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Betriebsführung

Ausgebrannt

In der Landwirtschaft tätige Personen sind doppelt so oft von einem Burnout betroffen wie der Rest der Bevölkerung. Die Ostschweizer Fachhochschule hat untersucht, warum Betroffene erst sehr spät Unterstützung suchen und welche Hilfsangebote bei der Früherkennung zielführend sind.

Löschen, bevor es zu spät ist: Im Anfangsstadium kann eine Burnout-Erkrankung relativ einfach zu Hause oder ambulant therapiert werden. Bei einer statio...

Löschen, bevor es zu spät ist: Im Anfangsstadium kann eine Burnout-Erkrankung relativ einfach zu Hause oder ambulant therapiert werden. Bei einer stationären Behandlung ist der betriebliche Schaden gross und überlastet oft die übrigen Familien- oder Betriebsangehörigen, die nun zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen.

(Bild: Stefan Gantenbein)

Publiziert am

Ein Burnout ist tückisch, da es von Betroffenen oftmals nicht wahrgenommen wird. Nahezu pausenlose Präsenz und der Verzicht auf Erholung, körperliche Erschöpfung sowie das Gefühl der Unentbehrlichkeit sind normale Bestandteile des bäuerlichen Arbeitsalltags. Diese Realität kann aber auch der Ursprung eines Burnouts werden. Kommen körperliche Warnsymptome hinzu, wie Einschlafstörungen, Grübeln oder die Unfähigkeit, sich zu entspannen, kann sich die Krankheit leicht entwickeln und verstärken.

Fast 65 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben an, dass sie in der Vergangenheit bereits aufgrund einer schwierigen Situation an ihre Grenzen stiessen.

Wer Warnsymptome missachtet, muss mit weiteren Folgen rechnen. Dazu gehören das Gefühl, körperlich und gefühlsmässig dauerhaft entkräftet zu sein und mit sehr grossem Einsatz wenig zu erreichen, der Verlust des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten, Verzweiflung oder Suizidgedanken.

Risiken in der Landwirtschaft

Die Kosten für die Landwirtschaft infolge von Burnout sind derzeit nicht bekannt. Berechnungen für die gesamte Schweiz beziffern aber Kosten von 4 bis 16 Milliarden Franken jährlich. Aus diesem Grund fördert das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) ein zweijähriges Forschungsprojekt der Fachhochschule Ost (OST) in Form von leitfadengestützten Interviews, die mittels einer Onlineumfrage anschliessend überprüft wurden (siehe Kasten «Forschungsprojekt»).

Forschungsprojekt

In Zusammenarbeit mit den Bauernverbänden AR, SG, TG, GR, ZH, den Schweizer Landfrauen, den Landwirtschaftlichen Bildungszentren, Agroscope und Beratenden der bäuerlichen Sorgentelefone (Offeni Tür, Puure-Hilf Zürich) wurden folgende Fragen untersucht:

  • Wie können gesundheitsgefährdende Belastungen von Landwirtinnen und Landwirten selbst frühzeitig erkannt und im besten Fall verhindert werden?
  • Wie können Betroffene am schnellsten und wirksamsten erreicht werden?
  • Wie müssen regionale Beratungsangebote gestaltet sein, die nachhaltig die körperliche, psychische und soziale Situation der betroffenen Landwirtinnen und Landwirte verbessern und von potenziell allen Betroffenen genutzt werden können?

Online gaben fast 65 Prozent der 368 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an, dass sie in der Vergangenheit bereits aufgrund einer schwierigen Situation an ihre Grenzen stiessen. Differenziert und auf die aktuelle Situation bezogen, erleben die Befragten den Arbeitsdruck, die Last der administrativen Aufgaben, die Erwartungen der Gesellschaft sowie das Einhalten aller rechtlichen Vorschriften als besonders belastend (siehe Abbildung 1). Als besonders hoch eingeschätzt wird das Burnout-Risiko aufgrund mangelnder Arbeitsorganisation, hohen Schuldendrucks durch Investitionen in Technologien sowie im Zusammenhang mit Generationenkonflikten. Für ältere Landwirte vor allem dann, wenn die Kinder flügge werden und dadurch die familiäre Unterstützung immer mehr fehlt.

Hürden erschweren Prävention

In der Früherkennung und Prävention spielen die Beratungsdienste eine elementare Rolle. Anhand der Onlinebefragung wurde jedoch deutlich, dass die Möglichkeiten im Bereich der persönlichen Hilfe oftmals unbekannt sind oder gar nicht genutzt werden (siehe Abbildung 2). Obwohl 82 Prozent angaben, dass sie im Bedarfsfall Hilfe in Anspruch nehmen würden, wird aus den Interviews mit Betroffenen und Fachleuten ersichtlich, dass mit der bestehenden psychosozialen Infrastruktur nur schwer präventiv angesetzt werden kann. Gründe dafür sind nicht nur Ängste, Scham oder Tabus, sondern auch die Tatsache, dass Betroffene erst sehr spät Unterstützung suchen. Die Auswertung der Interviews zeigt zudem, dass sich Männer bei hoher Arbeitsbelastung weniger schnell Unterstützung holen würden als Frauen. Das Projekt sieht deshalb in erster Linie eine Überprüfung bestehender Angebote und ihre Weiterentwicklung aus Sicht von Betroffenen und ihrem Umfeld vor.

Beurteilung bestehender Hilfsangebote

Die Partnerin oder den Partner sehen die Befragten in Überlastungssituationen zwar als wichtige Mahnfiguren, gleichzeitig wird aber die Kommunikation als Problem genannt.

