Nutztiere

Schweinehaltung im Wandel

Um erfolgreich Schweine zu produzieren, müssen viele Faktoren aufeinander abgestimmt sein. Kees Scheepens, auch der «Schweineflüsterer» genannt, berät Schweinehalter in allerlei Fragen rund um Haltung, Fütterung und Tierverhalten – immer mit dem Ziel, die Schweine und ihre Halter glücklich zu machen.

Bei seinen Betriebsbesuchen versetzt sich Kees Scheepens in die Situation der Schweine hinein.

Publiziert am

UFA AG

Schweineflüsterer

Der niederländische Schweineflüsterer Kees Scheepens reist viel umher und gibt sein Fachwissen an interessierte Schweinehalter weiter. In einem Interview erzählt er, wo in der Schweinehaltung die grössten Stolpersteine liegen und was die Schweinehalter in den Niederlanden aktuell beschäftigt.

David Aebi: Was heisst es, ein Schweineflüsterer zu sein?

Kees Scheepens:Um Schweineflüsterer zu werden, sollte man über sehr grosse Fachkenntnisse zum Thema Schwein verfügen. Ich bin ausgebildeter Fachtierarzt, promoviert und habe rund 30 Jahre Erfahrung im Umgang mit Schweinen.

Wenn ich mit Schweinen arbeite und ihr Verhalten analysiere, ist nicht nur mein Gehirn bei der Sache, sondern auch mein Herz. Dieser Faktor spielt vor allem in meiner Funktion als Berater der Landwirte eine wichtige Rolle.

Entscheidend ist, dass man während der Arbeit alles rundherum ausblendet. Sobald ich bei den Tieren bin, versuche ich, das Schwein nur zu beobachten und die Signale festzustellen. Erst wenn ich den Betrieb verlassen habe, fange ich an zu denken. Die spätere Behandlung des Tieres, sollte auf eine typisch holländische Art und Weise erfolgen: Schlau, schnell und billig. Jedoch muss das natürliche, tierspezifische Verhalten immer im Vordergrund stehen, das heisst, was macht das Schwein von seinem Ursprung her gerne und was nicht.

Was gibt es für Techniken, um die Schweinesignale früher und besser zu erkennen?

Scheepens:In erster Linie sollte man Kenntnis über das wohl intelligenteste Tier in der Landwirtschaft haben. Dabei sollten wir uns stets auch intelligent verhalten und nicht alles glauben, was die Schweineindustrie uns weismachen will. Zum Beispiel, wenn das Syndrom «Schwanzbeissen» auftritt, sollte man nicht direkt die Zähne des Tieres abschleifen lassen oder sie gar rausbrechen, sondern die Ursache des Verhaltens im Detail suchen.

Manchmal hilft es auch, wenn man sich selber in das Tier hineinversetzt und man sollte die Vorlieben der Schweine kennen lernen, damit man das Schwein besser verstehen kann.

An welchen Signalen kann man erkennen, ob es einem Betrieb gut oder schlecht geht?

Scheepens:Wenn wir von Zuchtbetrieben sprechen, ist eines der grössten Probleme immer wieder der Mangel an Wasser. Abgesetzte Ferkel mit Wassermangel können Streptokokken entwickeln.

Wassermangel äussert sich auch durch schlechte Futteraufnahme und Schwanz beissen. Es ist wichtig, dass der Landwirt die Nippel der Tränke kontrolliert, es dürfen höchstens zwölf Schweine auf einen Nippel kommen, was leider oft nicht beachtet wird.

Ein weiteres Problem in Nordeuropa ist die Belegdichte. Während die Anzahl der Sauen auf einem Betrieb dieselbe geblieben ist, ist die Anzahl Ferkel, die pro Sau und Jahr abgesetzt wird, von 25 auf 30 oder noch mehr gestiegen. Dadurch sind die Absetz- und Jagerställe oft überbelegt.

