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Landleben

In der Romandie jodeln die Frauen vor

Vom Zufallsfund einer Jodel-CD bis zur gefragten Jodelpädagogin: Die Westschweizer Jodlerin hat ihren eigenen Weg in die Welt des Jodelns gefunden. Im Gespräch erzählt sie, weshalb Loslassen die grösste Herausforderung für Anfängerinnen und Anfänger ist, wie sie Tradition und zeitgenössisches Schaffen verbindet und warum das Jodeln heute aktueller denn je ist.

Héloïse Fracheboud, bekannt unter dem Künstlernamen HéloHeïdi, in traditioneller Tracht.

Héloïse Fracheboud, bekannt unter dem Künstlernamen HéloHeïdi, in traditioneller Tracht.

(zvg Héloïse Fracheboud (Yodel Lab))

Publiziert am

Mitarbeiterin, UFA-Revue

Chanteuse, Jodlerin und Pädagogin: Héloïse Fracheboud verbindet Tradition mit zeitgenössischem Schaffen. Im Interview spricht sie über ihren Weg zum Jodeln, ihre Unterrichtstätigkeit und die Zukunft dieser besonderen Gesangskunst.

Wie ist Ihre Leidenschaft für die Stimme und den Gesang entstanden?

Im Gymnasium war ich im musischen Profil eingeschrieben und konnte am Konservatorium klassischen Gesangsunterricht nehmen. Die Anfänge waren allerdings nicht leicht. Meine Stimme war wenig entwickelt, mein Atemvolumen gering, und niemand glaubte an mich. Meine Gesangslehrerin wurde zu einer Art Mentorin und vermittelte mir grundlegende Techniken, die ich noch heute anwende. Obwohl sie befürchtete, das Jodeln könnte meiner Gesangstechnik schaden, fragte sie mich am Ende jeder Stunde: «Und jetzt ein kleiner Jodel?»

Wann und wie haben Sie das Jodeln für sich entdeckt?

Zum Jodeln kam ich Ende der 1990er-Jahre eher zufällig. Ich stöberte gern in den Kisten mit unverkauften CDs, weil man dort manchmal echte Perlen findet. Eines Tages fiel mir eine Jodel-CD in die Hände. Diese Musik berührte mich sofort. Sie war zugleich kraftvoll, bewegend und euphorisierend. Mir war klar: Das will ich lernen. Ich kaufte die CD und begann, die Stücke autodidaktisch nachzusingen. Später sang ich im Cœur des yodeleuses in Genf mit, der damals von Barbara Klossner geleitet wurde.

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HéloHeïdi und ihr Chor YodelAtypique bei einem Konzert.

(YodelAtypique)

Wann haben Sie entschieden, das beruflich zu machen?

Anfangs hätte ich mir nie vorstellen können, Jodlerin zu werden. Das entwickelte sich Schritt für Schritt. Meinen ersten öffentlichen Jodelauftritt hatte ich in einem Musical am Gymnasium, wo mein langer Zopf, den ich als Lasso benutzte, für Furore sorgte (lacht). Mein erstes professionelles Engagement erhielt ich 2004 an der Fête du vin in Confignon. Danach ergaben sich mehrere prägende Begegnungen, insbesondere mit dem Akkordeonspieler Roger Le Cras, auch «der Baron» genannt. Einige Jahre später ermöglichte er mir einen Auftritt im savoyischen Fernsehsender 8 Mont-Blanc. Ich rechnete mit einem kurzen Interview, doch am Ende wurde mir eine ganze Sendung gewidmet.

Wie kamen Sie dazu, Jodeln zu unterrichten?

Auch das ergab sich eher zufällig. Auf dem Weg zu einer Veranstaltung in Carouge sprach mich eine Frau auf der Strasse an und fragte, was ich mache. Als sie erfuhr, dass ich jodle, wollte sie Unterricht nehmen. So begann ich mit ihr und einigen Kolleginnen in ihrer Wohnung zu arbeiten. Schon bald merkte ich, dass meine grösste Leidenschaft nicht die Bühne, sondern die Vermittlung ist. Deshalb entwickelte ich eine Methode, die auch Menschen ohne Notenkenntnisse offensteht. 2009 begann ich regelmässig zu unterrichten, 2010 machte ich mich selbstständig. Innerhalb von zwei Jahren stieg die Zahl meiner Schülerinnen und Schüler von 18 auf rund 40.

