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Betriebsführung

Familie und Betrieb als Gesamtheit betrachten

Wie werden die Arbeiten auf einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb aufgeteilt? Was bedeutet die gewählte Lösung im Umgang mit Arbeitsbelastung und vor allem mit Entlastung?

Die Arbeitsteilung ergibt sich oft spontan. 

Die Arbeitsteilung ergibt sich oft spontan. 

(Agrarfoto)

Publiziert am

Aktualisiert am

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, BFH-HAFL

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, BFH-HAFL

Auf dem Betrieb von Familie Maurer sind die Zuständigkeiten fix geregelt: Frau Maurer ist verantwortlich für die Kinder, für sämtliche Haushaltsarbeiten sowie für die Büroarbeiten der Familie. Herr Maurer ist zuständig für alle Stall- und Feldarbeiten sowie für das Büro des Landwirtschaftsbetriebs. Ein Vorteil der klaren Regelung sei, dass man sich nicht täglich absprechen müsse:
Frau Maurer: «Bei uns ist die Aufgabenteilung extrem klar, darum gibt es auch keine Reibereien. (…)»
Die Maurers sind eines von sechs Betriebsleiterpaaren, die in einem Forschungsprojekt der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL interviewt wurden. Das Ziel der Forschung war zu erfahren, wie Betriebsleiterpaare ihre Arbeitsteilung aushandeln und Entlastung organisieren. Neben den Betriebsleiterpaaren wurden weitere Frauen und Männer aus der Landwirtschaft zu zwei Gruppendiskussionen eingeladen. Dadurch kamen zusätzliche Sichtweisen und Erfahrungen zusammen.

Einfache Lösung

Auffallend war bei den interviewten Betrieben, dass kaum Diskussionen und Aushandlungen zur Arbeitsteilung stattfinden. Die Antwort lautete meist: «Es hat sich so ergeben» oder «Wir sind so reingerutscht.» Auf die Frage, wie sie sich organsiert haben, als seine Frau auf den Betrieb kam, antwortete ein Landwirt folgendermassen: «Das ging elegant. (...) Wir haben einfach irgendwie angefangen und nicht überlegt, wie viel gearbeitet werden muss, sondern es muss einfach alles erledigt sein. (...)»

In den meisten Fällen scheint von vornherein klar zu sein, dass die Frau für den Haushalt verantwortlich sein soll und der Mann für den Betrieb. Diese Lösung wirft meistens nicht viele Fragen auf. Aber ist dies immer die beste Variante für alle Beteiligten?
Nicht alle Frauen der Studie unterstützen das im Nachhinein. Einige würden sich gerne mehr auf dem Betrieb einbringen und sich auch Haushaltsarbeiten wie zum Beispiel Reinigungsarbeiten teilen. Die interviewten Männer sind mit der Arbeitsteilung grundsätzlich alle zufrieden, möchten zum Teil aber ebenfalls ihre Arbeitsbelastung reduzieren.

Veränderung der Arbeitsteilung

Neben dem Einzug auf dem Betrieb, ist die Geburt des ersten Kindes der Auslöser für Veränderungen in der Arbeitsteilung. Danach konzentrieren sich die Frauen auf Kinderbetreuung und Hausarbeit und verlassen oder reduzieren die ausserbetriebliche Tätigkeit oder die Mitarbeit im Stall und auf dem Feld.
Landwirtin: « (…) bei der Familiengründung gibt es eigentlich die grossen Diskussionen! Denn bei der Familiengründung kommt automatisch die Kinderbetreuung hinzu. Das ergibt natürlich vielmehr Hausarbeit. Das war damals einfach so und man musste dann ein klein wenig schauen, wie es gehandhabt wird. Mir hat es damals manchmal ein bisschen Mühe bereitet, dass ich automatisch viel mehr zu Hause zu tun hatte als früher. »
Diese Landwirtin hat zwar mit ihrem Mann verhandelt. Dennoch wünscht sie sich, noch mehr im Stall arbeiten zu können und dort Verantwortung zu übernehmen, was auch ihrer Ausbildung als Agronomin entsprechen würde. Doch stellt sie diese Interessen zurück.
Einfluss auf die Arbeitsteilung eines jungen Paares haben nicht nur die eigenen Interessen, Fähigkeiten und Wertvorstellungen, sondern auch die Arbeitsteilungsmuster der vorhergehenden Generation. Wo die Schwiegermutter bereits ausserbetrieblich arbeitete, ist es für die junge Frau einfacher, dies ebenfalls zu tun. Wo die Schwiegereltern noch einen festen Platz in der Betriebsarbeit haben, kann es besonders für die junge Frau schwierig sein, Aufgaben und Verantwortung auf dem Landwirtschaftsbetrieb zu übernehmen.

