Der Weg zum Hornusserplatz von Lyss beginnt unscheinbar: eine Abzweigung beim Kreisel am Ortseingang. Doch kurz darauf erstreckt sich gleich das Spielfeld, das sogenannte Ries. In regelmässigen Abständen stehen Markierungsziele – 9, 10 bis 20. Sie zeigen an, wie weit ein Nouss fliegt. Bei 20, also rund 300 Metern, ist Schluss. Punkt 18 Uhr startet das Training. Raphael Steiger, Vizepräsident des Hornusservereins Lyss, begrüsst die UFA-Revue und erklärt lachend, dass man sich bei den Hornussern dutzt. Ein Spieler nach dem anderen trifft ein. Die Atmosphäre ist offen und vertraut. «Hornussen ist sehr familiär und man hält zusammen», erklärt Raphael.
Raphael Steiger«Hornussen ist Leistungssport.»
Der Trainer teilt die Anwesenden in drei Mannschaften ein. Die Schläger nehmen am Bock Aufstellung, die Abwehrspieler ziehen weit hinaus ins Ries, auf die Rasenfläche. Eine Mannschaft beobachtet das Geschehen. Dann der Abschlag: ein kurzes, scharfes Surren – und die kleine schwarze Scheibe, der Nouss, verschwindet aus dem Blickfeld. «Gut gemacht», tönt es von allen Seiten. Augenblicklich wird es still. Alle blicken in den Himmel. Bewegung bei Marke 17. «Er kommt!», ruft jemand. Eine Schindel fliegt hoch, doch der Nouss landet jenseits der Marke 20. Raphael erläutert routiniert: «Man schlägt den Nouss möglichst weit ins Feld. Die Gegner versuchen, ihn mit Schindeln aus der Luft zu holen.» Entscheidend sei nicht die Weite. «Die Abwehr bringt mehr zum Sieg, als selbst weit zu schlagen.» Die Emotionen während eines Spiels schwankten stark: Anspannung, Nervosität und Erleichterung.
Wer hat das Hornussen erfunden?
Unweigerlich stellt sich die Frage nach den Ursprüngen dieser ungewöhnlichen Sportart. Hornussen gehört neben Jodeln, Trachten, Schwingen und Steinstossen zur schweizerischen Tradition. Woher es genau stammt, ist nicht eindeutig geklärt. Erste schriftliche Erwähnungen finden sich im frühen 17. Jahrhundert und fallen auch mal kritisch aus: Das sonntägliche Spiel konkurrenzierte den Kirchgang. Gespielt wurde vor allem im Emmental, meist von Jungbauern auf abgeernteten Feldern. Feste Regeln gab es kaum, sie wurden jeweils vor Spielbeginn vereinbart. Der Einsatz war ein gemeinsames Zvieri für die Sieger. Ende des 19. Jahrhunderts setzte die Vereinsgründung ein, 1902 wurde der Eidgenössische Hornusserverband gegründet. Seither hat sich der Sport stetig weiterentwickelt: Die Abschlagstöcke bestehen heute nicht mehr aus Weidenholz, sondern aus Kohlefaser und werden von Spezialfirmen gefertigt. Auch der Nouss ist langlebiger geworden, da der Kunststoff unter hohem Druck verfestigt wird. Und wo früher Resultate auf Wandtafeln notiert wurden, übernimmt heute eine App diese Aufgabe. «Trotzdem hat Hornussen noch immer etwas von einer kriegerischen Schlacht», meint Raphael schmunzelnd.
So wird Hornussen gespielt
Hornussen ist eine traditionelle Schweizer Mannschaftssportart, die Elemente von Baseball und Golf vereint. Zwei Teams mit je 16 bis 18 Spielern treten gegeneinander an. Abwechselnd übernimmt ein Team das Schlagen mit einer flexiblen Route, dem Stecken, das andere das Abwehren mit der Schindel aus Holz.
Beim Schlagen wird der Hornuss, eine kleine Kunststoffscheibe, mit dem Stecken vom Bock aus möglichst weit ins Feld («Ries») geschlagen. Für die Weite erhält die Mannschaft Punkte. Die gegnerische Mannschaft versucht, den Hornuss mit flachen Schindeln aus der Luft zu schlagen, bevor er den Boden berührt. Gelingt dies nicht, entsteht ein Nouss. Ein solcher Fehler ist entscheidend: Bereits ein Nouss kann ein Spiel kosten.
