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Management

Wettbewerbsfähiger – aber wie?

Die Agrarpolitik löst immer wieder heftige Reaktionen aus. Im Rahmen unserer Serie wollten wir von Prof. Martin Pidoux, Dozent für Agrarpolitik und -märkte, und von Hanspeter Renggli, Meisterlandwirt, wissen, wie die Forschung und die Praxis die heutige Agrarpolitik und die Vision des Bundesamts für Landwirtschaft beurteilen.

Hanspeter Renggli führt einen Betrieb mit Jungviehaufzucht,
Mastschweinen und Milchkühen.

Hanspeter Renggli führt einen Betrieb mit Jungviehaufzucht, Mastschweinen und Milchkühen.

(Gabriela Küng)

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Aktualisiert am

Leiterin Kommunikation, mooh Genossenschaft

Der Bundesrat verabschiedete die Gesamtschau zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik ab dem Jahr 2022. Beim Schweizer Bauernverband löste diese harte Reaktionen aus. Wie beurteilen aber die Forschung und die Praxis die Agrarpolitik? Die UFA-Revue fragte bei Prof. Martin Pidoux, Dozent für Agrarpolitik und Agrarmärkte, und bei Hanspeter Renggli, Junglandwirt aus Ruswil, nach.

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Prof. Martin Pidoux, HAFL

«Wir werden uns früher oder später an die weltweite Entwicklung anpassen müssen.»

UFA-Revue: Wie beurteilen Sie die Gesamtschau des Bundesrates?

Hanspeter Renggli: Für mich gehen die gewünschten Änderungen zu schnell. Die AP 14-17 ist noch nicht einmal vorbei – trotzdem wird schon wieder etwas Neues vorgeschlagen. Für meinen Betrieb war die AP 14-17 eine Herausforderung, aber wenn ich zukunftsorientiert investieren möchte, kann ich nicht per sofort wieder umstellen.

Martin Pidoux: Ich verstehe die Problematik auf Betriebsebene. Auch die meisten meiner Studenten kommen aus einem bäuerlichen Umfeld und einige werden irgendwann einen Betrieb übernehmen. Sie erkennen diese Probleme sehr schnell, also die mikroökonomischen Probleme auf Betriebsebene. Das Bundesamt für Landwirtschaft hingegen hat die Aufgabe, makroökonomisch, also im Hinblick auf die ganze Wirtschaft und dessen Umfeld zu handeln. Ich persönlich finde, sie haben die Problematik sehr gut beschrieben. Wir können in der Schweiz so oder so nicht ignorieren, was in der Welt passiert.

Wie soll das geschehen?

Pidoux: Der Bundesrat hat leider das Problem mit der Wettbewerbsfähigkeit sehr gut getroffen. Im Ausland ist in den letzten zehn Jahren betreffend dieser Thematik sehr viel passiert. Wenn die Schweizer Landwirtschaft hier nicht nachziehen kann, werden die Probleme wie Einkaufstoursimus und die hohen Preise gegenüber dem Ausland nur noch grösser werden. Das ist schade, aber langfristig müssen wir hier eine Lösung finden und die Diskussion mit der Branche muss stattfinden.

Renggli: Viele Betriebe müssen wachsen, um zu überleben oder eben, um wettbewerbsfähiger zu werden. Für mich scheint es so, als ob der Bund den Strukturwandel vorantreiben will. Und ich stelle mir die Frage, wie das passieren soll. Ich stelle fest, dass viele pensionierte oder bald pensionierte Landwirte ihr Land unbedingt behalten möchten. Und mit der «Schnellbleiche» (Anmerkung der Redaktion: Direktzahlungskurs) ist es für deren Kinder sehr einfach, den Betrieb respektive das Land zu übernehmen, um weiterhin Direktzahlungen zu erhalten. Diese Betriebe werden dann extensiviert. Natürlich werden diese Betriebe auf längere Frist verschwinden, in nur zwei Winterkursen wird niemand Landwirt. Um also, gemäss Wunsch des Bundes, den Strukturwandel voranzutreiben, müsste meiner Meinung nach die «Schnellbleiche» abgeschafft werden.

 

Prof. Pidoux, Sie waren Dossierverantwortlicher für die AP14-17, wurde das damals nicht diskutiert?

Pidoux: Doch, die Abschaffung der «Schnellbleiche» im Rahmen der AP 14-17 wurde diskutiert. Aber die Landwirtschaft selbst hatte diesbezüglich keinen Konsens gefunden. Man darf nicht vergessen, dass die Landwirte sehr vielseitig sind. Betreffend Strukturwandel glaube ich nicht, dass die Agrarpolitik allein diesen gross beeinflussen kann. Es gab in der Schweiz einen schnellen Strukturwandel, nach dem zweiten Weltkrieg. Die Bauernkinder suchten sich andere Berufe und wollten nicht mehr in der Landwirtschaft tätig sein, obwohl damals die Rahmenbedingungen betreffend Agrarpolitik für die Landwirte ziemlich gut waren. Wie Sie sehen, es gibt viele andere Faktoren, die den Sturkturwandel beeinflussen.

Renggli: Aber wenn die Direktzahlungen mehr auf die Produktion, also Tiere oder Kulturen, ausgerichtet würden, wäre die Wirkung grösser. Stark extensive Betriebe, die nur noch wenige Direktzahlungen erhalten, würden eher das Land veräussern. Da passt für mich das jetzige System nicht optimal.

Pidoux: Aber genau so, also auf die Produktion, waren die Direktzahlungen vor der AP 14-17 ausgerichtet.

Renggli: Trotzdem ist es aktuell aber eher interessant, extensiv zu wirtschaften und auf Ökobeiträge zu setzen.

