Ich hatte eine Bedingung im Sommer 1959, als Tante Marie uns mit ihrer Boxkamera vor dem Weidstall im Rischberg ablichten wollte. «Die Lotti muss mit aufs Foti», zusammen mit Peter, Seppi und mir. Die Braune namens Lotti liess sich gerne dazu bewegen.
Kühe sind geduldige Partner bei solchen Inszenierungen. Tierfotografen berichten, dass Hunde zum Beispiel viel schwieriger zu fotografieren seien, da sie unvorhersehbar reagierten, sich schnell bewegten und sich nicht für die Kamera interessierten. Sie lebten im Augenblick – und ein Apparat, der diesen konservieren will, sei ihnen völlig unverständlich. So sieht man auf uralten Gruppenaufnahmen den Hund fast immer nur verschwommen. Denn er konnte die damals geforderte Belichtungszeit von drei Sekunden regungslos dastehen nicht einhalten. Kühe hingegen schon.
Tradition in Sepia
Einst, als Lichtbildner mit schweren Glasplattenkameras auf Dreibeinstativen unterwegs waren, verlangte der bäuerliche Besitzerstolz oft die Kuh im Bild. War die Familie sittsam gruppiert und das Bauernhaus vollständig erfasst, wurde die Schönste aus dem Stall oder von der Weide geholt und dazugestellt.
So ist es auch auf einem Bild vom Berg Pilatus in der Zentralschweiz zu sehen. Im Jahre 1913 kraxelte der damals 27-jährige Botaniker und Apotheker Karl Amberg dort über die Felspartien, Geröllhalden und Alpweiden, um für sein geplantes Buch «Pflanzengeographische Streifzüge im Pilatusgebiet» die alpine Vegetation schriftlich und im Bild zu dokumentieren. Bei seinem Eintreffen auf den hochgelegenen Alpen Melchegg, Ämsigenalp und Laubalp liessen es sich die Älpler dort nicht nehmen, sich selbst samt ihrem ganzen Stolz zu präsentieren: Mit ihrer Melk- und Käserei-«Ruschtig» standen sie vor der Alphütte – und dabei die zwei schönsten Kühe.
Heute Werbebotschafterinnen
Mit ihrem ruhigen Wesen und ihrem angenehmen Erscheinungsbild sind Kühe auf Alpweiden heute beliebte Fotosujets – und ein oft genutztes Werbemotiv für die Schweiz und ihre Tourismusregionen. Die Bildbotschaft ist klar: Wiederkäuend in der Landschaft stehend oder liegend, laden sie dazu ein, innezuhalten und die Umgebung zu geniessen. In der Regel können Wandernde ein «Selfie» mit Kühen im Hintergrund machen; ob ein Tier scheu, neugierig oder angespannt ist, lässt sich meist gut an seinem Verhalten erkennen. So zeigt sich rasch, ob sich ein spontaner Schnappschuss fürs private Album anbietet.
Vorsicht ist jedoch bei Mutterkühen mit Kälbern geboten. Sie reagieren auf fremde Personen oft schützend – in seltenen Fällen kommt es zu Angriffen.
Profi-Kuhfotografen
Es gibt Fotografen, die sich ganz auf das professionelle Ablichten von Kühen und Stieren spezialisiert haben. Solche Aufnahmen werden vor allem für Werbezwecke eingesetzt, etwa in Besamungs- und Zuchtkatalogen. Ein Vorbild für viele ist der amerikanische Kuhfotograf Danny Weaver, der bereits in den 1970er-Jahren als Pionier die Tiere von US-Farmern professionell ins Bild setzte. Die Tiere werden mit Zurufen, Spiegeln und viel Geduld in die gewünschte Standardposition gebracht – jene Pose, wie sie in Fachkatalogen und auf Webseiten verlangt wird: seitlich aufgenommen, mit erhobenem Kopf, geradem Rücken und gut sichtbaren Beinen. Gelegentlich kommen dabei auch Requisiten zum Einsatz, etwa ein künstlicher Schweif, wenn die natürliche Quaste zu wenig füllig wirkt.
Züchter schätzen diese Aufnahmen, denn die abgebildeten Kühe dienen als Aushängeschild für ihre genetische Leistung und machen Werbung für deren Nachkommen oder Vorfahren, die als Zucht- oder Besamungsstiere vermarktet werden. Bildbearbeitung ist dabei umstritten, dennoch ist die Manipulation der geraden oberen Rückenlinie dabei aber ein Muss für internationale Werbung.