Ein Spiel umfasst vier Durchgänge (Streiche). Gewonnen hat in der Regel das Team mit null Nouss – erst danach zählen die Schlagpunkte.
Vereinsleben über Generationen hinweg
Der Hornusserverein Lyss besteht seit 1908. Heute zählt er 45 aktive Mitglieder in drei Mannschaften: eine A-, eine B- und eine Junioren-Mannschaft. Generationen spielen hier gemeinsam. Trainiert wird mindestens einmal pro Woche, zusätzliche Einheiten sind jederzeit möglich. Besonders wichtig ist der Nachwuchs, der von einem eigenen Juniorentrainer-Team betreut wird. «Natürlich ist es schwierig, gegen Fussball oder Unihockey anzukommen», sagt Raphael. «Wir setzen auf Plauschtage und Mundpropaganda.» Viele kämen über Familie oder Freunde zum Sport. Auch Raphael selbst wurde einst von einem Schulkollegen mitgenommen. Hornussen verlangt viel Können. Der Nouss misst gerade einmal sechs Zentimeter im Durchmesser und ist drei Zentimeter dick. Wer ihn treffen oder abwehren will, braucht Talent, Technik und mentale Stärke. Kraft- und Ausdauertraining gehören ebenso dazu wie Ausgleichssport im Winter. «Hornussen ist Leistungssport», bringt es Raphael auf den Punkt. Die Saison dauert von März bis Oktober. Im Frühling reist der Verein jeweils ins Trainingslager ins Tessin – drei bis vier Tage Hornussen von morgens bis abends. Man unterscheide Spieler, die mit Kraft arbeiten, und solche, die auf Technik setzen. «Beides kann zum Erfolg führen – oft hängt es davon ab, wie man es gelernt hat», so Raphael. Der Teamgeist ist zentral. «Vertrauen ist alles.» Erfahrene Spieler geben Tipps, beobachten Abschläge, helfen bei der Haltung.
Ein grosses Fest wirft seine Schatten voraus
Auch im Dorf ist der Verein fest verankert. Feste gehören genauso dazu wie Training und Meisterschaft. Beim Lyssermärit betreiben die Hornusser traditionell einen Sangria-Stand. «Den gibt es schon ewig und der gehört einfach dazu», lacht Raphael. Gleichzeitig ist der Verein auf regionale Sponsoren angewiesen und sogar auf Unterstützung aus der Landwirtschaft. Das zeigt sich mit Blick auf 2026. Dann richten die Lysser die grossen Hornusserfeste aus. Rund 3000 Aktive, 164 Mannschaften und bis zu 10 000 Besucherinnen und Besucher werden an zwei Wochenenden erwartet. 1100 Helferinnen und Helfer stehen im Einsatz, viele nehmen dafür Ferien. «Darauf sind wir besonders stolz», sagt Raphael. «Dass alle mitziehen.» Auch prominente Teilnehmer haben sich angekündigt – darunter der Schweizer Meister, der Vizemeister und vielleicht Schwinger Christian Stucki. Für ein solches Fest braucht es nicht nur Organisation. «Ohne Landwirte, die ihre Flächen zur Verfügung stellen, geht nichts», erklärt Raphael. Ackerflächen müssen bis zu fünf Jahre im Voraus eingeplant und Fruchtfolgen angepasst werden, damit auf Gras oder Stoppeln gespielt werden kann. Kartoffeln oder andere empfindliche Kulturen scheiden aus. Der Boden muss tragfähig sein, die Ausrichtung zur Sonne stimmen. Für den Bodendruck durch die vielen Besucher wird der Landwirt entschädigt. Noch liegt das Fest in der Zukunft, und bis dahin bleibt viel zu tun. Eines ist jedoch schon jetzt klar: Auf dem Ries steht man sich als Gegner gegenüber – und feiert danach gemeinsam. Als grosse Familie.
Weitere Informationen zum Hornusserfest Lyss: 15./16. August sowie 22./23. August. www.hornusserfeste26.ch