Pidoux: Ja, aber auch wenn die Direktzahlungen auf die Tiere ausgerichtet sind, gibt es unerwünschte Nebeneffekte. Zum Beispiel gab es Betriebe, die wegen falschen politischen Anreizen zu viele Tiere hielten. Sie mussten das Futter zukaufen – und das wollte der Bund auch nicht fördern. Bei Zielkonflikten gibt es nun mal kein perfektes System und es müssen immer Kompromisse eingegangen werden.

Was wäre Ihrer Meinung nach, Herr Renggli, der richtige Lösungsansatz?

Renggli: Mir ist bewusst, dass das System mit besseren Preisen über Produktunterstützung nicht umsetzbar ist, auch aus internationaler Sicht. Man könnte aber beispielsweise mit den SAK-Faktoren besser arbeiten. Mit diesen wird ja genau beschrieben, welcher Landwirt wie viel Arbeit für seinen Betrieb einsetzt.

Pidoux: Sie plädieren für eine Erhöhung der SAK-Grenze: Ab wann ist aber ein Betrieb unterstützungswürdig? Für mich ist das eine politische Frage, die im Parlament geklärt werden muss. Denn insbesondere die kleinen Familienbetriebe geniessen eine grosse Unterstützung in der Bevölkerung.

Renggli: Ich bin nicht für eine Erhöhung der SAK-Grenze, sondern, dass die von der Bevölkerung gewünschten Familienbetriebe angemessen vom Bund für ihre Arbeit unterstützt werden. Extensive Betriebe, die sich nur auf Direktzahlungen ausrichten und sich knapp an der SAK-Grenze halten, sind keine Familienbetriebe und dementsprechend ist es nicht notwendig, diese zu unterstützen.

Pidoux: Ich sehe das als ein Umverteilungsprobelm. Die 3.4 Milliarden Franken werden an die Landwirtschaft verteilt. Aber wie sollen wir das machen? Persönlich bin ich damit einverstanden, dass Landwirte mit sehr wenig Arbeit weniger unterstützt werden sollten. Aber wenn man den Artikel 104 in der Bundesverfassung studiert, sind andere Ziele definiert: Selbstversorgung, Landschaftspflege und dezentrale Besiedlung. Und auch die kleinen Betriebe leisten diese Dienstleistungen. Somit gibt es keinen Grund, die SAK-Grenze zu erhöhen.

Die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe ging 2016 um 1.9 Prozent zurück. Hat der Strukturwandel nicht bereits eingesetzt?

Pidoux: Ja, das hat er. Sobald Fläche frei wird, gibt es einen Ansturm darauf und die Landwirte sind bereit, mehr zu bezahlen, auch wenn die Parzellen 15 Kilometer entfernt liegen.

Renggli: Genau das wird ja forciert. Die kleinen Betriebe müssen überleben. Die Investitionen wurden getätigt und das Land wird benötigt. Der Bund will, dass wir wachsen.

Pidoux: Das habe ich anders verstanden. Der Bund sagte, dass die Betriebe wettbewerbsfähiger werden müssen. Sie haben aber nicht erläutert, wie das geschehen soll. Das kann auch mittels Nischenproduktion auf einem kleinen Betrieb funktionieren.

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Hanspeter Renggli, Landwirt

«Aktuell ist es leider interessant, extensiv zu wirtschaften und auf Ökobeiträge zu setzen.»

Einige Landwirte sind anscheinend bereit, zu hohe Pachtzinse zuzahlen. Wie könnte man das verhindern?

Pidoux: Es gibt bereits viele Regeln, um einen zu hohen Bodenpreis zu verhindern. Trotzdem ist es sehr schwierig, das zu kontrollieren. Ebenfalls sind hohe Bodenpreise nicht im Interesse der Landwirtschaft. Es ist aber hier sehr schwierig, eine Lösung zu finden. Der Bodenpreis ist nicht nur abhängig von Direktzahlungen, sondern auch von den Lebensmittelpreisen. In der Schweiz ist alles teuer und unsere Wettbewerbsfähigkeit leidet darunter. Auch die Landwirtschaft ist betroffen.

Renggli: Die Idee ist, den Druck zu erhöhen, damit die Betriebe gezwungenermassen wettbewerbsfähig werden.

Pidoux: Aber diese Überlegungen sind nicht immer schlecht. Ich finde es schade, dass der Bund so stark kritisiert wurde. Man sollte nicht einfach dagegen sein, sondern sich fragen, weshalb der Bund genau zu diesem Vorschlag zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik gekommen ist. Als Wissenschaftler und Lehrer darf ich keine Politik machen. Ich muss aber den Studenten mögliche Entwicklungen aufzeigen und das Verständnis dafür fördern. Der Bericht zur AP 22+ ist sicher eine gute Basis.

Wie sieht denn nun konkret die Schweizer Landwirtschaft in der Zukunft aus?

Renggli: Ich setze mich für den Erhalt der Familienbetriebe ein. Sie sind essentiell für die dezentrale Besiedlung und unsere Volkskultur. Ob so ein Betrieb dann 10 oder 30 Hektaren hat, spielt keine Rolle.

Pidoux: Ich denke, dass sich aufgrund der Nachfrage, also der Zielmärkte, verschiedene Betriebsformen entwickeln werden. Dies werden zum einen kleine Betriebe mit Nischenproduktion und hoher Wertschöpfung sein. Auf der anderen Seite wird es aber sicher auch die grossen Betriebe geben, die sich auf einzelne Betriebszweige spezialisieren und im grossen Stil produzieren. Eine weitere Alternative sehe ich aber auch in Betriebsgemeinschaften oder Betriebszweiggemeinschaften. Ich bin fest überzeugt, dass wir in 50 Jahren immer noch stolz auf die Schweizer Landwirtschaft sein werden.

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