Interview: "Zur Kuh gehören auch die Familie und der Hofhund"
Wie kamen Sie zur Kuhfotografie?
Seit fast 11 Jahren arbeite ich bei Braunvieh Schweiz, der Zuchtorganisation der braunen Kuh. Zur Fotografie kam ich jedoch früher: Vor rund 16 Jahren begann ich, Kuhfotograf Konrad Lustenberger zu assistieren. Aufgewachsen auf einem Bauernhof und als Käser ausgebildet, hatte ich früh Kontakt zu Jungzüchtern und begann, Tiere im Schauring und ausserhalb zu fotografieren.
Welche Arten von Bildern machen Sie heute?
Beruflich liegt mein Schwerpunkt auf älteren Kühen mit einer Lebensleistung ab 100 000 Kilogramm Milch. Daneben fotografiere ich an Ausstellungen, produziere Bilder für Social Media, mache Profibilder für Besitzer oder Kataloge und klassische Stimmungsbilder für unser Magazin CHbraunvieh. Hin und wieder fotografiere ich auch Pferde an einem Concours. Profibilder sollen die Kuh meiner Meinung nach möglichst natürlich zeigen: Das Fell ist geschoren und sauber, aber ohne grobe Manipulation am Tier. 2025 habe ich über 6500 Bilder von Braunviehkühen gemacht.
Was müssen Betriebe vor Ihrem Besuch vorbereiten?
Die Vorbereitung ist das A und O: Die Kuh muss sauber, trocken und ans Halfter gewöhnt sein. Personen, die mit aufs Bild kommen oder die Kuh halten, sollten saubere Kleidung tragen. Lebensleistungskühe mit 100 000 Kilogramm Milch müssen nicht zwingend geschoren sein – es geht um die Lebensleistung, nicht um eine Schau.
Wie lange dauert es, eine Kuh zu fotografieren?
Der Zeitaufwand schwankt stark zwischen zehn und 45 Minuten und hängt vor allem vom Charakter der Kuh ab. Auch die Haltung und das Leistungsniveau spielen eine Rolle, ebenso regionale Unterschiede: Im Appenzell gelten Kühe als besonders ruhig. Werden Tiere familiär betreut, sind sie meist zutraulicher. Entscheidend ist zudem, ob der Bauer seine Nervosität auf das Tier überträgt.
Worauf kommt es beim Fotografieren besonders an?
Für ein gutes Bild sind vor allem die Platzierung der Gliedmassen, die Kopfhaltung und die Ohrstellung entscheidend. Zeigen die Ohren nach vorne, wirkt die Kuh aufmerksam und fit. Dafür braucht es manchmal kleine Tricks: Ich habe etwa einen Hirschruf auf dem Handy, läute mit einer kleinen Kuhglocke oder werfe auch schon mal eine Haushaltspapierrolle in die Luft. Fällt sie zu Boden, muss ich bereit sein, im richtigen Moment auszulösen. Zudem setze ich Hilfsmittel aus der Homöopathie ein. In der Schweiz hat das Exterieur nach wie vor einen hohen Stellenwert dafür, ob ein Bild als gut gilt.
Welche Rolle spielen die Besitzerfamilien auf den Bildern?
Früher hat man die Menschen hinter der Kuh versteckt – bei mir versteckt sich niemand. Zur Kuh gehören auch die Familie und der Hofhund. Alle Bilder werden den Familien unbearbeitet gezeigt, und sie entscheiden selbst, welche veröffentlicht werden. Zudem mache ich gern zusätzliche Familienbilder als Erinnerung, wenn ohnehin alle Familienmitglieder vor Ort sind.
Wie stark werden die Bilder bearbeitet?
Meine Bilder sollen möglichst natürlich bleiben und werden nur minimal bearbeitet. Manchmal kommt auch Haarund Glanzspray zum Einsatz. Wichtig ist, dass die Kühe fürs Profibild sauber geschoren sind. Bei der Bearbeitung geht es um Retusche von Schmutz, Fliegen, Speichel der Kuh oder dem Hintergrund, nicht um Manipulation des Tieres.
Welche Kühe fotografieren Sie am liebsten?
(Lacht) Natürlich das Braunvieh.







