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Landleben

Ein Foto für die Nachwelt, s’il vous plaît

Wie war das Landleben im Jura vor 120 Jahren? Der Mitte des 19. Jahrhunderts geborene Briefträger Eugène Cattin machte es sich zur Aufgabe, seine Heimat und vor allem die Bauernhöfe mitsamt ihren Bewohnern als Amateurfotograf zu dokumentieren. Entstanden sind Zeitzeugnisse die eine besondere Faszination ausüben.

Zu seiner Zeit kannte Eugène Cattin alle Bauernhöfe auf den Jurahöhen der Freiberge.

Zu seiner Zeit kannte Eugène Cattin alle Bauernhöfe auf den Jurahöhen der Freiberge.

(Hemis/T. Vuano)

Publiziert am

Agrarjournalist SAJ

Der schnauzbärtige Eugène Cattin war ein umtriebiger Mann und ein wahrer Tausendsassa. Er lebte von 1866 bis 1947 in Les Bois, einem Dorf auf der Schweizer Jurahochfläche nordöstlich von La Chaux-de-Fonds. Eigentlich arbeitete er Vollzeit als Briefträger. Nebenbei war er aber auch noch Fotograf und Chronist. Langweilig schien ihm nie geworden zu sein. So züchtete er auch noch Hunde und stellte Holzspielzeug und Wetterfahnen her, die er vor seinem Haus aufstellte und zum Verkauf anbot. So erinnerte sich der Landwirt und Schriftsteller Francis Kaufmann in Bas-Monsieur (NE) an ihn.

Ein ehrgeiziger Plan

Unterwegs zu seinen Postkunden auf die weit verstreuten, teilweise abgelegenen Bauernhöfe der Franches-Montagnes war Cattin zu Pferd oder mit dem Fahrrad. In den Weilern soll er sein Ankommen jeweils mit einem lauten Signalhorn oder durch ein schrilles Pfeifen angekündigt haben. Er verteilte nicht nur Briefe, Karten, Zeitungen und Pakete: Er hatte auch den ehrgeizigen Plan, alle Höfe und Gebäulichkeiten seiner Heimat fotografisch festzuhalten. Cattin ordnete die Anwesen anhand der Brandversicherungsnummern. Gerne notierte er sich dazu noch Vorkommnisse und Anekdoten in sein Notizbuch.

Für die Nachwelt erhalten

Diese schriftlichen Aufzeichnungen sind nicht erhalten geblieben. Dass die über 3000 Fotografien und Glasplattennegative, die Cattin in seiner aktivsten Zeit zwischen 1900 und 1918 machte, nicht weggeworfen wurden, war Roger Châtelain aus Tramelan zu verdanken, der vom Postboten im Ruhestand all diese Bilddokumente en bloc erstand. So sind 3095 Fotos erhalten. Nicht weniger als 250 Aufnahmen zeigen Gehöfte und Häuser in Les Bois und in Le Noirmont, vielfach mit ihren Bewohnern, den Bauernfamilien samt Pferden, Kühen, Ziegen und Hunden davor positioniert. Zur Identifikation sind fast alle säuberlich beschriftet. Verständlich, dass auch viele Soldatenbilder von der Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg in der Region im Archiv zu finden sind.

Dank ihrer Authentizität sind die Aussagen der Abbilder seiner Epoche von bleibendem Wert.

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Die Bilder des Briefträgers sind ein Zeitzeugnis des Landlebens um 1900.

(Eugène Cattin)

Immer alles dabei

«Ein Foto für die Nachwelt, s’il vous plaît», so lud der rührige Landbriefträger jeweils zum Posieren ein. Fotografische Selbstporträts zeigen ihn in Postbotenuniform mit steifer Mütze und Stehkragen, zu Pferd oder lässig an sein Fahrrad gelehnt. Auch die frühe Mechanisierung in der Landwirtschaft dokumentierte der Pöstler. Im flachen Wiesland der Freiberge konnte der neuentwickelte, von Pferden gezogene Gabelheuwender eingesetzt werden: Das war ein Foto wert. Sein Bernhardinerhund durfte, je nach Jahreszeit, einen kleinen Karren oder einen Schlitten ziehen. Auf diesem wurde die Fotoausrüstung des Meisters transportiert.

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Cattin erstellte auch Selbstportraits.

