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Betriebsführung

Vom Klassenzimmer aufs Schlossgut

Nicolas Seiler und Stefanie Seiler lernten sich während der Agrotechniker-Ausbildung kennen. Seit zehn Jahren führen sie einen vielseitigen Betrieb mit Weinbau, Kartoffeln, Gemüse und Mutterkuhhaltung in der Nähe des Flughafens Genf.

Nicolas und Stefanie Seiler bewirtschaften auf dem Château des Bois in Satigny 4,8 ha Reben mit neun verschiedenen Sorten.

Nicolas und Stefanie Seiler bewirtschaften auf dem Château des Bois in Satigny 4,8 ha Reben mit neun verschiedenen Sorten.

(Bild: Jasmine Baumann)

Publiziert am

Redaktorin Landwirtschaftlicher Informationsdienst LID

Das «Château des Bois» steht auf der Weinflasche, die Stefanie Seiler auf den Tisch stellt. Das geschichtsträchtige Schlossgut liegt in Satigny, der flächenmässig grössten Weinbaugemeinde der Schweiz, unweit der Stadt Genf. Heute wird es als vielseitiger Landwirtschaftsbetrieb geführt.

Vom Inforama direkt nach Satigny

Stefanie Seiler lernte ihren Mann Nicolas während der Weiterbildung zum Agrotechniker am Inforama Rütti in Zollikofen kennen. Neben der Schule arbeitete er als Ackerbauverantwortlicher auf einem Landwirtschaftsbetrieb. Als die Besitzer des Château des Bois vor zehn Jahren neue Pächter suchten, ergriff das Paar die Chance. «Als ich das hörte, bewarben wir uns», erzählt Nicolas Seiler. «Weil wir beide gut ausgebildete Praktiker mit viel Leidenschaft sind, konnten wir das Vertrauen der Besitzer gewinnen.» Mit dem Umzug nach Satigny kam auch ihre erste Tochter Anne-Sophie zur Welt. Später folgten Emilie und Mathieu.

«Die Weiterbildung schärft den Blick für die vor- und nachgelagerten Bereiche.»

Nicolas Seiler, Betriebsleiter

Nicolas Seiler wuchs in Moosseedorf auf und half oft auf dem Hof seines Onkels mit. «Es war immer klar, dass ich mal einen eigenen Hof führen will», sagt er. Dennoch lernte er zuerst Zimmermann, bevor er in der Romandie die Lehre als Landwirt absolvierte. Die Weiterbildung zum Agrotechniker war für ihn ein logischer Schritt. Sie vermittle wichtige Kompetenzen in Buchhaltung, Marketing, Personalführung und Handel und schärfe den Blick für die vor- und nachgelagerten Bereiche der Landwirtschaft. «Bauer zu sein, bedeutet heute weit mehr, als auf dem Traktor zu sitzen», sagt der Betriebsleiter.

Auch Stefanie träumte schon früh von einem eigenen Hof, allerdings mit Milchkühen, wie sie es aus ihrer Kindheit in Wünnewil (FR) kannte. Heute umfasst ihre Galloway-Herde 60 Tiere, darunter Kälber und Jungvieh. «Galloway sind ideal für die Verwertung von zellulosereichem und energiearmem Futter. Sie wandeln das Heu unserer Biodiversitätsflächen in hochwertiges Fleisch um», erklären die beiden Betriebsleitenden. Zugleich trägt die Mutterkuhhaltung dazu bei, den betrieblichen Nährstoffkreislauf zu schliessen. Ganz ohne Milchkühe geht es für Stefanie aber nicht. «Die Milchkühe fehlen mir schon etwas», sagt sie. Deshalb übernimmt sie die Milchleistungskontrolle auf mehreren Betrieben im Kanton Genf, wo es nur noch fünf Milchviehbetriebe gibt.

Vor und hinter den Kulissen viel zu tun

Angebaut werden unter anderem Soja, Sonnenblumen, Frühkartoffeln, Kartoffeln und verschiedene Gemüsearten. Bereits in der Altjahreswoche werden die Frühkartoffeln zum Vorkeimen in Harassen gelegt. Dank des milden Genfer Klimas kommen sie schon im Februar in den Boden. Das Gemüse wird auf dem Hof gewaschen, aufbereitet und über die Union Maraîchère de Genève (UMG), eine Genossenschaft der Genfer Gemüseproduzenten, vermarktet. Ein Teil gelangt in den Detailhandel. Zudem beliefert der Betrieb Schulkantinen und Altersheime.

