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Betriebsführung

Slow Fashion mit Schweizer Flachs

Einst pflanzten in der Schweiz mehr als 10 000 Anbauer auf rund 230 Hektaren Flachs an. Dann verschwand der Flachsanbau ganz, das Know-how ging verloren. Bis ein paar verrückte Landwirte aus dem Emmental mithilfe von YouTube-Filmen wieder anfingen.

Während die ausgezupften Pflanzen samt Wurzeln in der Sonne «rösten», lösen sich die Fasern vom Holzteil und können danach gebrochen werden. 

Während die ausgezupften Pflanzen samt Wurzeln in der Sonne «rösten», lösen sich die Fasern vom Holzteil und können danach gebrochen werden. 

(Bild: Swissfalx)

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Redaktorin, Landwirtschaftlicher Informationsdienst LID

In den 1970er-Jahren drängten Baumwolle und synthetische Stoffe auf den Markt, und die europäische Textilindustrie hatte mit Überkapazitäten zu kämpfen. Der Flachs verschwand von den Schweizer Feldern, bis 50 Jahre später ein paar innovative Bauern zur Renaissance riefen. Unter ihnen Adrian Brügger aus dem bernischen Willadingen, der 2012 bei einem Anbauversuch den ersten Flachs zur Fasergewinnung aussäte.

«Studienreise» half beim Anbau

Wie die Pflanze nach dem Abreifen genau geerntet werden sollte, wusste er nicht. Nach diversen Konsultationen von YouTube-Filmen entschied er sich dafür, den Flachs mit dem Motormäher zu ernten – mit mässigem Erfolg. Nach diesem ersten Versuch war klar, dass ein Besuch der Hauptanbaugebiete von Flachs in Frankreich, Belgien und den Niederlanden unausweichlich war.

Nach einem Jahr «Studium» und der Anschaffung von Zupfmaschine, Wender und Drescher startete er 2014 einen neuen Versuch. Acht Jahre später sind es eine Handvoll Landwirte, die im Emmental auf rund sieben Hektaren wieder Flachs anbauen. Im ersten Jahr wurde nur eine knappe Tonne pro ha produziert, heute sind es viereinhalb bis fünf Tonnen. In die Zeit des ersten erfolgreichen Anbaus fällt auch die Gründung der Swissflax GmbH.

Auch Verarbeitung soll in die Schweiz kommen

Ein grosser Teil der Weiterverarbeitung geschieht noch im Ausland, da für die Anschaffung spezieller Maschinen die Auslastung fehle, sagt der Swissflax-Co-Geschäftsführer Dominik Füglistaller. Das Brechen, bei dem die Fasern vom Rest der Pflanze getrennt werden, geschieht in den Niederlanden, das Kardieren (Kämmen) und Verspinnen in Polen und Litauen.

 

 

Das Ziel sei es aber, einzelne Produktionsschritte wieder in die Schweiz zu holen. «Flachs ist im Moment sehr gefragt, und wir können die Fasern auf dem internationalen Markt zu einem Preis verkaufen, der die Produktionskosten in der Schweiz deckt», erläutert Füglistaller weiter. «Der Traum ist darum, in der Schweiz auf 100 Hektaren Flachs anzubauen.»

Die Vision vom «Hemd» aus Schweizer Herkunft

Die Swissflax GmbH vereint Landwirtschaft, Forschung und Entwicklung sowie betriebswirtschaftliches Know-how. Als Bindeglied zwischen Flachsanbau und Leinenmarkt machte das Projekt aus sei ner Vision vom «Hemd» aus einheimischer Herkunft inzwischen Realität. Seit 2017 gehören bei der Flachsstrickerei Traxler im thurgauischen Bichelsee Kleidungsstücke aus Schweizer Leinen nach Generationen wieder zum festen Sortiment. Bei Pfister gibt es weiter Vorhänge aus Schweizer Flachs, die Rigotex AG im Toggenburg macht Küchentücher aus Schweizer Leinen und die Lanz-Anliker AG aus dem bernischen Rohrbach fertigt Taschen und Rucksäcke aus Schweizer Leinenzwilch. Damit, dass 2025 am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Glarus alle «Bösen» mit Schwinghosen aus Schweizer Flachs ins Sägemehl steigen, ist eines der nächsten Zwischenziele von Swissflax erreicht.

Flachs, die Diva in Grün

Dafür braucht es allerdings noch viel mehr Landwirtinnen und Landwirte, die sich zutrauen die «grüne Diva» zu zähmen. 

«Der Flachs reagiert empfindlich auf die Witterung.»

Adrian Brügger, Landwirt

Denn der Flachsanbau ist in Sachen Unkrautbekämpfung und Dünger anspruchslos, reagiert aber empfindlich auf die Witterung. Anfang April wird der Samen in den frisch zubereiteten Boden gesät. Rund 1800 Körner kommen auf einen Quadratmeter – das ist ziemlich viel. Flachs wird so dicht ausgesät, damit die Flachspflanzen sehr fein bleiben. Die kritische Phase kommt, wenn die Pflanze im vollen Wachstum ist: Dann kann ein Gewitter oder starker Wind ein ganzes Feld umlegen, was die komplette Ernte gefährden kann. Nach rund 50 Sonnenstunden ist der Flachs reif. Er wird nicht geschnitten, sondern ausgezupft und in Reihen zum Trocknen abgelegt. Nach rund drei Wochen wird der Flachs dann zu Quaderballen gepresst.

Fasern und Nahrungsmittel auf demselben Feld

Da Flachs eine äusserst vielseitige und effiziente Pflanze ist, lässt sich neben Textilfasern auch Tiereinstreu herstellen, und die Leinsamen können zu Nahrungsmitteln verarbeitet werden. Beim Anbau auf einer Hektare liegt laut Swissflax ein Ertrag von 500 bis 800 Kilogramm Leinsamen drin. Auch für die Ernte der Samen werden spezielle Maschinen benötigt. Der Erfolg gibt den innovativen Landwirten aus dem Emmental allerdings recht. Sowohl der Schweizer Flachs als auch die Schweizer Leinsamen stellen sich als trendige Produkt heraus, die mit viel Swissness auftrumpfen können. 

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