Gemäss Zuchtradar-Zahlen der Suisag und dem UFA-Sauenplaner ist die Wurfleistung der Schweizer Zuchtsauen stetig gestiegen. Im Jahr 2003 lag die Anzahl lebend geborener Ferkel pro Wurf noch bei 11,3, heute sind es 13,2. Parallel dazu stieg die Zahl der tot geborenen Ferkel von 0,6 auf 1,1 je Wurf. Mehr Ferkel pro Wurf verlängern die Geburtsdauer und die Intervalle zwischen den einzelnen Ferkeln. Damit steigt das Risiko von Geburtskomplikationen und Totgeburten.
Dauert eine Geburt weniger als zwei Stunden, liegt die Totgeburtenrate bei rund 2,7 %. Bei vier bis sechs Stunden steigt sie auf 10,7 %, bei über acht Stunden auf mehr als 27 %, wie mehrere Studien aus den Niederlanden zeigen. Die Hauptursache für totgeborene Ferkel ist der Sauerstoffmangel. Besonders betroffen sind Ferkel, die gegen Ende eines Wurfes zur Welt kommen, da sie länger den wiederholten Uteruskontraktionen und der damit verbundenen eingeschränkten Sauerstoffversorgung ausgesetzt sind.
Die Studien zeigen ebenfalls, dass Ferkel, die während der Geburt unter Sauerstoffmangel litten, rund 100 g weniger Kolostrum aufnehmen. Dieses Defizit hat langfristige Folgen: Das Absetzgewicht solcher Ferkel ist in der Folge um 0,5 kg tiefer. Die Tageszunahmen bis zur Schlachtreife sind im Vergleich mit normalen Ferkeln um 9 % geringer. Zu lange Geburten erfordern oft Geburtshilfe und erhöhen dadurch den Arbeitsaufwand im Stall. Als Richtwert gilt: Die Landwirtin oder der Landwirt sollte bei weniger als 20 % der Geburten eingreifen müssen. In der Praxis liegt dieser Wert jedoch meist höher.
Was in der Sau vorgeht
Die letzten zehn Tage vor der Geburt sind der anspruchsvollste Abschnitt im Produktionszyklus, da sich der Hormonhaushalt der Sau in wenigen Tagen umstellen muss. Der Progesteronspiegel fällt, der Gehalt an Östrogen, Prolaktin und Oxytocin steigt. Auch der Energiestoffwechsel ist gefordert, denn zusätzlich zur Versorgung der Föten muss der Stoffwechsel genügend Energie für die einsetzende Milchproduktion bereitstellen. Gleichzeitig frisst die Sau hormonell bedingt weniger, obwohl sie für die stundenlange Geburtsarbeit viel Energie braucht. Zudem nimmt die Darmtätigkeit ab, weil die Föten zunehmend auf den Dickdarm der Sau drücken. Folglich verweilt der Kot länger im Darm, was häufig zu Verstopfungen führt. Aus dem Darminhalt gelangen bakterielle Endotoxine ins Blut, die als Auslöser des postpartalen Dysgalaktie-Syndroms (PPDS) gelten.
Kalzium, der heimliche Engpass
Durch die Wehentätigkeit und den einsetzenden Milchfluss steigt der Bedarf an verfügbarem Kalzium schlagartig an. Die Kalziumreserven im Blut reichen dafür nicht aus. Die Sau muss Kalzium aus dem Skelett mobilisieren. Gelingt das nicht ausreichend, werden die Wehen zu schwach, die Geburt zieht sich in die Länge und die Zahl der Totgeburten steigt.
KAB als Schlüssel
Die Anpassung der Kationen-Anionen-Bilanz (KAB) ist ein wichtiger Hebel, um Geburtskomplikationen vorzubeugen. Sie beschreibt das Verhältnis der Kationen Natrium, Kalium, Kalzium und Magnesium zu den Anionen Chlorid, Phosphor und Schwefel in der Ration. Eine hohe KAB führt zu einem basischen Stoffwechsel. Die Gewebe reagieren dadurch weniger empfindlich auf das Parathormon, was die Mobilisierung von Kalzium aus dem Skelett erschwert. Eine gezielte Absenkung der KAB in der Vorbereitungswoche vor dem Abferkeln führt zu einer leichten metabolischen Azidose. Das verbessert die Wirkung des Parathormons und die Mobilisierung von Kalzium aus dem Skelett, sodass mehr Kalzium für die Geburt und den Laktationsbeginn bereitsteht. Milchviehhalter nutzen ein vergleichbares Prinzip bei ihren Kühen seit Jahrzehnten erfolgreich zur Milchfieberprophylaxe.
