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Betriebsführung

Der Bauernhof, die Kommunikationsfabrik

Im hektischen Alltag auf einem Landwirtschaftsbetrieb bleibt für die Kommunikation nach aussen wenig Zeit. Es werde viel zu wenig kommuniziert, meint der Kommunikationsexperte Kurt Schmid. «Was nicht mitgeteilt wird, existiert nicht», sagt Schmid. Er zeigt auf, warum eine offensive Kommunikation wichtig ist und gibt hilfreiche Praxistipps.

Landwirt im Gespräch mit Nicht-Landwirtin

Landwirt im Gespräch mit Nicht-Landwirtin: Das persönliche Gespräch mit der Landwirtin und dem Landwirt, sei die wirkungsvollste Massnahme, um ihre Anliegen der restlichen Bevölkerung näherzubringen, ist Kommunikationsberater Kurt Schmid (kleines Bild) überzeugt.

(agrarfoto.com)

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Der Milchpreis ist zu tief, das Wetter unpassend. Die Sorgen der Landwirtschaft sind bei Konsumentinnen und Konsumenten bekannt, weil viele Bauern lautstark lamentieren. Aber was bedeutet es wirklich für den Landwirt, wenn er 56 Rappen pro Liter Milch erhält? Oder wenn der starke Regen die Getreideaussaat erneut um eine Woche verspätet?

«Genau da muss offensiv kommuniziert werden», sagt Kurt Schmid. Der Gründer der Kommunikationsagentur Fairfactory kommt aus der Werbebranche und hat ein Herz für die Landwirtschaft. Er kennt die Sorgen der Landwirtinnen und Landwirte, hat selber für die Faire-Milch-Initiative mit Milchproduzenten gesprochen. Und dabei viel gelernt. «Das persönliche Gespräch mit der Landwirtin und dem Landwirt ist die wirkungsvollste Massnahme, um ihre Anliegen der restlichen Bevölkerung näherzubringen», ist er überzeugt.

Landwirtschaft ist privilegiert

Essen ist ein emotionales Thema. Kaum jemand produziert mehr seine eigenen Nahrungsmittel, aber für die Herstellungsweise und Nachhaltigkeit interessieren sich viele Konsumentinnen und Konsumenten. Die Landwirtin und der Landwirt sind vor Ort und können Auskunft geben. «Die Landwirtschaft ist in dieser Hinsicht privilegiert. Sie hat die Aufmerksamkeit der Konsumenten und kann ungeschönt erzählen, was sie macht», sagt Kurt Schmid und vergleicht, «wenn ich einen Autoreifen oder ein Waschmittel bewerben will, braucht es viel Geschick, um überhaupt die Aufmerksamkeit der Konsumenten zu erhalten.» Ausserdem sei der Herstellungsprozess weder bei Pneus noch bei Waschmitteln besonders attraktiv.

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Kurt Schmid

(Markus Rediger; LID)

Familie einbinden

Damit die Bevölkerung überhaupt Sympathien für die Landwirtschaft aufbauen kann, muss sie deren Umfeld kennen. Und wer könnte die Hintergründe besser erklären als die Landwirtinnen und Landwirte selber? «Ich empfehle den Bauernfamilien, sich als kleines Kommunikationsunternehmen zu verstehen», sagt Kurt Schmid. Jedes Familienmitglied solle sich vornehmen, einmal die Woche mit einem Aussenstehenden über ein aktuelles Thema zu sprechen. Beispielsweise, was auf dem Hof gerade läuft oder was in den Medien gegenwärtig diskutiert wird. Nicht nur die Betriebsleiter sollen von ihrer Arbeit erzählen, sondern die ganze Familie, die involviert ist. Schmid präzisiert: «Es geht darum, offen und ehrlich über seine Situation zu reden. Schwierigkeiten anzusprechen, aber auch die Freude und Motivation zu zeigen, die einen antreiben.» Allerdings solle man nicht missionieren oder predigen. «Man muss zuhören, damit man die Anliegen der Gegenseite kennt. Kritik ist fördernd», erinnert Kurt Schmid. Wie überall sonst sei auch die Landwirtschaftsbranche nicht perfekt, bezüglich Nachhaltigkeit und zukunfts-orientiertem Arbeiten gäbe es noch Verbesserungspotenzial. Im Gespräch können die Bauernfamilien aufzeigen, dass seine Produktionsvorschriften über die Jahre verschärft wurden und dass sich viel in Richtung nachhaltigere und tierfreundlichere Landwirtschaft bewege.

Keine Zeit, gilt nicht

Den Einwand, dass viele Landwirtinnen und Landwirte für diese Ausführungen keine Zeit hätten, kennt Kurt Schmid. «Zeitmangel wird meist vorgeschoben.» Aber Kommunikation sei wichtig. Man müsse erkennen, dass sie eine hohe Priorität habe und sie als dementsprechend wichtig behandeln. Die Öffentlichkeitsarbeit von Verbänden sei zwar wichtig, aber das persönliche Gespräch sei viel wirksamer. Er, als Stadtzürcher, erinnere sich noch heute daran, wie ihm ein Engadiner Bauer vor etwa zwanzig Jahren erzählt habe, dass er mit dem tiefen Milchpreis keinen neuen Stall für seine Kühe bauen könne. Schmid dazu: «Das hat mir eingeleuchtet. Seither gehe ich jährlich auf einen Schwatz bei ihm vorbei und kaufe seinen Bergkäse.» Marketingkampagnen zeigten zwar Wirkung und Soziale Medien schafften eine tolle Plattform. Aber: «Wenn jedes bäuerliche Familienmitglied mit 100 Leuten persönlich spricht und diejenigen wieder mit 100 Leuten sprechen, dann wäre schon die ganze Schweizer Bevölkerung erreicht», rechnet Kurt Schmid vor. Das könne in einem Verein sein oder im Gespräch mit dem Nachbarn. Schmid ermutigt: «Regen Sie die Leute dazu an, darüber nachzudenken. Dann haben Sie Ihre Arbeit bereits erledigt.»

Fünf Tipps vom Kommunikationsexperten

  • Seien Sie sich bewusst, dass Ihnen viel Sympathie und Glaubwürdigkeit entgegengebracht wird, weil Sie nahe am Geschehen sind. 
  • Sie sind Experte! Weil Sie vor Ort sind, können Sie kaum etwas Falsches sagen. 
  • Setzen Sie sich zum Ziel, einmal in der Woche mit jemandem über Ihre landwirtschaftlichen Anliegen zu sprechen. 
  • Verstehen Sie sich nicht als Missionar; ein Gespräch ist immer ein Lernprozess für beide Seiten. 
  • Versetzen Sie sich in die Köpfe des Gegenübers und überlegen Sie, welche Anliegen die Person hat. Versuchen Sie, das Gegenüber nicht als Feind zu sehen. Gemeinsam könnte man nach Lösungen suchen.

Kommunizieren, aber richtig

Der Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) zeigt 2020 mit der Serie «Kommunizieren, aber richtig» in jeder Ausgabe der UFA-Revue, wie Landwirtinnen und Landwirte mit der richtigen Kommunikation die Landwirtschaft an die Öffentlichkeit tragen können. Hilfreiche Tipps finden Sie im Praxishandbuch «Kommunikation für den Hof» auf www.lid.ch.

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