ihnen streben nach der LAP einen höheren Berufsabschluss an. «Wenn man die reinen Zahlen sieht, ist das bedenklich», sagt Petra Sieghart, Leiterin des Geschäftsbereichs Bildung vom Schweizerischen Bauernverband. «Wer einen Betrieb im Haupterwerb erfolgreich führen will, dem reicht eine Grundausbildung heute nicht mehr aus», ist die Berufsbildungsfachfrau überzeugt.

Weg von zu Hause

Landwirte, die jahrein, jahraus dem Jahreszeitenverlauf folgend dieselben Tätigkeiten verrichten, passen auch für viele Berufskollegen heute nicht mehr ins Bild. Adrian Gerber (26) hat diesen Sommer als Meisterlandwirt am landwirtschaftlichen Bildungszentrum Inforama Rütti (BE) abgeschlossen und weiss, wofür er nach der Grundausbildung neben Stall und Feld nochmals die Schulbank drückte: «Ich musste einsehen, dass der Strukturwandel auch hier im Emmental angekommen ist. Es wird alles immer vielschichtiger, grösser, komplexer.» Gerber bewirtschaftet in einer Generationengemeinschaft mit seinem Vater, ebenfalls Meisterlandwirt, einen 43 Hektaren grossen Lehrbetrieb in Langnau (BE) in der voralpinen Hügelzone bis in die Bergzone 3. Dazu gehören 40 Milchkühe, 560 Mastschweine und rund ein Dutzend Pensionspferde.

Nach seinen drei Lehrjahren zog es ihn in die Ferne nach Neuseeland, wo er für ein halbes Jahr auf einer Milchfarm seinen Horizont erweiterte. Diese Zeit sei für ihn prägend gewesen, schwärmt der Meisterlandwirt: «In diesen sechs Monaten habe ich mehr gelernt, als in meiner ganzen schulischen Ausbildungszeit». Hier lernte er die Vorzüge der Vollweide mit einer saisonalen Milchproduktion kennen. Ein Konzept, das er mittlerweile auch auf seinem Betrieb mit ausgeprägter Hanglage erfolgreich eingeführt hat. Mit diesem System konnte Gerber die Produktionskosten senken und trotz durchschnittlich tieferem Milchpreis weiterhin wirtschaftlich produzieren. Die gewonnene Zeit in der Melkpause während den Monaten Dezember und Januar kann er anderweitig investieren.

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Angepasste Vollweide: Im Hochsommer sind Gerbers Kühe über die heissen Mittagsstunden im schattigen Stall. Futter gibt es aber erst wieder draussen.

(Bild: Adrian Gerber)

Die Schulmüdigkeit anderer EFZ-Absolventen kann Gerber insofern nachvollziehen, da für ihn mehr Schulstunden aus einem Menschen nicht automatisch einen besseren Landwirt macht. Es sei die Kombination aus den betriebswirtschaftlichen Fächern gepaart mit den praktischen Erfahrungen auf anderen Betrieben, die ihn beruflich weitergebracht hätten.

Im Minimum Betriebsleiter

Auch Sieghart stützt Gerbers Ansicht über den Wert der Erfahrungen auf Fremdbetrieben. Für sie ist die Erfahrung auswärts aber noch lange kein Ersatz für einen höheren Berufsabschluss. Sie sieht den Hemmschuh vielmehr in den Strukturen der Schweizer Landwirtschaft. Von den insgesamt rund 50 000 Betrieben in der Schweiz sind ein knappes Drittel Nebenerwerbsbetriebe, für deren Führung die Grundausbildung in der Regel ausreiche, sagt sie. Wer Landwirtschaft nicht im Haupterwerb betreibt, fokussiert seine Karriereplanung eher auf den Zweitberuf. Ansonsten sieht Sieghart einen Zusammenhang in der familieninternen Weitergabe von Landwirtschaftsbetrieben: «Bei der Mehrheit, die den Beruf des Landwirts erlernen, ist der Lebensweg mit der später geplanten Hofübernahme bereits klar, wenn sie mit der Grundausbildung starten.» Es fehlt also bei vielen schlicht der Anreiz, weil der Zusatznutzen einer Weiterbildung nicht von vornherein klar ersichtlich ist.

Blickt man jedoch genauer hin, sieht die Sache anders aus. Seit zwanzig Jahren verschwinden Klein- und Mittelbetriebe bis 30 Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche kontinuierlich zugunsten der grösseren Höfe. Bei den Betrieben mit mehr als 50 Hektaren ist über diese Zeitperiode ein jährlicher Zuwachs von fünf Prozent zu verzeichnen. Viele Betriebe werden so immer öfter auch zu Arbeitgebern und brauchen entsprechend zusätzliche Kompetenzen in den Bereichen Finanzbuchhaltung, Versicherungs-, Arbeits- und Steuerrecht.

