Der Morgen im Bündner Rheintal ist klirrend kalt, doch die Sonne über Untervaz (GR) durchbricht bereits den Nebel und flutet den Stall von Petra und Beat Joos mit Licht. Wiederkäuend wartet eine Kuh vor den beiden Melkrobotern, bis sie an der Reihe ist. Beat Joos wirft einen Blick auf die aktuellen Kennzahlen: «Früher haben wir viel Zeit mit dem Melken verbracht. Heute können wir unsere Zeit gezielt für jene Kühe einsetzen, die unsere Aufmerksamkeit brauchen.»
Familienbetrieb mit klarer Strategie
1995 übernahm Beat Joos den Betrieb von seinen Eltern. Heute bewirtschaften Petra und Beat Joos 50 ha LN. Davon sind 30 ha Ackerbau mit Mais, Kunstwiesen, Rüebli, Kartoffeln und Spinat. Die restlichen 20 ha sind Naturwiesen und teilweise Ökoflächen. Im Stall stehen 120 Holsteinkühe, dazu kommen das eigene Jungvieh und 12 000 Mastpoulets. Mit einer Stallleistung von 12 240 kg Milch pro Kuh gehört der Betrieb zu den leistungsstärksten in der Region. Die Grundlage dafür ist qualitativ hochwertiges Grundfutter. Dank der milden klimatischen Bedingungen und der optimalen Bodenverhältnisse sind auf den Kunstwiesen sieben bis neun Schnitte pro Jahr möglich. Um die Gegebenheiten optimal zu nutzen und die Arbeitsabläufe zu modernisieren, setzte der Betrieb früh auf Automatisierung. Bereits 2016 wurde der erste Melkroboter eingebaut, 2022 zogen die Tiere in den neuen Stall mit zwei DeLaval-Robotern ein. «Wir wollten einen Stall, der uns Flexibilität gibt und gleichzeitig die Bedürfnisse der Kühe in den Mittelpunkt stellt», sagt Petra Joos.
Beat Joos, Landwirt«Seit wir am Roboter melken, haben wir weniger Euterbehandlungen.»
Mehr Zeit für die Kuh
«Wir sind nicht weniger im Stall, aber wir arbeiten anders», erklärt Petra Joos. «Der Roboter erkennt frühzeitig, wenn etwas aus dem Lot gerät, oft noch bevor der Kuh äusserlich etwas anzumerken ist.» Gleichzeitig sei es ruhiger im Stall, da fixe Melkzeiten wegfallen und die Kühe ihren Rhythmus selbst bestimmen. Auch für die Arbeitsorganisation bringt der Roboter Vorteile. Die grössere Flexibilität erleichtert es, Mitarbeitende zu finden, insbesondere bei der jüngeren Generation, die sich für Technik interessieren. Trotz Automatisierung müsse jedoch immer jemand in der Nähe sein, der den Roboter bedienen könne, falls dieser einmal eine technische Unterbrechung hat.
Drei Melkungen pro Kuh und Tag
Gemolken wird mit gelenktem Kuhverkehr im Durchschnitt dreimal pro Tag. «Die häufigeren Melkungen reduzieren den Druck im Euter und bringen vor allem Kühen mit hoher Milchleistung eine spürbare Entlastung», hält Beat Joos fest. Mit Einzug des Roboters habe sich die Eutergesundheit verbessert, sodass heute weniger Antibiotika eingesetzt werden.
Zellzahl im Blick
Eine Besonderheit des Systems ist die integrierte Milchzellzahlanalyse. Drei- bis viermal pro Woche wird bei jeder Kuh die Zellzahl gemessen. Steigt die Zellzahl über einen individuell festgelegten Wert, erfolgt bei jeder Melkung eine Messung. «Die Zellzahlmessung aus der Milchleistungsprüfung ist immer eine Momentaufnahme», erklärt Petra Joos. «Bei Stress können die Zellzahlwerte kurzfristig ansteigen und ein verzerrtes Bild vermitteln. Die häufigen Messungen zeigen uns, ob die erhöhten Werte durch Umweltfaktoren wie Hitze oder Stress verursacht wurden oder ob es sich tatsächlich um eine Mastitis handelt.»
Fruchtbarkeitsstatus in der Milch
Ein weiteres zentrales Element im Herdenmanagement ist die Progesteronmessung am Roboter. Der Roboter misst den Progesterongehalt in der Milch, wodurch sich der Fruchtbarkeitsstatus jeder einzelnen Kuh präzise beurteilen lässt. Zu Beginn der Laktation erfolgt die Progesteronmessung sehr engmaschig, bis die Kuh trächtig ist. Danach wird das Progesteron in grösseren Abständen gemessen, um zu bestätigen, dass die Kuh noch trächtig ist. «Die klassische Trächtigkeitsuntersuchung durch den Tierarzt entfällt bei uns. Der Roboter meldet mir, wann die Kuh trächtig ist», erzählt Beat Joos zufrieden. Auch abnormale Brunstzyklen und Zysten werden zuverlässig erkannt. Einziger Nachteil sei der zusätzliche Unterhalt. «Zwar bringt die Technik etwas zusätzlichen Unterhalt mit sich, dafür konnten wir die Tierarztkosten fürs Fruchtbarkeitsmanagement deutlich reduzieren», so Petra Joos.
Petra Joos, Landwirtin«Wir und die Kühe profitieren von der Automatisierung.»
Daten als Entscheidungsgrundlage
Auch Fütterungsberater Martin Perret profitiert stark von der Automatisierung im Stall der Familie Joos. Für ihn sind die präzisen Gesund-heits-, Fruchtbarkeits- und Milchleistungsdaten ein grosser Mehrwert. «Dank der laufend verfügbaren Informationen sehen wir sehr schnell, wenn sich Leistung oder Tiergesundheit verändern», erklärt er. So können Fütterungsstrategien zeitnah angepasst werden, noch bevor sich Probleme in der Herde manifestieren. Für die Familie Joos steht fest: Die Automatisierung hat den Betrieb nicht nur effizienter gemacht, sondern auch die Tiergesundheit und das Fruchtbarkeitsmanagement auf ein neues Niveau gehoben. «Der Roboter nimmt uns Arbeit ab, aber nicht die Verantwortung. Die Kühe bleiben im Zentrum», fasst Beat Joos zusammen.
Betriebsspiegel
Beat und Petra Joos Untervaz (GR), 520 m ü. M.
Fläche: 50 ha LN, davon 30 ha Ackerbau mit Mais, Kunstwiesen, Rüebli, Kartoffeln, Spinat, 20 ha Naturwiesen und teilweise Ökoflächen
Tierbestand: 120 Holsteinkühe + 80 Stück Jungvieh, 12 000 Mastpoulets
Milchleistung: 12 240 kg Stalldurchschnitt, ZZ 40, 4,12 % Fett, 3,32 % Eiweiss
Melktechnik: zwei DeLaval Melkroboter
Fütterung: TMR: Grassilage, Maissilage, Luzerne, Zuckerrüben, Maiskolbenschrot, Rüebli, Proteinausgleichsfutter, Mineralsalz, Viehsalz
Arbeitskräfte: Petra und Beat Joos, Beat Joos senior, ein Angestellter und zwei Lernende
Betriebsentwicklung: 1995 Hofübernahme von Beats Eltern, 2016 Umstellung auf Melkroboter, 2022 Einzug in den neuen Stall mit zwei DeLaval Melkrobotern









