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Landleben

Es war einmal ein Obstbaum-Paradies …

Der Thurgau war lange der Inbegriff des «Obstbaum-Paradieses». Wie dieses verloren ging, wird im Buch «Baummord» erzählt. Es behandelt die staatlich angeordnete Baumfällaktion in der Schweiz. Infolge dieser wurden über zwanzig Jahre lang radikal Hochstammbäume gefällt. Eine spannende Geschichte voller Bauernschläue, Macht und Intrigen.

In den frühen 1950er-Jahren war die Region um das Schloss Roggwil (TG) durch Hochstammobstbäume geprägt.

In den frühen 1950er-Jahren war die Region um das Schloss Roggwil (TG) durch Hochstammobstbäume geprägt.

(Mosterei Möhl AG)

Publiziert am

Journalist und Fotograf BR

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Heute erinnert die aufgeräumte Landschaft nur wenig an das einstige Hochstammeldorado.

(Sibylle Meier)

    

Jakob Grob, dessen Porträt das Titelbild des Buches «Baummord» von Franco Ruault ziert, erinnert sich: «Wir haben pro Tag bis zu 130 Obstbäume im Kanton Thurgau ausgerissen.» Der 82-jährige Landwirt lebt heute in Mattwil (TG) und erzählt bereitwillig über diese «verrückten Jahre», die er 1960 bis 1965 mit einer Sägeequipe erlebte. «Viele wissen heute nichts mehr über die staatlichen Baumfällaktionen. Die meisten Bauern, die damals beteiligt waren, leben inzwischen nicht mehr. Für die Betroffenen war es eine schwierige Zeit. Die jungen Bauern wollten etwas ändern, ihre Eltern nicht», sagt Grob, der eine Fällgruppe anführte. Er war damals bei Walter Luginbühl senior in Hauptwil (TG) angestellt. Dieser organisierte ein Fällkommando.

 

Eine wilde Truppe

Grobs Aufgabe war die Handhabe der Seilwinde, mit der die Bäume mithilfe des Traktors umgerissen wurden. Die Bäume wurden danach aufgesägt, der Wurzelstock vom Stamm getrennt. Das Brennholz kauften vor allem Bauern, die schönen Baumstämme wurden für die Möbelherstellung verwendet. «Ich habe das fünf Winter lang gemacht.» Jakob Grob zeigt gerne sein Album mit Fotos der damals ausrückenden Sägekolonnen. Stolz präsentieren sich junge Bauern, jeder mit seiner Motorsäge in der Hand und Backpfeife im Mund. «Wir waren ein wilder Haufen», bemerkt er und lacht.

Der «wilde Haufen», die lautstark agierende Sägetruppe, hinterliess auf ihrem Feldzug eine Spur der Verwüstung, ausgedehnte Kraterlandschaften mit unzähligen niedergerissenen Bäumen, schreibt Ruault in seinem «Baummord»-Buch. «Das waren richtige Schlachtfelder, Baum an Baum lag am Boden, das sah aus wie im Krieg», erinnert sich Walter Luginbühl junior (77), Landwirt aus Hauptwil.

«Das waren richtige Schlachtfelder, Baum an Baum lag am Boden, das sah aus wie im Krieg.» 

Walter Luginbühl junior

Über 255 000 Bäume

Walter Luginbühls Vater bekam in den 1950er-Jahren von der kantonalen Zentralstelle für Obst- und Rebbau Arenenberg (TG) den lukrativen Auftrag, als selbstständiger Unternehmer eines der vier ständigen Fällkommandos in der Ostschweiz zu organisieren. Die anfallenden Kosten wurden von der Eidgenössischen Alkoholverwaltung EAV bezahlt.

«150 Bäume pro Tag, sechs Tage die Woche und das vier Monate lang ergibt etwa 15 000 Bäume pro Jahr. Und das 17 Jahre lang. Das müssten dann ja 255 000 Bäume gewesen sein, die alleine die Gruppen von meinem Vater gefällt haben», rechnet der heute 77-Jährige nach. Er berichtet aber auch von massivem Widerstand während einer Fällaktion bei Märwil. «Wir hatten noch nicht einmal den Seilzug richtig um den ersten Baum gelegt, da kam ein Bauer mit einer Sense auf mich zu und drohte, mich umzubringen. Der hat getan wie die Sau. Er war so wütend auf uns, ich habe gewusst, der hätte zugestochen, und so mussten wir sofort wieder verschwinden.»

