Quer gelesen
- In der Schweiz dominiert weiterhin das Proteobakterium als Erreger des SBR.
- Das Monitoring zeigt, dass die Zikaden an der CH-Grenze angekommen sind. Pflanzer und Pflanzerinnen sollten reagieren.
- Fruchtfolge und passende Sorten reduzieren die Schäden spürbar, und 2025 wurden vielerorts wieder höhere Zuckergehalte erreicht.
Die Schilfglasflügelzikade breitet sich in der Schweiz und in Deutschland rasch aus. Sie überträgt zwei Erreger, die SBR (Syndrome de Basses Richesses) auslösen: das Proteobakterium Arsenophonus phytopathogenicus und das Stolbur-Phytoplasma Candidatus phytoplasma solani. In der Schweiz dominiert weiterhin das Proteobakterium; Stolbur wird bislang nur vereinzelt nachgewiesen. SBR zeigt sich hierzulande durch tiefen Zuckergehalt und ab August gelb verfärbte Bestände.
Schweizer Nachbarn zeigen Trend an
Im Gegensatz zur Schweiz hat sich die Erregersituation in Süddeutschland in den letzten drei Jahren drastisch verändert. Seit 2023 tritt in Deutschland eine neue Krankheit (RTD, «Rubbery Taproot Disease») auf, deren Haupterreger das Stolbur-Phytoplasma ist. Überträger sind die Schilfglasflügelzikade und die Windenglasflügelzikade. Die wirtschaftlichen Einbussen sind höher als bei SBR: Die Rüben bleiben klein und gummigartig, sogar ein Totalausfall ist möglich. Die SBR-/RTD-Befallsfläche hat sich innert drei Jahren auf fast einen Drittel der gesamten Anbaufläche Deutschlands erhöht. Zudem hat die Schilfglasflügelzikade ihren Speiseplan erweitert: Neben Zuckerrüben befällt sie auch Kartoffeln und viele Gemüsearten. Dadurch ist sie in kurzer Zeit zu einem gefürchteten Überträger geworden, der nicht nur SBR und RTD, sondern auch die bakterielle Kartoffelknollenwelke und die bakterielle Gemüsewelke überträgt. Die befallene Kartoffelfläche in Deutschland beläuft sich auf etwa einen Zehntel der gesamten Anbaufläche.
Die dramatische Krankheitssituation in Deutschland hat die SFZ dazu bewogen, in der bislang nicht befallenen Ostschweiz ein Zikadenmonitoring zu starten (Abb.). Seit 2024 werden im Mai / Juni Leimtafeln in Zuckerrübenparzellen aufgestellt. Durch das wöchentliche Wechseln der Tafeln wird der Zikadenflug überwacht.
Kantonale Unterschiede in der Schweiz
Die Anzahl gefangener Schilfglasflügelzikaden hat im Vergleich zu 2024 stark zugenommen. Besorgniserregend sind die Fangzahlen im Kanton Schaffhausen: Dort konnten an einem Standort bis zu 72 Schilfglasflügelzikaden gefangen werden. Von den insgesamt 162 gefangenen Zikaden waren 9 Zikaden mit dem Proteobakterium (5 %) beladen. Bei einer Zikade lag die in Deutschland gefürchtete Doppelinfektion Proteobakterium / Stolbur vor. Die Rübenanalyse und die leichte Gelbfärbung im Herbst bestätigten die Infektion an vier von sieben Standorten. In der Region Hallau konnten sogar Nymphen gefunden werden; die Zuckergehalte liegen dort bereits unter 15 %. Die Funde erstaunen nicht, da das deutsche Zikadenmonitoring Zikadenfänge bis zur Schweizer Grenze bestätigt.
Die Anzahl gefangener Zikaden hat stark zugenommen.
Widerstandsfähige Zikaden
Die Zikade fliegt im gesamten Anbaugebiet. Ob sie beladen ist, hängt vom Standort ab. Beladene Zikaden wurden häufig in unmittelbarer Nähe von Gemüse- und Kartoffelfeldern, Weinbergen oder Naturschutzgebieten gefunden. Die Zikaden sind sehr mobil und weisen eine hohe Reproduktionsrate auf. Die Zuckerrübe ist eine geeignete Wirtspflanze: Sie hat eine lange Vegetationszeit, und nach ihrer Ernte wird häufig Winterweizen gesät. Der Pflanzenschutzdienst in Hessen berechnete, dass aus 74 Zikaden innert drei Jahren 1,8 Millionen Nymphen entstehen können. Ein Weibchen legt 100 – 150 Eier, die Nymphenverluste sind gering. Zikaden haben kaum natürliche Feinde, und die Zuckerrübenernte ist vergleichsweise schonend. Beim Proteobakterium gilt: Ist eine Zikade beladen, bleibt sie das ihr Leben lang. Aus dem Ei einer beladenen adulten Zikade schlüpft meist eine beladene Nymphe, die während rund drei Viertel des Jahres geschützt im Boden verbleibt. Duch ihre unterirdische Frasstätigkeit infiziert sie weitere Wirtspflanzen, entwickelt sich zur adulten Zikade und fliegt im Frühjahr bereits beladen aus. Die Nymphen im Boden sind somit die Treiber der Krankheit.
Versorgung in Deutschland gefährdet
Es gilt «Fruchtfolge schlägt Zikade». Durch die Umstellung der Fruchtfolgen in den Kantonen Wallis und Neuenburg wurden die Nymphen ausgehungert. Die Zuckergehalts- respektive BZE-Reduktion fällt nach der Umstellung deutlich geringer aus als in Regionen ohne Umstellung (1,1 t / ha Kt. VS im Vergleich zu 4 t/ha Kt. VD; UFA Revue 2025).
Die Sortenwahl ist entscheidend für die Stabilisierung der Erträge; mehrere Sorten minimieren das Risiko. Der Zuckerertrag von SBR-toleranten Sorten liegt unter Befall um 2 t / ha höher als jener anfälliger Sorten. Aktuelle Conviso-Sorten gehören zu den anfälligen Sorten.
Die Versorgung mit Kartoffeln ist in Deutschland gefährdet. Daher hat die zuständige Behörde 2025 Notfallzulassungen für mehrere Insektizide erteilt. Die Anwendung beschränkte sich auf die Hotspot-Regionen und ist mit Auflagen verbunden.
Die Ergebnisse der Insektizidversuche 2024 waren nicht eindeutig. Die Flugzeit der Zikaden ist sehr lang (2 – 3 Monate) und ihre Mobilität sehr hoch. Die Versuche 2025 mit drei Applikationen zeigten eine sichtbare Wirkung. In der Schweiz gibt es keine zugelassenen Mittel zur Zikadenbekämpfung. Auch die HAFL hat 2025 einen Insektizidversuch durchgeführt.
Deutlich höhere Zuckererträge
Der Zikadenflug wird durch viele unbekannte Faktoren beeinflusst. In den Befallsregionen im Westen beobachtete man 2025 nur moderaten Flug; es klebten deutlich weniger Zikaden an den Fallen. Rückblickend waren Sonnenscheindauer und Globalstrahlung im Mai / Juni sowie im September / Oktober 2024 extrem gering. Möglich ist, dass dies Einfluss auf die Eiablage respektive auf die Nymphenentwicklung im letzten Jahr hatte und zu einer natürlichen Populationsreduktion führte. Gut entwickelte Zuckerrübenbestände in diesem Frühjahr, weniger Zikaden und ein späterer Farbumschlag: Die Produzenten dürfen sich über deutlich höhere Zuckergehalte freuen. Verschwunden sind die Zikaden jedoch nicht.







