Auf einem kleinen Traktor mit vier Anhängern fährt Angela Preisig in die Obstanlage. Die Ernte der Birnensorte Celina hat begonnen. Die junge Frau pflückt eine Frucht nach der anderen und legt sie in den Erntekorb. «Die leicht roten Backen zeigen, ob die Birne erntereif ist oder noch nicht», erklärt sie. Im Sommer 2026 hat Angela Preisig die Meisterprüfung in Obstbau abgeschlossen. Nun arbeitet sie mitten in «Mostindien» auf dem Betrieb ihrer Eltern in Mauren (TG) mit. In drei bis vier Jahren möchte sie den 33-ha-Betrieb übernehmen. Die Familie baut acht Apfel- und fünf Birnensorten an. «Das ist noch wenig», schmunzelt Angela Preisig. «Direktvermarkter haben zum Teil bis zu 30 Sorten.» Geerntet wird von Anfang August bis Ende Oktober. Im Winter werden die Obstbäume geschnitten. «Beim Baumschnitt hat jeder Bauer seine eigene Philosophie», sagt die Obstbaumeisterin.
Vom Verkauf in den Obstbau
Obstbäuerin zu werden war nicht von Anfang an Angela Preisigs Ziel. «Unsere Eltern liessen uns drei Geschwistern bei der Berufswahl freie Hand», erzählt sie. Im Dorf hätten die meisten Frauen eine Lehre in der Pflege, im Verkauf oder als Kauffrau begonnen. Sie entschied sich für eine Lehre als Detailhandelsfachfrau in einer Papeterie.
Angela Preisig, Obstbaumeisterin, 8576 Mauren (TG)
«Man setzt sich vermehrt mit der Zukunft des Betriebs auseinander.»
Anstellung auf Familienbetrieb | 33 ha LN (14 ha Obstbau mit Apfel- und Birnen-Niederstammanlagen, 12 ha Ackerbau, 4 ha Wald, 3 ha BFF) | Obstbaumeisterin seit 2026 | Familienfremde Arbeitskräfte: 2 Festangestellte, 2 Erntehelfer, 2 – 3 Pensionäre
Danach arbeitete sie Teilzeit und half zu 50 % auf dem elterlichen Betrieb mit. «Auf dem Hof hat es mir den Ärmel reingezogen», sagt Angela Preisig. Sie absolvierte eine Zweitausbildung als Obstfachfrau. In der Berufsfachschule am Strickhof war sie die einzige Frau. Auf den EFZ-Abschluss folgten die Betriebsleiterschule und die Meisterprüfung.
Mehr Sicherheit im Büro
«In der Lehre habe ich nur in zwei Betriebe hineingesehen. Mit der Weiterbildung wollte ich meinen Horizont erweitern», sagt Angela Preisig. Besonders wertvoll sei für sie der Austausch mit den Mitschülern gewesen. «Man nimmt es anders wahr und setzt sich vermehrt mit der Zukunft des Betriebs auseinander», sagt sie. «In der Lehre ist man noch nicht so weit.»
Von ihrer Weiterbildung profitiert Angela Preisig auch abseits der Obstanlage. «Ich habe es gemacht, damit ich im Büro sattelfester werde», sagt sie. In den buchhalterischen Modulen habe sie gelernt, verschiedene Jahre miteinander zu vergleichen und zu erkennen, wo es möglich ist, sich zu verbessern. Auch die Themen Recht und Versicherungen hätten sie besonders interessiert.
Ausbildung und Mutterschaft
Die grösste Herausforderung während ihrer Ausbildung war, dass sie bereits Mutter war und in dieser Zeit ein zweites Kind bekam. «Das ging nur, weil mich mein Umfeld so gut unterstützt hat», erzählt sie. Schwierig sei es zudem gewesen, sich während des Pflanzenschutzes im Frühjahr auf die Abschlussarbeiten zu konzentrieren. Eine weitere Hürde war für sie die Sprache: «Ich bin nicht so stark in Deutsch. Daher war ich froh, dass meine Kollegin alles gegenlesen konnte.»
Heute arbeitet Angela Preisig zu 70 % auf dem Obstbaubetrieb. Die Kinder sind 3 und 6 Jahre alt. Bei der Arbeit auf dem Hof sind sie einfach dabei. «Wenn sie Lust haben, dürfen sie mithelfen oder im Veloanhänger spielen», erzählt die 29-Jährige.
Hacke und Nützlinge statt Spritze
Schon vor der Hofübernahme bringt Angela Preisig ihr Wissen ein. Während ihrer Ausbildung schrieb sie eine Arbeit über den herbizidfreien Anbau. Sie hat die Methode für den Betrieb durchgerechnet und setzt sie nun im ersten Jahr im Obstbau um. «Es ist gut gegangen mit dem Hacken. Das Unkraut kommt nicht so schnell, weil es 2026 trocken war.» Wie sich der Versuch langfristig bewährt, wird sich zeigen.
Der Weg zur Obstbaumeisterin
Die Betriebsleiterschule Obstbau vermittelt produktionstechnisches und betriebswirtschaftliches Wissen für die Führung eines Obstbaubetriebs. Die zweijährige, berufsbegleitende BLS 1 führt zur Berufsprüfung als Betriebsleiter/in Obstbau mit eidgenössischem Fachausweis. Darauf folgt die einjährige BLS 2 mit der höheren Fachprüfung zum/zur Obstbaumeister/in mit eidgenössischem Diplom. www.agri-job.ch
Auch bei Schädlingen setzt Angela Preisig eigene Ideen um. In der Anlage fördert sie zum Beispiel «Ohreschlüüffer», wie sie die Ohrwürmer (Dermaptera) nennt. Diese bekämpfen Birnenblattsauger, indem sie deren Eier und Larven fressen, bevor diese einen klebrigen Honigtau auf Früchten und Blättern hinterlassen. Dafür hängen zwischen den Apfel- und Birnenbäumen umgedrehte Tontöpfe mit Holzwolle darin. Die «Ohreschlüüffer-Hotels», wie Angela Preisig die Konstruktion nennt, dienen den Insekten als Nisthilfe. Gegen weitere Schädlinge setzt die Familie Pheromone ein, die deren Paarung stören.
Hofübergabe frühzeitig planen
Die Meisterprüfung ist abgeschlossen, die Hofübernahme rückt näher. Sie weiss, was es bei einer Betriebsübergabe zu beachten gilt. Nach der Übernahme möchte Angela Preisig ihre Eltern anstellen, falls diese das möchten. Noch 2026 zieht sie mit ihrem Mann Daniel und den zwei Kindern in die Betriebsleiterwohnung ein. Ihr Weg hat sie von der Papeterie mitten in die Obstanlage geführt – und damit in die nächste Generation des Familienbetriebs.
Serie Berufsbildung
2026 stellt der LID in seiner Serie Personen vor, die sich nach ihrer landwirtschaftlichen Grundausbildung weiterqualifiziert haben oder über einen höheren Bildungsweg den Einstieg in die Landwirtschaft gefunden haben.Unterstützung und Hilfsmittel zur Öffentlichkeitsarbeit auf: www.lid.ch/baeuerinnen-und-bauern