Harn-pH-senkendes Geburtsvorbereitungsfutter zeigt Wirkung
Eine Untersuchung der HAFL Zollikofen zeigt, wie sich das Harn-pH-senkende Geburtsvorbereitungsfutter UFA 362-1 auf das Abferkeln auswirkt. Eine Kombination aus einem Fütterungsversuch mit 42 Sauen auf 2 Praxisbetrieben, eine Videoanalyse von 6 Geburten und die Auswertung der UFA2000-Sauenplanerdaten von zehn Betrieben zwischen 2018 und 2025 zeigen folgende Resultate.
Beim Einstallen unterschieden sich die Kontroll- und Versuchsgruppen nicht. Nach dem Abferkeln lag der Harn-pH-Wert der Versuchsgruppe mit pH 5,82 signifikant tiefer als die Kontrollgruppe mit pH 7,21. Der tiefe Wert belegt, dass das Futter eine direkte Wirkung zeigt und so rund um die Geburt mehr Kalzium zur Verfügung steht. Zugleich erschwert ein saures Milieu das Aufkeimen von Bakterien im Harntrakt und beugt Harnwegsinfektionen vor, die als Wegbereiter des PPDS gelten.
In der breiter abgestützten Auswertung der UFA2000-Sauenplanerdaten stieg die Zahl lebend geborener Ferkel je Wurf signifikant um 0,29 Tiere. Die grösste Einflussgrösse blieb über alle Auswertungen hinweg aber der Betrieb: Management, Hygiene und Betreuung entscheiden mit.
In der Vorbereitungswoche KAB rechnen statt schätzen
Ab einem Raufutteranteil von 15 % der Trockensubstanz lohnt sich eine genaue Berechnung der Kationen-Anionen-Bilanz (KAB). Wer Raufutter einsetzt, sollte die Ration deshalb durchrechnen, denn hohe Kaliumgehalte im Raufutter erhöhen die KAB und fördern einen basischen Stoffwechsel. In der Galtphase ist es wichtig, sowohl einen Kalzium- als auch einen Kaliumüberschuss zu vermeiden. Nur so setzt die Mobilisierung von Kalzium aus den Knochen rechtzeitig vor der Geburt ein. Dadurch steht der Sau genug Kalzium für Wehen, Kolostrumbildung und den Start der Milchproduktion bereit.
Rechtzeitig umstallen
Stress hemmt die Oxytocinausschüttung und schwächt damit die Wehen. Sauen, die früh in den Abferkelbereich kommen, haben rund um die Geburt weniger Kortisol (Stresshormon) im Blut. Geeignetes Nestbaumaterial gehört zur Vorbereitungswoche, denn ein unterdrückter Nestbautrieb verlängert die Geburt.
Rohfaser hochhalten
7 bis 8 % Rohfaser sind in der Vorbereitungsphase optimal. Lösliche Fasern sind dabei die beste Versicherung gegen Verstopfungen. Sie regen die Darmperistaltik an, erhöhen die Wasseraufnahme und verbessern die Kotkonsistenz. Der Wasserbedarf der Sau steigt in der Vorbereitungswoche, auch bei moderaten Temperaturen, auf bis zu 20 Liter an.
Auf die Kondition schauen
Der ideale Body Condition Score (BCS) für ein störungsfreies Abferkeln liegt bei 3,0 bis 3,5. Verfettete Sauen (BCS > 3,5) zeigen längere Geburten, mehr Verstopfungen und ein höheres PPDS-Risiko. Bei einem BCS unter 2,5 fehlt die Energie für den Geburtsverlauf.







