Im Stallbüro von Sascha Andrist in Gurtendorf (BE) läuft der Betriebscomputer. Ein paar Klicks und auf dem Bildschirm öffnet sich der Klimarechner der Branchenorganisation Milch (BOM) in Barto. Andrist scrollt durch die Betriebsangaben, am Schluss zeigt der Rechner das Ergebnis: die Menge an Treibhausgasen, die auf seinem Betrieb für jedes Kilogramm Milch entstehen. Methan und andere Gase sind darin bereits in CO2 umgerechnet. «Wir sind überzeugt, dass der CO2 -Fussabdruck mittelfristig zu einem wichtigen Qualitätsmerkmal für Milch wird, ähnlich wie die Zellzahlen», sagt Michael Grossenbacher von der BOM. Aber warum? Kühe stossen bei der Verdauung Methan (CH4 ) aus. Über 20 Jahre betrachtet erwärmt dieses Gas das Klima rund 80-mal stärker als CO2 . Zudem haben sich Verarbeiter und Detailhändler verpflichtet, ihre Emissionen zu reduzieren und in ihren Lieferketten strengere Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung zu erfüllen. Der Bund will die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft bis 2050 gegenüber 1990 um mindestens 40 Prozent senken. Mit ihrem Klimarechner möchte die BOM den CO2 -Fussabdruck der Schweizer Milch einheitlich berechenbar machen.
Einmal erfassen, mehrfach nutzen
Seit dem 1. Juli 2026 steht der BOM-Rechner in Barto zur Verfügung. Sascha Andrist hatte den Rechner im April erstmals ausgefüllt, gemeinsam mit einer Gruppe von Landwirten und mit Unterstützung von Fachleuten der BOM und von Barto. «Die Betriebs- und Tierdaten konnte ich via Schnittstelle aus der Tierverkehrsdatenbank und der dbmilch übernehmen, das war sehr einfach», berichtet Andrist. Weitere Daten, etwa zu Fütterung, Milchproduktion, Strom und Mastkälbern, erfasste er selbst. Insgesamt dauerte die Eingabe zwei Stunden. Nicht immer war ihm auf Anhieb klar, welche Auswahl im Rechner auf seinen Betrieb zutrifft, etwa bei den Hofdüngerdaten oder beim Labelstrom. In solchen Fällen halfen ihm die Fachleute weiter.
Laut Jolanda Soland von Barto gibt es zwei Vorteile: «Die Betriebsleitenden sparen Zeit, denn ab der zweiten Erhebung übernimmt der Rechner viele Angaben aus dem Vorjahr, auch zur Fütterung. Zudem steigt die Datenqualität.»
Die Daten bleiben beim Betrieb
Der Sorge mancher Betriebsleitenden, dass ihre Daten weitergegeben werden, entgegnet Soland: «Barto hat keinen Zugriff auf die Daten.» Daten würden erst fliessen, wenn der Betrieb aktiv einer Freigabe für einen bestimmten Zweck zustimme. Barto ist datenschutzzertifiziert. Auch die Ergebnisse des Klimarechners bleiben laut BOM im Besitz der Produzentinnen und Produzenten, die Weitergabe ist freiwillig. Erst wenn ein Betrieb seine Daten im Pilotprojekt am Schluss per Knopfdruck übermittelt, erhalten die BOM und ihre Statistikbeauftragten Einsicht.
Hebel jenseits der Fütterung
Direkt bei der Fütterung setzt der Futterzusatzstoff Bovaer an: Er senkt nachweislich den Methanausstoss der Kühe. Neben der Fütterung beeinflussen laut BOM vor allem Lebtagleistung, Anzahl Laktationen, Hofdüngermanagement und die Effizienz des Betriebs diesen Wert. Wie stark eine Veränderung wirkt, zeigt der Szenarienrechner. Landwirt Andrist führt am Bildschirm vor, wie er einzelne Werte anpasst, und sieht, wie sich der CO 2 -Fussabdruck dadurch verändern würde. Konkrete Massnahmen schlägt der Rechner allerdings nicht vor. Die BOM verweist dafür auf die «Massnahmensammlung Klimaschutz und -anpassung» und auf Agripedia von Agridea.
«Meinen grössten Hebel sehe ich darin, Tierbestand, Genetik und Milchleistung an den Standort anzupassen und möglichst viel Milch aus dem Grundfutter zu produzieren», sagt Andrist. Das deckt sich mit der Erfahrung der BOM: «Meistens gehen Klimaschutz und Effizienz zusammen.»
Was ist das Klimabündnis Lebensmittel?
Detailhändler, Verarbeiter, Labelorganisationen, Bauernverband, Umweltorganisationen und Agrarhandel haben eine gemeinsame Absichtserklärung «Klimabündnis Lebensmittel» zum Klimaschutz in der Landwirtschaft unterzeichnet. Dabei sind Nestlé, Emmi, Coop, Migros, Denner, Aldi, Lidl, IP-Suisse, Bio Suisse, der Schweizer Bauernverband (SBV), der WWF und die fenaco. Die Partner wollen die Treibhausgasemissionen Richtung Netto-Null senken, ohne die inländische Produktion zu verringern. Dafür einigen sie sich auf einheitlich berechnete Emissionsfaktoren nach den Standards der Science Based Targets initiative (SBTi) und auf einen standardisierten Datenaustausch über eine neutrale Plattform. Ein Finanzierungsmodell soll sicherstellen, dass die Abnehmer die Leistungen der Produzentinnen und Produzenten am Markt abgelten, auch die Datenerhebung.
Wie verlässlich ist die Zahl?
Der BOM-Klimarechner entspricht weitgehend dem Rechner aus dem Projekt KLIR der BFH-HAFL, mit dem im Projekt KlimaStaR Milch über 200 Betriebe arbeiten. Für KLIR haben Dr. Jan Grenz und sein Team Gleichungen ausgewählt, welche die Messdaten am besten wiedergeben und zur Schweizer Milchproduktion passen. «Ob eine Massnahme zu Verbesserungen führt, wird verlässlich abgebildet», sagt Grenz. Bei extremen Eingaben, etwa beim Erstkalbealter, erscheint ein Warnhinweis. Noch fehlen die Kohlenstoffflüsse der Böden. Grenz hofft, dass der Rechner diese künftig ebenfalls abbilden kann.
«Die Kühe sollen möglichst viel Milch aus dem Grundfutter geben. Da sehe ich meinen grössten Hebel.» Sascha Andrist, Landwirt
Klimaleistung soll sich lohnen
Damit Andrist den Rechner auch künftig ausfüllt, erwartet er eine Entschädigung für den Aufwand. Die BOM hat Ende August beschlossen, einen Klimafonds einzurichten. Ab 2027 fliesst für jedes Kilogramm Milch des A-Segments ein Rappen in diesen Fonds.
Unabhängig von diesem Fonds arbeitet die BOM gemeinsam mit dem Klimabündnis Lebensmittel an einem Entschädigungsmodell. Dieses soll sicherstellen, dass die Abnehmer die Leistungen der Produzentinnen und Produzenten am Markt abgelten, auch die Datenerhebung. Nach eigenen Angaben hat die BOM die Zusicherung, dass das Geld aus einem Mehrwert im Markt stammt und den Milchpreis auf Produzentenebene nicht beeinträchtigt.