Fast 70 Prozent gaben in der Onlinebefragung an, dass es ihnen Mühe bereitet, mit einer vertrauten Person über ihre Gefühle zu sprechen.

Fast 70 Prozent gaben in der Onlinebefragung an, dass es ihnen Mühe bereitet, mit einer vertrauten Person über ihre Gefühle zu sprechen. In den Interviews wurde in diesem Zusammenhang oft erwähnt, dass dies vor allem Männern schwerfalle. Gegenüber Hilfsangeboten von ausserhalb der Landwirtschaft herrscht häufig Misstrauen, da Hilfspersonen nicht die «gleiche Sprache» sprechen würden. Oftmals seien auch die Kosten für eine Beratung unklar. Im Idealfall seien Berater ehemals Betroffene und kennen sich zudem in der Landwirtschaft aus (siehe Kasten Peer-Beratung). Geäussert wurde auch der Wunsch nach weiblichen wie männlichen Ansprechpersonen.

Besamungstechniker als Brückenbauer

Die Anforderungen an ein gelingendes Hilfsangebot basieren gemäss Umfrage zusammengefasst auf den drei Säulen Anonymität und Vertrauen, Zuverlässigkeit sowie Niederschwelligkeit. Dabei wird eine zeitliche und örtliche Unabhängigkeit begrüsst. Alleine das Wissen, dass Unterstützung rund um die Uhr vorhanden ist, gibt den Betroffenen Sicherheit (siehe Abbildung 3). In der Onlineumfrage wurde der Wunsch nach Anonymität jedoch wieder relativiert.

Mehr als die Hälfte der Befragten zieht ein Beratungsgespräch auf dem Betrieb vor.

Da ein Burnout häufig mit einer Koppelung von verschiedenen Belastungsfaktoren einhergeht, könnte das soziale Umfeld auf Risiken aufmerksam machen. So zieht mehr als die Hälfte der Befragten ein Beratungsgespräch auf dem Betrieb vor. Genannt wurden dabei vor allem die landwirtschaftlichen Berater, da hier sehr eng zusammengearbeitet werde. Aber auch der Vieh- oder der Futterhändler, Tierarzt oder Besamungstechniker kommen in diesem Zusammenhang infrage. Und nicht zuletzt werden Treuhänderinnen und Treuhänder als wichtige Ansprechpersonen angesehen. Manchmal gehe es nur darum, dass man sich an jemanden wenden könne, wenn es brennt.

Insbesondere der Wunsch, dass Kollegen oder Anlässe mit Betroffenen wichtig sind, um Informationen zu Burnout zu erhalten, lässt darauf schliessen, dass ein Hilfsnetzwerk von ehemals Betroffenen und Betriebsberatenden gute Dienste in der Burnout-Prävention leisten könnte. Sie würden als Brückenbauer und Vermittler zu Beratungsangeboten in Erscheinung treten. Rund 43 Prozent können sich auch eine telefonische Hilfeleistung vorstellen. Das Sorgentelefon gibt es in verschiedenen Kantonen. Es wird jedoch sehr unterschiedlich genutzt. Die Teilnehmenden sehen es eher als erste kurzfristige Anlaufstelle, und es könne sie in komplexen Situationen nicht genügend unterstützen. 

Beratungsangebote in belastenden Situationen

  • Das bäuerliche Sorgentelefon (041 820 02 15) bietet einen Überblick von Hilfsangeboten in der Landwirtschaft.
  • Der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband betreibt eine Website, welche Hilfe und Unterstützung in schwierigen Situationen anbietet.
  • Die kantonalen Bauernverbände oder der Maschinenring bieten eine schnelle Krisenintervention an (z. B. Betriebshelfer).
  • Landwirtschaftliche Beratungsstellen haben den Auftrag, in Überlastungssituationen zu unterstützen.

Neue Wege in der Burnout-Prävention

Ausbildung Peer-Berater (D)

Der Ausdruck Peer (engl. gleichartig) bedeutet, dass es sich um eine Beratungsperson handelt, die eigene Erfahrungen in einer ähnlichen Lebenssituation gemacht hat und zugleich mit der Landwirtschaft vertraut ist. Die Aufgabe der Peers besteht darin, Brücken zu professionellen Beratungsangeboten zu bauen, damit die Hilfe überhaupt ins Rollen kommt. Entsprechend ausgebildete Peer-Beraterinnen und -Berater können selbständig tätig werden. Das Modell wird bereits erfolgreich in Kanada eingesetzt. In der Schweiz gibt es erst vereinzelte Angebote.

Eine Ausbildung zum Peer-Berater in der Schweiz bietet die Stiftung Pro Mente Sana in Zürich an. Die unabhängige Organisation ist eine Anlaufstelle für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung, deren Angehörige und für Fachleute. www.promentesana ➞  Peer-Angebote

Weiterbildung zum Brückenbauer (F)

Das Präventionsprojekt «Sentinelle Vaud» des Waadtländer Vereins Prométerre (Proconseil) richtet sich an Fachpersonen aus dem landwirtschaftlichen Umfeld. Dabei werden Beraterinnen und Berater wie Kontrolleure, Tierärzte, Treuhänder oder Futtermittelverkäufer im Rahmen einer Weiterbildung darauf sensibilisiert, drohende Krisen bei ihren Klienten zu erkennen und die ersten Brücken zu möglichen Hilfsangeboten zu schlagen. www.prometerre.ch  Sentinelle

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