Management

Mit Köpfchen aus der Öko-Falle

Direkt ab Hof ist immer noch das Beste. Doch die Ökobilanz von Lebensmitteln ist dort nicht unbedingt besser als beim Grossverteiler, wenn alles mitberücksichtigt wird. Insbesondere dann nicht, wenn für Kleinstmengen lange Anfahrtswege mit dem Auto in Kauf genommen werden oder aufwändige und komplexe Verpackung zum Einsatz kommt.

Nicht jeder Hofladen ist bequem mit dem Velo oder zu Fuss erreichbar. Abgelegene Betriebe können ihre Ökobilanz verbessern, wenn sie mit anderen kooperieren, sei es durch eine gemeinsame Verkaufsstelle in Kundennähe oder durch ein Lieferkonzept. 

(Bild: Melina Griffin)

Publiziert am

freie Journalistin

Frau Sutter kauft ihren Liter Milch gerne direkt beim Bauern und legt im Hofladen ausserdem noch ein Kilogramm Bauernbrot und fünf Äpfel in den Einkaufskorb. Kleinstmengen, weil sie einen Ein-personen-Haushalt führt. So wie die Beispielkundin mögen es auch viele andere Konsumentinnen und Konsumenten: die Autofahrt aufs Land, den Schwatz im Laden und vor allem dann die frischen, regionalen Produkte direkt vom Hof.

Liefern lassen oder selber holen

«Es ist nicht belegt, dass die Direktvermarktung immer klimafreundlicher ist. Bisher fehlen umfassende Studien zur Umweltbilanz direktvermarktender Betriebe», sagt Otto Schmid, langjähriger Mitarbeiter am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und selbst Direktvermarkter von Bio-Obst und Getreide. Verschiedene Aspekte seien relevant, um zu beurteilen, wie ökologisch und nachhaltig ein Direktver-marktungs-Betrieb ist.

«Dass der Einkauf  durch den kurzen Transportweg zum Klimaschutz beiträgt, ist nicht in jedem Fall haltbar», sagt der Experte. Für die Bewertung der Klimarelevanz, müssen die Transporteffizienz und die verwendeten Transportmittel berücksichtigt werden. Kurze Transportwege – vor allem, wenn per Fahrrad oder zu Fuss eingekauft wird – hätten sehr wohl CO2 -Einsparpotenzial. In unserem Beispiel macht es ökologisch also wenig Sinn, dass man wegen ein paar Kilo Gemüse in den weiter gelegenen Hofladen fährt, statt den Einkauf beim nahen Detailhändler zu tätigen. Es ergibt aber Sinn, wenn Direktvermarkter kooperieren und eine grosse Produktepalette anbieten oder eine verbrauchernahe Verkaufsstelle einrichten, wo sie die Produkte deponieren können. Für verkehrstechnisch abgelegene Höfe ist auch die Auslieferung per Post eine gute Alternative (siehe UFA-Revue 02/21).

Direktvermarktung

2021 legt der Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) mit seiner Serie den Fokus auf die Direktvermarktung und hilft Landwirtinnen und Landwirten in jeder Ausgabe der UFA-Revue bei einer erfolgreichen Umsetzung.

Sämtliche bereits erschienenen Bei träge sind auf unserer Website zu finden.

Unterstützung und Tipps zur Öffentlichkeitsarbeit und Kundenkontakt auf www.lid.ch  Bauern.

Für viele Kundinnen und Kunden ist die Fahrt auf einen Hof aber viel mehr als nur ein Einkauf. «Da spielt das Erleben der Authentizität eines Hofes, der soziale Kontakt und die Suche nach Vertrautem eine Rolle», meint Otto Schmid. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie brachte der Drang, raus aus der Stadt zu gehen, viele Leute auf die Höfe. «Diese soziale Komponente der Direktvermarktung ist auch wichtig für die Imagepflege der Bauernfamilien», so Schmid. Allerdings könne diese auch auf andere Art und Weise gepflegt werden, wie mit einem Tag der offenen Tür oder Schule auf dem Bauernhof.

Beim Mehrweggebinde müssen Kunden mitmachen

Ein anderes Thema in der Direktvermarktung ist die Verpackung von Lebensmitteln. Viele Früchte und Gemüse müssen aufgrund ihrer Beschaffenheit verpackt werden. «Sehr wichtig, um die Umwelt zu entlasten, ist es, wo möglich kein Plastik zu verwenden», sagt Otto Schmid. In seinem eigenen Hofladen animiert er die Kundschaft dazu, eigene Gebinde mitzunehmen oder er bietet gebrauchte Papier-Tragtaschen oder Kartonschachteln an. Schmid empfiehlt, das Thema bei der Kundschaft anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Bei gutem Rücklauf sind Mehrweggebinde wie Milch-Glasflaschen bis 200 km Transportweg den Einweggebinden ökologisch und ökonomisch überlegen. Die Kundschaft muss aber gewillt sein, die Gläser zurückzubringen. Ausserdem empfiehlt Schmid natürliches Verpackungsmaterial statt Verbundmaterialien, «weil die Auftrennung bei der Entsorgung wegfällt und das Recycling dadurch weniger aufwändig ist».

