Als Romain Uldry im Jahr 2022 den neuen Stall für seine Milchkühe im freiburgischen Le Châtelard plante, war aufgrund des Kriegsausbruchs in der Ukraine die Sorge um eine Stromknappheit allgegenwärtig. Schnell war für den Bauern (31) klar, dass er die grosse Dachfläche für eine Photovoltaikanlage (PV-Anlage) und somit für die Produktion von Solarstrom nutzen will.
Pilotprojekt «Virtuelles Kraftwerk»
Auf Empfehlung eines Kollegen liess er das Projekt durch Agrola, ein Tochterunternehmen der fenaco, realisieren und um einen Batteriespeicher erweitern. Im Gegensatz zur klassischen Solarlösung mit möglichst hohem Eigenverbrauch ging der Landwirt noch einen Schritt weiter und hat mit Agrola das Pilotprojekt «Virtuelles Kraftwerk» in Angriff genommen. Seine Anlage bot die idealen technischen Voraussetzungen sowie einen ausreichend grossen Netzanschluss für die Einbindung in ein virtuelles Kraftwerk. Der Begriff beschreibt den Zusammenschluss von zahlreicher dezentralen Stromproduktionen, beispielsweise Solaranlagen mit Batteriespeichern. Deren steuerbare Überschüsse werden gesamthaft auf dem Strommarkt gehandelt. Das Beispiel von Romain Uldry zeigt, welches Potential landwirtschaftliche Betriebe für die Stromproduktion haben und wie sie wirtschaftlich davon profitieren können.
So funktioniert das virtuelle Kraftwerk
Den Solarstrom, den der Landwirt nicht für den eigenen Hof benötigt, vermarktet Agrola für ihn als Teil eines grossen Energiepools direkt am Strommarkt. Als sogenannte Regelenergie kann dieser auch dazu beitragen, kurzfristige Schwankungen im Stromnetz auszugleichen. «Die Tarife für die Rückspeisung von PV-Strom haben in den letzten Jahren stetig abgenommen. Mit der Möglichkeit, meinen überschüssigen Strom über das virtuelle Kraftwerk zu vermarkten, kann ich meine Erträge dennoch optimieren», erklärt Romain Uldry und fasst damit zusammen, wieso diese Art der Stromvermarktung für Landwirtinnen und Landwirte vielversprechender ist als das direkte Rückspeisen ins Stromnetz.
Die grossen PV-Anlagen auf landwirtschaftlichen Betrieben produzieren beispielsweise in den Mittagsstunden mehr Strom als zu diesem Zeitpunkt auf dem Hof verbraucht wird. Dieser Überschuss wird in der Batterie gespeichert und kann abends zum Beispiel für den Betrieb der Melkanlage verwendet werden. Der Verbrauch ist voraussehbar, weshalb mit den geschätzten Reserven gehandelt und Erträge erwirtschaftet werden können. Dazu sagt Adrien Peyronnard, Leiter technisches Engineering bei Agrola: «Landwirtschaftsbetriebe eignen sich wegen des vorhersehbaren Stromverbrauchs optimal für die Einbindung in das virtuelle Netzwerk.» Dabei entsteht für die Landwirtschaftsbetriebe kein Mehraufwand: Agrola übernimmt für sie die gesamte Vermarktung. «Indem wir den überschüssigen Strom am Regelenergiemarkt handeln, ermöglichen wir Landwirtinnen und Landwirten, ihre überschüssige Energie gewinnbringend zu verkaufen», erklärt Yassin Alnuaimee, Experte für Energiehandel bei Agrola.
Wir ziehen also ein Fazit
Der Mix aus dem Eigenverbrauch und der Vermarktung des PV-Stroms stellt eine vielversprechende Möglichkeit für landwirtschaftliche Betriebe dar, um Stromkosten zu sparen und zusätzlichen Ertrag zu generieren. Wie gross der Anteil des Stroms sein soll, der vermarktet wird, und wie viel für den Eigenverbrauch verwendet wird, entscheidet der Landwirtschaftsbetrieb selbst. Agrola wertet aktuell die Erfahrungen und Daten aus dem Pilotbetrieb von Romain Uldry aus. Ziel ist es, virtuelle Kraftwerke in naher Zukunft weiteren Landwirtschaftsbetrieben zugänglich zu machen.
Auf ein Wort
Landwirtschaft: Partnerin im Stromnetz
Die fenaco-LANDI Gruppe hat den Auftrag, Landwirtinnen und Landwirte in der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Unternehmen zu unterstützen. Dabei gehen wir über die klassischen Bereiche der Landwirtschaft hinaus. Im Geschäftsfeld Energie entwickeln wir Lösungen, mit denen Landwirtinnen und Landwirte ihren selbstproduzierten Solarstrom optimal nutzen können.
«Das virtuelle Kraftwerk eröffnet neue Möglichkeiten für Landwirtschaftsbetriebe.»
Durch den Ausbau von Solar- und Windenergie schwankt das Stromangebot zunehmend. Bei viel Sonne oder Wind gibt es mehr Strom, als benötigt, bei ungünstiger Witterung kann es zu Engpässen kommen. Um diese Schwankungen auszugleichen, sind sogenannte Flexibilitäten gefragt.
Agrola schafft die Möglichkeit, PV-Anlagen landwirtschaftlicher Betriebe in einem sogenannten virtuellen Kraftwerk zu vernetzen und ihre Flexibilität gesamthaft zu vermarkten. Damit erhalten Landwirtinnen und Landwirte eine wirtschaftliche Alternative zu sinkenden Rückspeisetarifen. Jeder Betrieb bestimmt selbst, wie viel Strom er selbst verbraucht und wie viel vermarktet wird. So entwickeln sich Landwirtschaftsbetriebe, welche die technischen Voraussetzungen erfüllen, mittelfristig vom reinen Stromproduzenten zum aktiven Teilnehmer am Energiemarkt.