Stefanie und Nicolas Seiler, Agrotechniker, 1242 Satigny (GE)

«Bauer zu sein, bedeutet heute weit mehr, als auf dem Traktor zu sitzen.»

 

Familienbetrieb | 115 ha LN | Ackerbau: Weizen, Raps, Zuckerrüben, Soja, Sonnenblumen, Kleesamenvermehrung, Frühkartoffeln, Kartoffeln | Spezialkulturen: Karotten, Zwiebeln, Randen, Pastinaken, Süsskartoffeln, Knollensellerie | Tierhaltung: 60 Galloway-Rinder (inklusive Kälber und Jungvieh) | Futterbau: Gras, Silomais, Luzerne | Weinbau: 9 Rebsorten | Weiterbildung: Agrotechniker / Agrotechnikerin | Familienfremde Arbeitskräfte: 2 Angestellte, 2 Lernende, 4 Saisonniers im Sommer | www.chateaudesbois.ch

Auch der Weinbau hat auf dem Château des Bois seinen festen Platz. Die Familie vermarktet den Wein über den eigenen Webshop und an Gastronomiebetriebe. Stefanie Seiler kümmert sich um Bestellungen und Versand und empfängt Gruppen zu Führungen und Degustationen. «Wir suchen aktiv den Kontakt mit den Gastronomen, damit sie den Gästen besser erklären können, was und wer hinter den Weinen und Produkten steckt», sagt sie.

Agrotechniker / -in HF

Die Ausbildung zum Agrotechniker HF richtet sich an Berufsleute mit einem Abschluss in der Landwirtschaft oder einer verwandten Branche. Sie verbindet produktionstechnisches Fachwissen mit betriebswirtschaftlichen und unternehmerischen Kompetenzen. Im Zentrum stehen die Analyse und Führung landwirtschaftlicher Betriebe, Pflanzen- und Tierproduktion, Agrarmärkte, Marketing und Personalführung. Der Lehrgang kann in vier Semestern als Vollzeitstudium oder berufsbegleitend in sechs Semestern absolviert werden. Er schliesst mit dem eidgenössisch anerkannten Diplom als Agrotechniker / -in HF ab. Angeboten wird die Ausbildung an fünf Standorten in der Schweiz. Weitere Informationen unter www.agro-hfes.ch.

Stefanie Seiler ist zudem für die Administration zuständig und erledigt im Winter Buchhaltungsarbeiten für ein Treuhandunternehmen. Auf dem Hof arbeiten zwei Angestellte und zwei Lernende, im Sommer kommen vier Saisonarbeitskräfte hinzu. Mittags sitzen alle am grossen Küchentisch. Auch das gehört zu Stefanie Seilers Alltag. «Dass ich hauptsächlich für den Haushalt verantwortlich bin, trotz der gleichen Ausbildung wie mein Mann, damit hatte ich am Anfang am meisten zu kämpfen», sagt sie. Mit drei Kindern und einem Betrieb dieser Grösse sei eine andere Aufteilung jedoch schwierig.

Fast wie auswandern

Der Umzug nach Satigny bedeutete für Stefanie Seiler, Familie und Freunde zurückzulassen. «Für uns war das wie Auswandern für Anfänger», sagt sie. «Mit den Kindern fährst du nicht schnell drei bis vier Stunden, um Grosseltern, Gotti und Götti zu besuchen und einen Kaffee zu trinken.» Dafür kommt oft Besuch aus der Heimat, der gleich über Nacht bleibt. Inzwischen hat Stefanie Seiler auch in Genf Fuss gefasst. Sie spielt Rugby, engagiert sich bei den kantonalen Landfrauen und hat über die Schule der Kinder neue Kontakte geknüpft.

Zwischen Feld, Reben und Küchentisch bleibt der Familie aber wenig Zeit für sich. Umso mehr schätzen Nicolas und Stefanie Seiler die eine Ferienwoche im Sommer, die ganz der Familie gehört.

Serie Berufsbildung

2026 stellt der LID in seiner Serie Personen vor, die sich nach ihrer landwirtschaftlichen Grundausbildung weiterqualifiziert haben oder über einen höheren Bildungsweg den Einstieg in die Landwirtschaft gefunden haben.

Unterstützung und Hilfsmittel zur Öffentlichkeitsarbeit auf:  www.lid.ch/baeuerinnen-und-bauern

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