«Aus krummen Karotten werden Smoothies.» 

Otto Schmid, FiBL

Kostbare Lebensmittel nicht wegwerfen

Die Kostbarkeit verbrauchter Ressourcen wertschätzen und nichts wegwerfen, das ist das oberste Ziel bei der Minimierung von Food Waste. Auch Bauernhöfe können viel unternehmen, um Lebensmittelverschwendung zu minimieren und gleichzeitig eine höhere Wertschöpfung zu generieren. Otto Schmid arbeitet mit seiner Familie mit Institutionen zusammen, die sein Obst zweiter Klasse abkaufen und es weiterverarbeiten. «Aus deformierten, aber immer noch intakten Früchten können Apfelstückli oder Apfelmus gemacht werden, aus krummen Karotten werden Smoothies.» Vielerorts gebe es Köche, die für zweitklassige Ware Verständnis haben und innovative Ideen für die Verwertung solcher Produkte entwickeln. «Hier ist der direkte Kontakt wichtig», sagt Schmid. Er ermutigt Hofläden, Produkte zweiter Qualität entsprechend anzuschreiben und zu einem wesentlich günstigeren Preis zu verkaufen. «Es besteht die Meinung, die Kundschaft würde das nicht kaufen», sagt Schmid. Seine Erfahrung zeige aber, dass dies falsch sei, wenn Konsumentinnen und Konsumenten aufgeklärt werden. Und genau da sehe er die Chance von Hofläden, die den Kunden beispielsweise mit Rezeptideen weiterhelfen können.

Kampagne gegen Food Waste

Der Schweizer Bauernverband will als Partner der Kam pagne «Save Food. Fight Waste», die Lebensmittelabfälle reduzieren. Er er muntert die Direktvermarkter, nicht handelskonforme Zweit- und Drittklassware mit dem Logo zu dekla rieren und zu einem redu zierten Preis anzubieten. So werde der Bevölkerung bewusst, dass Naturprodukte in ihrem Aussehen schwanken und nicht immer perfekt sind. Stickers und Flyer können auf folgender Website bestellt werden.

Am Schluss zählt das Erlebnis

Es stimmt also nicht, dass die Direktvermarktung von vornherein ökologisch ist. Wenn ein Betrieb nicht nachhaltig wirtschaftet, und wenn er zudem noch weit weg von Kundinnen und Kunden liegt, sieht es mit der Ökobilanz rasch einmal weniger gut aus. Auf der anderen Seite steht der persönliche Kontakt zwischen Produzenten und der Kundschaft, der das Verständnis für die Landwirtschaft und die hiesige Nahrungsmittelproduktion fördert. Für viele Kundinnen und Kunden ist der Einkauf auf dem Hof ein Erlebnis und eine willkommene Abwechslung. Allfällige Nachteile in der Direktvermarktung können durch gezieltes Handeln in den Bereichen Food Waste und Verpackung oder aber durch alternative Absatzkanäle ausgeglichen werden. 

Tipps für eine ökologische Direktvermarktung von Direktvermarkter Otto Schmid

  • Eine Zusammenarbeit mit anderen Betrieben macht insbesondere bei einer abgelegenen Lage Sinn. Es spart Zeit und Kosten, wenn man nur jede zweite Woche die Ware zum Bioladen in die Stadt bringt. 
  • Erklären Sie der Kundschaft, was man mit zweitklassiger Ware alles anstellen kann. 
  • Schauen Sie sich um, ob es in Ihrer Nähe eine Institution oder Gastronomen gibt, die zweitklassige Lebensmittel verarbeiten möchten. 
  • Suchen Sie zusammen mit Kundinnen und Kunden Lösungen, um das Verpackungsmaterial zu reduzieren. Passen Sie die Verpackungen an die Bedürfnisse Ihrer Kundschaft an. Gebrauchte Papiertaschen zu verwenden ist in vielen Fällen legitim. 
  • Mehrweg-Geschirr bei Festen und Veranstaltungen reduziert erheblich Abfall. Es lohnt sich, mit spezialisierten Anbietern zusammenzuarbeiten.
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