Tipp

Entlastungsstrategien aus Interviews und Gruppendiskussionen: 

  • Am Sonntag nur das Notwendigste erledigen 
  • Prüfen, ob Praktikantin, Lernende/r Entlastung bringt
  • Verantwortung für bestimmte Tätigkeit teilen 
  • Ämter abgeben 
  • Gewisse Betriebszweige oder Tätigkeiten aufgeben

Für den Haushaltsbereich im Besonderen: 

  • Mut zum einfachen Menü, anstelle eines Dreigang-Menüs. 
  • Die Küche auch mal unaufgeräumt lassen und die Zeit nutzen, um mit den Kindern in die Badi zu gehen. 
  • Eine zweite Waschmaschine für Stall/Umkleideraum kaufen, damit die Stallverantwortlichen ihre Arbeitskleider selbst waschen. 
  • Haushaltshilfe

Schnittstelle Kinderbetreuung

Es gibt jedoch auch klare Arbeitsbereiche, die verhandelt werden. Beispielsweise, wer die Büroarbeit erledigt, oder welche Tätigkeiten die Frau von den Betriebsarbeiten übernimmt. Die Kinderbetreuung erweist sich als Schnittstelle, auch wenn sonst die Tätigkeitsbereiche von Mann und Frau strikt getrennt sind. Zwar hat die Frau immer die Hauptverantwortung für die Kinder und übernimmt die Hauptarbeit. Doch alle interviewten Männer mit kleinen oder schulpflichtigen Kindern übernehmen gewisse Aufgaben. Am häufigsten ist das: die Kinder am Abend ins Bett zu bringen, oder Abhol- und Bringdienst der Kinder für Schule und Hobbies zu leisten. Einzelne übernehmen sporadisch die Hauptbetreuung.
Landwirt: «Bezüglich den Kindern an meiner Seite: entweder stelle ich meine Arbeit, bei der ich gerade dran bin zurück und widme ich mich ganz den Kindern, oder mache gleich etwas anderes mit den Kindern, wie zum Beispiel Holz holen gehen, wo sie mitkommen können. »
Regelmässige Betreuungszeiten gibt es bei den interviewten Paaren kaum. Vielmehr wird bei Engpässen gegenseitig ausgeholfen.

Entlastung durch Dritte

Die Arbeitsteilung von Familie und Betrieb wird kaum als Ganzes gedacht, sondern eher im Hinblick auf die einzelnen Bereiche. So wird auch Arbeitsoptimierung und Arbeitsentlastung hauptsächlich im eigenen Tätigkeitsbereich vorgenommen und nicht durch Neuaushandlung von Verantwortlichkeiten zwischen den Partnern. Landwirt Maurer drückte es so aus:
«Wir wissen beide, wie stark wir beide ausgelastet sind. Darum wagen wir nicht, dem anderen zu sagen, könntest du nicht bei mir noch etwas helfen.»
Unterstützung durch Dritte – familienextern oder -intern – ist daher ein wichtiges Element in den Arbeitsteilungsmustern der interviewten Betriebe dieser Forschung. Eine Bäuerin beispielsweise hat die Reinigungsarbeiten bewusst ausgelagert. Einerseits hasse sie das Putzen, wie sie sagte. Und andererseits sei die Reinigungskraft viel effizienter als sie selbst. Diese Bäuerin hat eine hohe Arbeitsbelastung, aber sie muss sich trotzdem (vor allem gegenüber Personen aus ihrem weiteren Umfeld) manchmal rechtfertigen, weshalb sie eine Putzhilfe hat. Es braucht also auch etwas Mut, um eine eigene Lösung umzusetzen, wenn sie (noch) nicht mehrheitsfähig ist.

Familie und Betrieb als Ganzes denken

Die Arbeitsoptimierung nur im eigenen Bereich hat ihre Grenzen. Mittel- oder langfristig können trotzdem Überlastungen entstehen. Die Intensität und Spitzenzeiten der Tätigkeiten, das Ausmass an Verantwortung und damit verbundene Ansprüche sowie die Vereinbarkeit mit anderen Aufgaben spielen dabei eine Rolle. Familie und Betrieb als Gesamtheit zu betrachten, kann helfen, neue Lösungen zu finden. Sinnvoll ist es, bei der Analyse die Rolle und besonders auch die Sichtweisen aller Beteiligten zu berücksichtigt und nicht nur auf den Betriebsleiter beziehungsweise das Betriebsleiterpaar zu fokussieren.
Um eine Diskussion zur Arbeitsteilung in Gang zu bringen, kann eine einfache Skizze helfen. Dabei zeichnen beide Partner die eigenen Tätigkeiten und jene des Partners/der Partnerin je in einem 24-Stunden- Diagramm auf (siehe Beispiel in der Abbildung). Danach werden die Skizzen verglichen. Womöglich werden unterschiedliche Wahrnehmungen der Verantwortungsbereiche sichtbar, oder Schnittstellen entdeckt.

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Tätigkeiten von Frau und Mann während eines durchschnittlichen Tages. Angaben in Stunden aus Sicht der Frau und des Mannes.

Individuelle Lösungen

Es gibt keine Patentlösungen oder ideale Rollenteilungen. Betriebe, Familien und die dazugehörigen Menschen sind verschieden, nehmen Rollen unterschiedlich wahr, haben unterschiedliche Vorlieben und Fähigkeiten. Daher ist es wichtig, dass alle ihre Interessen und Fähigkeiten einbringen können. Es kann sich lohnen, über die Grenzen seines eigenen Arbeitsbereichs hinauszuschauen und auch unkonventionelle Lösungen auszuprobieren. Dies mit dem Ziel, langfristige Lösungen zu finden, die für alle befriedigend sind. 

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