Jodeln ist eine herausfordernde Gesangstechnik. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für Leute, die neu anfangen möchten?

Die grösste Herausforderung ist das Loslassen. Wer jodeln lernen will, muss akzeptieren, ungewohnte Laute zu erzeugen und eine Zeit lang auch Fehler zu machen. Für erfahrene Sängerinnen und Sänger ist das oft schwieriger als für Anfänger, weil sie bereits viele technische Reflexe entwickelt haben und alles richtig machen wollen.

Im Grunde jodeln schon Babys.

Jodeln ist in erster Linie ein instinktiver Gesang. Früher diente er dazu, Tiere zu rufen oder über weite Distanzen zu kommunizieren. Im Grunde jodeln schon Babys, wenn sie beim Brabbeln zwischen verschiedenen Stimmlagen wechseln. Oft geht es also darum, diese ursprüngliche Spontaneität wiederzufinden.

Was ist Ihr Jodel-Ansatz? Wo sehen Sie sich zwischen Tradition und zeitgenössischem Schaffen?

Die Tradition bildet die Grundlage meiner Arbeit, doch ich beschränke mich nicht auf sie. Als ich begann, hatte ich nur Zugang zu einem kleinen Teil des Schweizer Jodelerbes. Deshalb entwickelte ich vieles selbst und autodidaktisch.
Mein künstlerisches Schaffen ist stärker zeitgenössisch geprägt. Ich habe eigene Jodelsprachen entwickelt und möchte damit Geschichten erzählen. In gewisser Weise ähnelt das den Sennen, die ihre eigenen Rufe entwickelten, um zu kommunizieren.
Wenn ich singe, möchte ich mein Publikum auf eine imaginäre Reise mitnehmen: an ein Bachufer, ins Moos oder mitten in einen Farnwald. Ich möchte ein sinnliches, poetisches Erlebnis schaffen. Gerade in der heutigen Zeit scheint mir diese Welt voller Sanftheit und Träume wichtiger denn je.

Jodeln verbindet man oft mit dem deutschsprachigen Alpenraum. Wie nehmen Sie den Stellenwert und die Entwicklung in der Westschweiz wahr?

Auch in der Westschweiz ist das Jodeln fest in der Tradition verankert. Heute gibt es rund 15 Jodelklubs und ein interessiertes Publikum. Das zeigen die gut besuchten Kurse und Veranstaltungen.

Auch in der Westschweiz ist das Jodeln fest in der Tradition verankert.

Gleichzeitig ist das Publikum offen für zeitgenössische Ansätze. Das erklärt den Erfolg von Künstlerinnen und Künstlern wie Barbara Klossner, Melanie Oesch oder Erika Stucky diesseits des Röstigrabens. Auch Westschweizer Künstler wie Arthur Henry, Guillaume Carel oder die Gruppe Suisse Chérie tragen dazu bei, dass sich das Jodeln stetig weiterentwickelt und neue, insbesondere jüngere Publikumsschichten erreicht.

Welche Rolle, denken Sie, spielen die Frauen im Jodel generell und in der Innovation?

Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich die Rolle der Frauen im Jodel verändert hat. Historisch war diese Tradition stark männlich geprägt und eng mit dem bäuerlichen Leben verbunden. Heute präsentiert sich insbesondere in der Westschweiz ein anderes Bild: Viele bekannte Stimmen der professionellen Jodelszene sind Frauen. Dazu zählen neben mir unter anderem Barbara Klossner, Christelle Bacquet, Valérie Pellegrini, Nadja Räss oder Christine Lauterburg. In meinen Augen spielen Frauen eine zentrale Rolle bei der Weitergabe der Tradition und bei der künstlerischen Erneuerung des Genres. So tragen sie dazu bei, dass das Jodeln lebendig bleibt und sich weiterentwickelt.

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