(Eugène Catin)

Amateur mit Leidenschaft

Cattin hatte aber auch gewagte Fotoideen: Zum Beispiel wies er eine Personengruppe an, sich an den Felsbändern der Doubs-Hänge auf die dort angebrachten Leitern, die «Échelles de la Mort» (Todesleitern), zu stellen. Diese waren früher manch einem schwerbeladenen Schmuggler von Uhren oder Hochprozentigem zum Verhängnis geworden.

Es sind nicht alles Meisterwerke in der Sammlung, die heute vom Jura-Archiv im Musée Jurassien in Delémont aufbewahrt wird. Cattin war Amateur, knipste munter drauflos und bewahrte alles auf, auch die misslungenen und verwackelten Bilder. Die Glasplattennegative mussten damals lang belichtet werden. Das bedingte, dass die Modelle sich einen Moment nicht bewegen durften; gerade bei Kompositionen mit Tieren funktionierte das oft nicht. Trotzdem gelangen Cattin Porträts von verblüffender Qualität. Dank ihrer Authentizität sind die Aussagen der Abbilder seiner Epoche von bleibendem Wert. Im Jahr 2018 wurden die Fotos anlässlich einer Ausstellung in der Alten Kirche Noirmont erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In der Folge fand auch ein Fotobuch mit einer Auswahl der schönsten Bilder viel Anklang.

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Dorfschönheiten in Les Bois: Zwei Soeurs Desmaison und zwei Soeurs Cattin.

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Eine Gruppe auf den «Todesleitern» am Fluss Doubs.

(Eugène Cattin)

Später auch Unternehmer

Später in seinem Leben wurde der geschäftige Postbote noch ein erfolgreicher Unternehmer. Nachdem im Neuenburgischen per Brandversicherungsvorschrift vorgeschrieben wurde, dass Stroh und Holzschindeldächer durch eine feuersichere Dachdeckung ersetzt werden müssen, stieg Eugène Cattin flugs in den Ziegelhandel ein. Sein Haus, ursprünglich ein kleines Bauernhaus, liess er um einen Lageranbau erweitern. Durch dieses Depot und den Handel kam er offenbar zu einigem Wohlstand; er war Besitzer des ersten Automobils in Les Bois und unternahm mit seiner Frau ausgedehnte Reisen.

Die Essenz und Eigenart verewigt

Juraweiden, dunkle Fichtengruppen, Kühe und Pferde prägen die hochgelegene, flache Landschaft der Freiberge, durchfurcht vom Fluss Doubs. Auf den Höfen sind meist alle Wohn- und Arbeitsräume sowie Stallungen unter einem einzigen grossflächigen Dach vereint. Die fast märchenhaft anmutende Landschaft bietet Besuchern heute einen attraktiven Erholungsraum und lädt zum Wandern ein. Prägend für die Gegend sind Wytweiden, «pâturages boisé», teils noch von traditionellen Trockenmauern eingefasst. Das Klima ist oft rau und die Winter sind meist sehr kalt. Viehzucht und Milchwirtschaft beschäftigen bis heute einen grossen Teil der Bevölkerung. Cattins Fotos zeigen, dass viel vom Charme der Freiberge, von einst bis heute, überlebt hat.

Allerdings mussten sich viele Kleinbauern in den langen, schneereichen Wintern nach zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten umsehen, um ihre Familien zu ernähren. So stellten sie in Heimarbeit Teile her, die dann in den Fabriken in La Chaux-de-Fonds und Le Locle zu Uhren montiert wurden. An den Winterabenden sassen die Familien, den Rücken dem Kachelofen zugewandt, beim Schein einer Öllampe in der Stube – mit der Lupe in der Hand über die knifflige Arbeit gebeugt. 

Heimat der Freiberger

Die Landwirtschaft der Franches-Montagnes hat heutzutage ein ideales und weit herum bekanntes Aushängeschild: das Freiberger-Pferd. Es ist in der Gegend an der Grenze zu Frankreich trotz fortschreitender Mechanisierung noch immer sehr präsent. Die Tiere dieser letzten ursprünglichen Schweizer Pferderasse sind einerseits seit jeher geeignet, auf dem Feld oder im Forst zu arbeiten; sie werden neuerdings aber auch als Freizeittier im Reitsport oder vor Fahrgespannen geschätzt. «Freiberger haben einen guten Charakter: Sie sind ausgeglichene Pferde mit einem grossen Herzen», verrät ein Züchter. «Sie zeichnen sich durch Vielseitigkeit und Gutmütigkeit aus. Sie sind überdies geduldig, freundlich, lernwillig und leistungsbereit.»

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