Wehrhafte Frauen

Es formierte sich Widerstand aus allen Teilen der Bevölkerung wie zum Beispiel durch Franziska Wertbühl (1893 – 1983) aus Beggetwil bei Mörschwil (SG), die sich gegen die Baumfällungen wehrte. Vielfach konnten Frauen ihren Unmut über das Zerstörungswerk an den Obstbäumen nur noch dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie Plakate mit Mahnungen an die Bäume banden. Wertbühl war über die Baumfällungen entsetzt. Niemand aus ihrer Familie hätte es für möglich gehalten, dass sich die betagte und sehr religiöse Frau dagegen auflehnen würde. Einen ihrer geliebten alten Bäume behängte sie kurz vor dessen Fällung mit einem Plakat, das sie mit der Bemerkung «In Trennungstrauer» unterschrieb.

Wie es dazu kam

Der Einschnitt in der Geschichte des Schweizer Obstbaus liegt in den 1930er-Jahren. Am 21. Juni 1932 trat das neue Alkoholgesetz in Kraft, welches die Stimmbevölkerung zuvor angenommen hatte. «Mit diesen neuen Verfassungs- und Gesetzesbestimmungen wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen für die fiskalische und kommerzielle Regulierung gebrannter Alkoholika geschaffen», schreibt Franco Ruault in seinem Buch.

Letztlich waren es mehrere Gründe, die bis 1975 zum Verlust des althergebrachten Feldobstbaus führten. Mit der Einführung einer modernen und neuzeitlichen Obstbaumpflege, einer verbesserten Schnittund Düngetechnik, sollte die qualitative und quantitative Leistungsfähigkeit des bestehenden Feldobstbaus gesteigert werden. Zuvor hatte der Ruf nach mehr und besseren Obstbäumen und der sich einstellende Früchtesegen in Jahren von grossen Ernten dazu geführt, dass vermehrt Schnaps gebrannt wurde. Diese Entwicklung rief in den 1920er-Jahren die Antialkoholbewegung wie auch die Politik auf den Plan.

Während sich die Abstinenzbewegung von einer ins Gesetz integrierten Besteuerung des Obstschnapses eine Senkung des Alkoholkonsums erhoffte, versprach sich der Bund neue Steuereinnahmen. Aber es ging auch um die «Volksgesundheit». Die brennlose Obstverwertung solle gefördert werden. Kurzum: Anstelle von Mostobst sollten nur noch Tafeläpfel zum Verzehr angebaut werden.

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Die Thurgauer Sägetruppe mit Jakob Grob Mitte der 1960er-Jahre.

(PD)

Trauriger Höhepunkt

1929 zählte die Schweiz zwölf Millionen Obstbäume. Bis ins Jahr 1950 stieg die Zahl auf 20 Millionen. 1854 gab es im Kanton Thurgau 877 000 Obstbäume, und im Jahr 1951 erreichte er seinen Höchststand mit über 1500 000 Obstbäumen. 1970 – es war das «europäische Jahr des Naturschutzes» – forderte die Eidgenössische Alkoholverwaltung die rasche Vernichtung der Hälfte des noch vorhandenen Obstbaumbestandes: «Um dies zu erreichen, müssten rund zwei Millionen Apfelbäume und rund 500 000 Birnbäume weggeräumt werden.» In seiner Botschaft vom 15. April 1970 über den Voranschlag der Alkoholverwaltung für 1970 / 1971 sah deshalb der Bundesrat vor, die Verminderung des Feldobstbaumbestandes mit zusätzlichen Beiträgen zu beschleunigen.

1929 zählte die Schweiz zwölf Millionen Obstbäume.

Das traurige Ergebnis der Fällungen fasst Franco Ruault folgendermassen zusammen: «Zwischen 1950 und 1975 wurden praktisch die gesamten Obstbaumbestände in den traditionellen Kulturlandschaften vernichtet, zusammen mit all den genetischen Ressourcen alter Obstsorten und den wertvollen Lebensräumen seltener Tier und Pflanzenarten.» 

Buch «Baummord»

Seit 1861 veröffentlicht der Historische Verein des Kantons Thurgau in Frauenfeld die Thurgauer Beiträge zur Geschichte. «Baummord» ist der 159. Band in dieser Reihe.

Franco Ruault, geboren 1969, wuchs im vorarlbergischen Hohen ems (Österreich) auf. Er studierte in Innsbruck Politikwissenschaft, Zeitgeschichte und Medienforschung und promovierte 2004. Später war er Redaktor beim Österreichischen Rundfunk ORF. Seit 2016 arbeitet er bei der Mosterei Möhl in Arbon (TG) als Mitarbeiter für Kommunikation und PR. Er ist Autor von regionalgeschichtlichen und biografischen Publikationen.

Lesen Sie hier den Artikel über den Vevey-Traktor der Familie Luginbühl, der für die Baumfällaktion genutzt wurde.

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