category icon
Landleben

Frauenvereine halten das Dorfgefüge zusammen

Frauenvereine gelten als Relikt, aber dennoch erweisen sie sich als unverzichtbar. Warum sie bis heute das soziale Gefüge stützen und wie sie ihre Zukunft neu erfinden müssen.

Das Kränzebinden gehört seit Langem zu den Tätigkeiten vieler Frauen-, Landfrauenund Dorfvereine. Dies unter anderem für die Kirche oder als Dorfschmuck...

Das Kränzebinden gehört seit Langem zu den Tätigkeiten vieler Frauen-, Landfrauenund Dorfvereine. Dies unter anderem für die Kirche oder als Dorfschmuck. 

(zvg)

Publiziert am

Aktualisiert am

Redaktorin UFA-Revue

An einem kühlen Freitagmorgen im Herbst hält der Reisecar zuerst in Zeglingen, dann in Kilchberg und schliesslich in Rünenberg. Drei Dörfer, zwei Frauenvereine – und ein gemeinsames Ziel: ein Ausflug ins Val-de-Travers (NE). Als alle eingestiegen sind, zählt Seraina Tanner, Präsidentin des Frauenvereins Kilchberg-Zeglingen (BL), 32 Frauen zwischen 40 und über 80 Jahren. Schon auf der Fahrt zeigt sich, was Frauenvereine ausmacht. Entfernte Bekannte oder gar Fremde kommen ins Gespräch, Dorfgrenzen verlieren ihre Bedeutung, und als eine Kuh die Strasse blockiert, steigt die pensionierte Bäuerin Jeannette kurzerhand aus und treibt sie bestimmt zur Seite. Alltagssituationen, die beiläufig zeigen, worauf Frauenvereine seit über einem Jahrhundert bauen: pragmatische Unterstützung, Humor und Zusammenhalt.

alt_text

Frauenvereine organisieren seit über 100 Jahren gemeinsame Ausflüge, so auch die Vereine Kilchberg-Zeglingen und Rünenberg.

(zvg)

Zwischen Strickklischee und Lebensrealität

Seraina Tanner kam 2009 zum Frauenverein, als ihr nach der Geburt ihres ersten Kindes ein Babylätzchen als Geschenk vorbeigebracht wurde. Aus einer kleinen Geste entstand ein Engagement, das sie erst als Aktuarin und heute als Präsidentin prägt. Der Frauenverein organisiert Themenabende, handwerkliche Workshops, hält den Kontakt zu älteren Mitgliedern und unterstützt die Primarschule mit einem Sponsoring für den Samichlaus oder dem «Drei Königs Z’nüni». «Frauenvereine sind Teil der lokalen Identität», sagt Tanner. «Sie halten das soziale Gefüge zusammen.»

alt_text

«Frauenvereine sind Teil der lokalen Identität.» Seraina Tanner, Präsidentin Frauenverein Kilchberg-Zeglingen

(zvg)

Doch sie weiss aus eigener Erfahrung, dass Frauenvereine heute unter Druck stehen – die Mitgliederzahlen sinken. Aktuell zählt der Verein 109 Mitglieder. In einem alten Vereins-Protokoll aus dem Jahr 1983 heisst es schon selbstironisch: «Man denkt an strickende Frauen, trockenen Kuchen und mausgraue Socken.» Dazu kommt, dass Zeit knapp geworden ist. Viele Frauen arbeiten, betreuen Angehörige und finden nur schwer Kapazität für ein Ehrenamt. Auch der Katholische Frauenbund Schweiz verzeichnet seit den 1990er-Jahren sinkende Mitgliederzahlen. Von rund 160 000 Mitgliedern sind es 2022 nur noch knapp 100 000 in der ganzen Schweiz. Gründe seien in diesem Fall die Abnahme religiöser Bindung, veränderte Familienmodelle und der Rückgang freiwilliger Arbeit. Zwar zeigt das Bundesamt für Statistik, dass 39,2 % der Bevölkerung freiwillig tätig sind, doch Engagement verteilt sich heute kurzfristiger und unregelmässiger.

alt_text

Das Stricken von Babysöckchen war früher eine Tradition vieler Frauenvereine.

(zvg)

Vom Mädchenunterricht zur sozialen Verantwortung

Historisch gesehen waren Frauenvereine wichtige Trägerinnen der Fürsorgearbeit. Seit den 1830er-Jahren gründeten sie im Mittelland Initiativen zur Mädchenerziehung und Armutsbekämpfung. Die Mitglieder dieser Vereine stammten meist aus einflussreichen Kreisen von Wirtschaft, Politik und Bildung. Die geschlechtsspezifische Erziehung sollte Mädchen gezielt auf ihre zukünftige Rolle als Mütter und Hausfrauen vorbereiten. Dies unter anderem durch die Einbindung von Arbeitsschulen wie dem Handarbeitsunterricht. Weshalb auch der Verein Zeglingen-Kilchberg 1858 entstand, um Handarbeitsunterricht für Mädchen zu ermöglichen, deren Familien das Material nicht bezahlen konnten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Frauenvereine auch zentrale Trägerinnen der sozialen Wohlfahrt. Sie unterstützten arme Familien, organisierten Besuchsdienste und richteten Nähstuben oder Sammlungen für Bedürftige ein. Zudem engagierten sie sich in Fragen der Gesundheit und Hygiene, etwa durch Säuglingsfürsorge oder Ernährungsaufklärung. Damit prägten sie das soziale Leben vieler Gemeinden und legten Grundlagen für spätere soziale und politische Reformen. Nicht wenige Vereine bildeten zudem die Grundlage späterer Frauenorganisationen, die dann teils auch politische Anliegen aufnahmen und sich für mehr Selbstbestimmung einsetzten.

