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Landleben

Ein Erbe zwischen zwei Buchdeckeln

Grosstante Pauline besitzt einen schier unerschöpflichen Fundus an Geschichten und Anekdötchen rund um den Familienhof. Aber wie bleibt dieses Wissen erhalten, wenn sie nicht mehr da ist? Eine Familienchronik ist die Lösung.

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(pixabay)

Publiziert am

Agrarjournalist SAJ

Die Hofchronik einer Familie und die ihres Stammanwesens zusammenzustellen, mit zeitlichen Abläufen, Stammbaum, Bildern, Dokumenten und ergänzt durch Erzählungen, kann einen über Monate beschäftigen. Aber es lohnt sich, da es eine wertvolle Erinnerung ist und Identität für kommende Generationen stiftet. Alles ein neumodischer Spleen? Keineswegs, wie erhaltene Exemplare aus früheren Epochen zeigen. Hier kümmerte sich der Patriarch auf dem Hof um die Einträge.

Erst einmal sammeln

Wo schon alte Jahrbücher und Aufzeichnungen im Stubenbuffet liegen, fällt auf, dass diese schon rein äusserlich unterschiedlicher kaum sein könnten: Mal sind sie aufwendig gedruckt und in Leinen eingebunden. Mal sind es simple, handgeschriebene Hefte, klammergeheftet oder spiralgebunden, mit eingeklebten Fotokopien und Fotos. Auf den meisten Höfen gibt es zudem alte Katasterauszüge und Urkunden, vergilbte Briefe, restaurierungswürdige Fotos, Dokumente und Erinnerungsstücke, die für eine Chronik herbeigezogen werden können. In reformierten Regionen ist auf Bauernhöfen vielfach die Familienbibel eine ergiebige Fundquelle. Ereignisse, die den Hof und seine Besitzer betrafen, wurden einst mit Federkiel und Tinte auf die leeren Blätter vorne im Buch notiert. Auch in den alten Bauernhäusern selbst erinnert noch vieles an die einstigen Bewohner: Seien es Inschriften in Türbalken, alte Möbel oder Fundstücke.

Digitale Techniken können an historischen Fotoaufnahmen kleine Wunder vollbringen.

Technik rettet Erinnerungen

Digitale Techniken können an historischen Fotoaufnahmen kleine Wunder vollbringen: Selbst verblasste und unscharfe Porträts aus alten Alben können zu neuem Leben erweckt werden, zum Beispiel online mit dem «Remini» – oder dem «MyHeritage» Photo Enhancer. Dieses virtuelle Berechnungsprogramm sorgt für frappante Überraschungen. Falls nur wenige Fotos vorhanden sind: In katholischen Gebieten haben «Leid-Helgeli», Erinnerungsbildchen von Verstorbenen, Tradition. Diese sind auch teils im Internet abrufbar (portraitarchiv.ch). Fotos von Ahnen samt Lebensdaten können nicht nur in alten Kirchenbüchern, sondern heutzutage auch auf Portalen wie MyHeritage.com, Ancestry.com oder FamilySearch.org gefunden werden.

Was gehört ins Buch

Es gibt keine Standard-Hofchronik, denn es ist ja kaum so, dass in grauer Vorzeit ein Urahne das Land rodete, den Hof aufbaute und die Familie seitdem dort wohnt. Schon in früheren Jahrhunderten wurde rege mit Liegenschaften gehandelt, es wurde verkauft und erworben, zusammengelegt und parzelliert. Auch konnten Höfe nicht immer in «direkter» (= männlicher) Erbfolge weitergegeben werden. Es gab Einheiraten, Namen wechselten – oder Verwandte übernahmen den Hof. Trotzdem findet sich fast obligatorisch in jeder Hofgeschichte ein Stammbaum. Leidvolles und Freudiges ist festgehalten: Heiraten und Hofübergaben, Geburten, Todesfälle, Unwetterschäden. Auch Renovationen, Neu- oder Umbauten sowie Betriebserweiterungen und -umstellungen sind verzeichnet. Die allmählich zunehmende Mechanisierung ist bestimmt auch ein Kapitel wert, da der erste Einsatz eines neuen Traktors meist ein Grund für die stolzen Besitzer war, den Fotografen herbeizurufen.

Leidvolles und Freudiges ist festgehalten: Heiraten und Hofübergaben, Geburten, Todesfälle, Unwetterschäden.

Ein gedrucktes Buch

Wenn reichlich Stoff für einen Inhalt vorhanden ist und Erzählungen von einstigen oder heutigen Hofbewohnern eingebracht werden, kann eine Chronik als gedrucktes Buch ins Auge gefasst werden. Statt alles in Handarbeit aufzuschreiben, ist sie dann auch digital erfasst. Dadurch ist sie beliebig vervielfäl-tig- und nachdruckbar. «Book on Demand» heisst das Zauberwort. Dabei handelt es sich um ein Publikationsverfahren, welches es ermöglicht, ein Buch schon ab einer Auflage von nur einem Stück, oder in Kleinauflage, zu drucken. So ein Buch, das der Autor in PDF-Form elektronisch an die spezialisierte Buchfabrik sendet, kostet nur ein paar Franken. Die Seiten können mit Grafiken und Bildern aufgelockert und abwechslungsreich gestaltet werden. Besteller wissen schon im Voraus, was das Büchlein kosten wird. Sie bestimmen einen Hard- oder Softcover-Einband, die Heftung und die Papierqualität. Später wird dann die ganze Familie mit dem eigenen Heimatbuch überrascht und es kann auch im Hofladen ausgelegt werden. 

Unser Tipp

Marketing-Chancen im «Storytelling» 

«Storytelling» heisst auf Deutsch ganz einfach: Geschichten erzählen. Sobald eine Geschichte erzählt wird – mit Anfang, Spannungsbogen und Ende – horcht man auf und sie bleibt im Kopf. Besonders gewiefte bäuerliche Websites mit Hofprodukten oder agrotouristischen Angeboten haben das «Storytelling» bereits für sich entdeckt. Es funktioniert auch auf einem Plakat im Hofladen – oder «live». Mit der Geschichte des Produktes realisiert der Kunde, dass er etwas ganz Besonderes isst. Ein Beispiel: Erzählen wir die Geschichte von den köstlichen, rar gewordenen Äpfeln der Sorte Champagnerrenette, die es fast nur noch auf diesem Hof gibt. Grosstante Pauline rettete den alten Apfelbaum – den letzten mit dieser Sorte – buchstäblich in letzter Minute. Es war während der grossen nationalen Baumfällaktion in den 70er-Jahren. Die schwere Stahlkette war schon um den Stamm gelegt – die Hydraulik des Traktors hatte bereits angezogen, um den Baum aus der Erde zu rupfen. Heute sind seine Triebe mir der exquisiten Sorte auf junge Bäume gepfropft – und die Äpfel ein Hit im Sortiment.

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