Haben Sie Tipps, um im Sommer eine höhere Fruchtbarkeit zu generieren?

Scheepens:Bei unseren Untersuchungen im Zusammenhang mit dem «Sommerloch», kamen leider keine eindeutigen Resultate heraus. Es kann helfen, wenn man die Futtermenge etwas erhöht, dies besonders am Anfang der Trächtigkeit (während den ersten 4 Wochen). Die Progesteronabgabe sollte sich dadurch etwas verbessern.

Die Temperatur spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, man sollte darauf achten, dass es bei den noch nicht tragenden Sauen im Stall nicht zu viele kalte Luftzüge gibt. Futter und Klima sind somit die Hauptfaktoren. Es ist sinnvoll, das Futter eine Woche vor dem Besamen mit Dextrose zu ergänzen (200 Gramm pro Tag). Dies verursacht einen Insulinschub, der wiederum den Nebeneffekt hat, dass die Sexual-Hormone ansteigen. Diese sorgen dafür, dass die Fruchtbarkeitshormone auch ansteigen die Follikelbildung besser ist. Ebenfalls sind die Würfe ausgeglichener und die Wurfgrösse kann ansteigen.

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Der Schweineflüsterer Kees Scheepens.

Was kann man in der Zeitachse von der Befruchtung und dem Abferkeln machen, um die Sauen möglichst zu schonen?

Scheepens:Am wichtigsten ist es, die Tiere während den ersten 40 Tagen der Trächtigkeit keinem grossen Stress auszusetzen, das heisst, sie sollten während dieser Zeit nicht umgruppiert werden. Auch Impfbehandlungen während der Trächtigkeit sollten vorsichtig gemacht werden. Es gibt heutzutage Techniken, wie man die Tiere ohne Nadel, sondern mit einem Injektionsgerät, impfen kann. Das Klima und die korrekte Sättigung (verhindert Schaumschlagen) der Sau spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Die Lichtmenge muss stimmen. Der Kopf der Sau sollte während 16 Stunden Licht von etwa 100 bis 200 Lux abbekommen.

Welches ist im Moment das meist besprochene Thema in Holland und in den anderen europäischen Ländern?

Scheepens:Am meisten beschäftigt die Holländer wohl das Thema, wie es in der Tierhaltung weitergehen soll. Anders als in Holland, wurde in der Schweiz der Wunsch nach einem besseren Tierwohl in der Schweinehaltung bereits vor 20 Jahren zum Thema. In der Schweiz gibt es Haltungssysteme, die funktionieren und darauf wurden Sauen gezüchtet, die mit diesen «Freilaufbuchten» umgehen können. In Holland wird aktuell eine Produktion mit sehr geringen Kosten angestrebt. Ebenfalls soll das Tierwohl mehr in den Vordergrund gestellt werden. Eine solche Umsetzung ist bei uns allerdings schwierig, denn die Genehmigungen für neue und grössere Ställe werden von den Städten in vielen Fällen nicht erteilt. Es wird deshalb auch immer schwieriger in der Schweniehaltung Nachfolger zu finden.

Wo steht die Schweinehaltung in Europa in zehn Jahren?

Scheepens:Ich denke, dass es weniger Sauen und weniger Betriebe geben wird. Ein Grossteil der Schweineproduktion wird wahrscheinlich nach Osteuropa, Russland oder in den Balkan ausgelagert.

Holländische Betriebe können nur überleben, wenn sie dem Beispiel der Landwirte aus der Schweiz folgen. Holland sollte sich zukünftig auf die reine Selbstversorgung konzentrieren und nicht wie bisher 75 Prozent des Schweinefleischs ins Ausland exportieren, diese Verringerung führt automatisch zu weniger Masttieren, geringeren Gesundheit- und Umweltproblemen sowie glücklicheren Schweinen und Betriebsleitern. 

AutorDavid Aebi, UFA-Marketing, 3360 Herzogenbuchsee

BilderDavid Aebi

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