Zukunft eines alten Netzwerks

Heute übernehmen Frauenvereine eine Vielzahl von Aufgaben, die weit über traditionelle Handarbeit hinausgehen. Sie organisieren Besuchsdienste, unterstützen ältere oder belastete Familien und schaffen wichtige Treffpunkte für Austausch und Gemeinschaft. Gleichzeitig engagieren sie sich in der Bildung und bieten Workshops zu Gesundheit, Ernährung, Digitalisierung oder handwerklichen Fertigkeiten an. Viele Vereine arbeiten zudem mit Schulen, Gemeinden oder regionalen Netzwerken zusammen und setzen sich auf gesellschaftlicher Ebene für Gleichstellung und soziale Themen ein. Gerade in kleinen Gemeinden übernehmen sie damit Aufgaben, die ohne Freiwillige kaum möglich wären.

alt_text

In den Statuten des Vereins Kilchberg-Zeglingen wird der gemeinnützige Zweck direkt als 2. Punkt aufgeführt.

(zvg)

Hinter jeder Mitgliedschaft steckt eine persönliche Geschichte, so auch bei den beiden Vereinen aus Baselland: Eine Frau erzählt, wie ihr der Verein half, im neuen Dorf Anschluss zu finden. Eine andere erinnert sich an die Nachkriegszeit, als Frauen des Vereins ihre schwer an Kinderlähmung erkrankte Mutter unterstützten. «Für uns Kinder war das eine Freude im Alltag, wenn die Frauen kamen», sagt sie.

Frauenvereine müssen sich heute neu erfinden. Digitale Werkzeuge, projektbezogene Mitarbeit und Kooperationen mit Nachbardörfern gehören genauso dazu wie traditionelle Kaffeeanlässe. Der Verein Kilchberg-Zeglingen arbeitet auch mit dem Nachbarsverein zusammen und kombiniert klassische Handarbeitsangebote mit Kursen zu Gesundheit oder digitalen Themen. Besonders wichtig ist der intergenerationelle Austausch: Ältere Frauen geben Wissen weiter, jüngere bringen neue Ideen ein. Um neue Mitglieder zu gewinnen, sei nach wie vor die Mund-zu-Mund-Propaganda am wirkungsvollsten, so Tanner.

Trotz dieser Herausforderungen bleiben Frauenvereine in vielen Schweizer Dörfern zentrale soziale und kulturelle Akteurinnen. Tanner wünscht sich, dass sie weiterhin sichtbar bleiben. Dies nicht als nostalgisches Relikt, sondern als lebendige Form des gesellschaftlichen Engagements. «Wir sind kein gestriger Verein, sondern ein Ort, an dem Gemeinschaft entsteht», sagt sie. 

Frauen vernetzen sich in der Schweiz

Frauen zu vernetzen, ist wichtig, weil soziale und berufliche Netzwerke nach wie vor ungleich verteilt sind. Diese Netzwerke schaffen Räume, in denen Erfahrungen geteilt, Wissen weitergegeben und gegenseitige Unterstützung organisiert werden kann. Nachfolgend einige Beispiele:

Alliance F – Bund Schweizerischer Frauen organisationen

1900 als Bund Schweizerischer Frauenvereine gegründet, heute Dachverband von über 100 Organisationen. Politisch aktiv für Gleichstellung; Mitinitiantin von Frauenstimmrecht, Gleichstellungsartikel und Mutterschaftsregelungen.  www.alliancef.ch

Swonet – Swiss Women Network

Stiftung, die über 200 Frauenorganisationen und seit 2021 auch Männernetzwerke vernetzt und deren Sichtbarkeit, Austausch und Digitalisierung fördert.  www.swonet.ch

SGF – Schweizerischer Gemeinnütziger Frauenverein

1888 gegründet, einst einer der einflussreichsten Frauendachverbände. Engagiert sich in Fürsorge, Mädchenbildung und sozialer Unterstützung. Bis heute Dach für zahlreiche lokale Frauenvereine.  www.frauenverein.ch

Frauenbund Schweiz (SKF)

Seit 1912 gewachsen zum grössten konfessionellen Frauennetzwerk der Schweiz; rund 100 000 Mitglieder und engagiert in Kirche, Gesellschaft, Politik sowie in Bildung und Freiwilligenarbeit.  www.frauenbund.ch

Frauenplus Baselland

Unabhängige kantonale Frauenorganisation (1927 gegründet), die Vereine vernetzt, Veranstaltungen und Kurse anbietet und den Austausch fördert.  www.frauenplus.ch

Agrar-Quiz: Mechanische Unkrautbekämpfung
Agrar-Quiz: Mechanische Unkrautbekämpfung

Testen Sie Ihr Wissen. Machen Sie mit am Agrar-Quiz der UFA-Revue. Die Fragen beziehen sich auf die Unkrautbekämpfung und Maschinen zur mechanischen Unkrautbekämpfung.

Zum Quiz

Meistgelesene Artikel