Der Branche angepasst

Bildungsverantwortliche wie Sieghart raten deshalb allen, die im Vollerwerb tätig sein werden, nach der Grundausbildung mindestens den Betriebsleiter anzuhängen. Organisatorisch ist die Weiterbildung im Agrarbereich der Branche angepasst. Die Kurse sind schweizweit modular aufgebaut. Damit Berufsalltag und Schule unter einen Hut passen, behalten die Einzelabschlüsse ihre Gültigkeit sechs Jahre lang. Der Bund unterstützt die höhere Berufsbildung (Berufsprüfungen und Höhere Fachprüfungen). Nach Abschluss der Eidgenössischen Schlussprüfung können die Absolventinnen und Absolventen maximal 50 Prozent der Modulkosten direkt zurückfordern.

«Ich weiss jetzt, wie man ein neues Projekt angeht.»

Christoph Rickenbach

Ein Besuch der Berufsmittelschule ebnet alternativ den Weg in Richtung Bachelor und Master in Agronomie auf Stufe Fachhochschule oder Hochschule (siehe Grafik).Für jemanden, der keine Aussichten auf einen eigenen Betrieb hat, besteht die Möglichkeit, nach der landwirtschaftlichen Grundausbildung die HF-Weiterbildung zum Agrotechniker oder Agrokaufmann zu absolvieren (siehe UFA-Revue 04 / 2020).

Den Preis selbst bestimmt

Sieghart ist überzeugt: «Weiterbildung bedeutet nicht nur Fachwissen, sondern auch Netzwerk.» Diese Erfahrung machte auch Biolandwirt Christoph Rickenbach (33) aus dem aargauischen Gipf-Oberfrick. Gerade in der Landwirtschaft sind innovative Projekte sehr willkommen. Wer aber neue Wege wählt, muss das Risiko vorgängig kalkulieren können. Rickenbach hatte den Mut und rechnete richtig. Auf dem Riedackerhof bewirtschaftet er zusammen mit seinem Vater 34 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche. Neben der Ammenkuhhaltung (20 GVE) und Ackerbau produziert er mit 250 Hochstammbäumen Obst, mehrheitlich Kirschen. Letztes Jahr musste er davon eine gute Tonne zu einem niedrigen Preis in die Weiterverarbeitung verkaufen, da die Mengen nicht planbar waren und die Hochstammkirschen wegen ihrer geringeren Kalibergrösse den Anforderungen von Tafelobst nicht genügen. Rickenbach entschied sich für einen neuen Vermarktungsweg und schloss sich mit dem Zürcher Lebensmittelvermarkter Crowd Container zusammen. «Das Preisdiktat und die Qualitätsansprüche der Grossverteiler sind für mich seit längerer Zeit inakzeptabel», begründet Rickenbach seinen Schritt in Richtung alternatives Handelsmodell. Beim Community-Vermarkter lief das genau umgekehrt: «Ich rechnete und sagte, was ich haben muss.» Der Vermarktungspartner schlug ein und die Rechnung ging für beide Seiten auf. Die Kirschen vom Riedackerhof waren schnell vergriffen.

Betriebsleiter auf Umwegen

Rickenbachs Karriere ist atypisch in der Landwirtschaft. Nach der Handelsschule mit Berufsmittelschulabschluss absolvierte er am landwirtschaftlichen Bildungszentrum Strickhof (ZH) die Grundausbildung Landwirtschaft auf dem zweiten Bildungsweg. Rickenbach war sich damals jedoch noch unsicher, ob er den elterlichen Hof übernehmen wird. «Mit 21 Lebensjahren fühlte ich mich überhaupt noch nicht reif, einen eigenen Betrieb zu führen», erinnert er sich an die Zeit direkt nach seinem EFZ-Abschluss, «zudem wollte ich unbedingt noch mehr sehen, bevor ich mich auf einen eigenen Betrieb einlasse.» Ihn zog es deshalb erst in einen Handelsbetrieb. Parallel dazu besuchte er an der Hochschule für Agrar-, Forst und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) den Bachelor-Studiengang in Agronomie. Betriebsleiter ist Rickenbach erst seit Anfang 2018. Dabei merkte er schnell, wie ihm sein schulisches Fachwissen und seine Berufserfahrung entgegenkommen: «Ich bin ruhiger und gelassener, weil ich weiss, wie man ein neues Projekt angeht, und weil ich in der Lage bin, Dinge zu hinterfragen», ist Rickenbach überzeugt und verweist auf die innovative Kirschenvermarktung: «Einen solchen Schritt hätte ich als frisch ausgebildeter Landwirt sicherlich nicht gewagt.» 

Bildungswege

Weiterführende Informationen

  • Schweizer Bauern­verband SBV: www.sbv-usp.ch ➞ Themen ➞ Berufs­bildung
  • Berufsfeld Land­wirtschaft (OdA AgriAliForm): www.agri-job.ch ➞ höhere Berufsbildung ➞ Moduldrehscheibe
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