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Gestalten statt reagieren

Die Digitalisierung in der Landwirtschaft macht rasante Fortschritte. «Man muss mitmachen», sagt Cathrina Claas-Mühlhäuser, Vorsitzende des Aufsichtsrates des Landtechnikherstellers Claas. Im Interview greift sie wesentliche Punkte auf, wie sie ihr Unternehmen und ihre Kunden für die digitale Zukunft wappnen möchte.

Cathrina Claas-Mühlhauser ist die Vorsitzende des Aufsichtsrates des Landtechnikherstellers Claas.

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Leiterin Unternehmenskommunikation, die Mobiliar

Interview mit Cathrina Claas-Mühlhäuser

Cathrina Claas-Mühlhäuser (42) ist die Enkelin des Firmengründers August Claas und führt das Unternehmen als Präsidentin und Inhaberin in dritter Generation.

UFA-Revue: Globalisierung und Digitalisierung passieren. Man muss mitmachen. Sehen Sie das auch so?

Cathrina Claas-Mühlhäuser:Ja, weil die Chancen die Risiken überwiegen. Es ist immer besser, den Wandel zu gestalten als lediglich darauf zu reagieren.

Die Digitalisierung ändert ganze Geschäftsprozesse schneller als die bisher bekannten technologischen Funktionsoptimierungen. Das stellt auch Sie persönlich als Unternehmerin vor neue Perspektiven. Wo sehen Sie die grösste Herausforderung?

Claas-Mühlhäuser:Wir müssen die Trends richtig deuten und rasch handeln. Es geht dabei nicht nur um Produkte und Systeme, sondern auch um unsere Kundenbeziehungen. In über 100 Jahren Firmengeschichte haben wir oft Dinge als erste angestossen. Das muss so bleiben.

Was tun Sie konkret?

Claas-Mühlhäuser:Wir haben bei Claas unsere Elektronikkompetenz in einer neuen Tochtergesellschaft gebündelt. Mehr als 150 Mitarbeiter entwickeln dort jetzt Elektronik-Architekturen, automatische Systeme zur Lenkung per Satellitensignal sowie andere Lösungen für eine zunehmend vernetzte Landwirtschaft. Gleichzeitig bauen wir die digitalen Schnittstellen zu unseren Kunden aus, wenn es zum Beispiel um Ersatzteile oder Gebrauchtmaschinen geht.

Muss ein Umdenken in der Entwicklung stattfinden? Weg vom traditionellen Mähdrescher hin zu digitalen Lösungen?

Claas-Mühlhäuser:Claas wird weiter auch ein Hardware-Unternehmen sein. Der Kunde kauft heute jedoch immer seltener nur eine Maschine. Ihn interessiert eine komplette Lösung für seinen Betrieb. Bis vor wenigen Jahren war der Trend in der Landtechnik von immer grösseren Maschinen geprägt. Heute finden Innovationen vor allem in den Bereichen Antriebstechnik, Maschinenintelligenz und Vernetzung statt. Es geht uns um die Optimierung von ganzen Prozessketten.

Claas optimiert Maschinen, vernetzt sie miteinander und jetzt werden Tools zur Maschinenprozessoptimierung entwickelt. Was bedeutet das für Ihre Unternehmenskultur?

Claas-Mühlhäuser:Claas wird mit 77 Prozent Auslandsanteil immer internationaler. Deshalb nutzen wir die digitalen Möglichkeiten, um unsere eigenen Arbeitsabläufe und Entwicklungsprozesse zu verbessern. Genau diese unternehmerische Brille setzten auch viele unserer Kunden auf und sehen das Datenmanagement als Chance, nicht als Bedrohung.

Claas hat das Softwareunternehmen 365FarmNet gegründet. Ein Blick in andere Wirtschaftsbereiche zeigt: neutrale, offene Plattformen sind erfolgreich. Welchen Kundennutzen hat 365FarmNet?

Claas-Mühlhäuser:Der Landwirt möchte seinen Betrieb als Ganzes betrachten und strategische Entscheidungen treffen. Das geht nur, wenn er Prozesse im Nachgang analysiert. Dazu benötigt der Landwirt viele Daten, die er mit Hilfe von 365FarmNet sammeln und auswerten kann, um dann seine Entscheidungen auf ein festeres Fundament zu stellen.

Stellen sie sich vor, Sie sind im Vertrieb für 365FarmNet unterwegs. Was wäre ihr wichtigstes Argument für diese Plattform im Gespräch mit dem Kunden?

Claas-Mühlhäuser:Mit 365Farm-Net bekommt der Landwirt ein digitales Betriebsmittel, das durch die Bausteinstruktur individuell auf seine Bedürfnisse angepasst werden kann. Das Partnermodell von 365FarmNet ermöglicht einen ungehinderten Informationsfluss in der täglichen Arbeit – ohne dass der Landwirt weitere zusätzliche Programme nutzen muss. Seit der Agritechnica 2015 stellt 365FarmNet zudem die Grundfunktionen, inklusive Ackerschlagkartei und Dokumentation, kostenlos zur Verfügung, zeitlich unbegrenzt und unabhängig von der Betriebsgrösse. Somit kann sich der Landwirt ohne grossen Kostenaufwand ein genaues Bild von 365FarmNet und seinen Möglichkeiten machen und das optimale Set an Modulen für seinen Betrieb auswählen.

Viele Ihrer Endkunden haben Angst um die Sicherheit ihrer Daten. Wem gehören die erhobenen Daten beispielsweise bei 365FarmNet? Glauben Sie, dass die begrenzenden Erfolgsfaktoren derzeit die Datensicherheit und die Dateninfrastruktur sind?

Claas-Mühlhäuser:Der Digitalisierungsprozess in der Agrarbranche wird durch die Unsicherheit mit Blick auf die Datensicherheit und die Datenhoheit gebremst. Viele Landwirte sorgen sich um ihre Daten, die in einer Cloud gesammelt abgelegt werden würden. Ich halte das für unbegründet.

365 FarmNet nutzt zertifizierte Server in Deutschland; die Datenübermittlung erfolgt ausschliesslich verschlüsselt. Mit der eigenen Festplatte zu Hause hat man im Vergleich dazu deutlich mehr Risiken. Entscheidend ist: Die Daten gehören grundsätzlich dem Landwirt und nur er bestimmt, wem er diese zur Nutzung überlässt. Die gesamte Landtechnikbranche ist gefragt, unseren Kunden die Verunsicherung zu nehmen.

Bisher ging der Trend bei den Maschinen zu grösser, breiter und stärker. Die Betriebe mussten und müssen kapitalintensiv arbeiten, um am technischen Fortschritt teilzunehmen. Wenn es um digitale Lösungen geht, haben viele Betriebsleiter mittelständischer Höfe im Kopf, dass auch diese Technik für die Grossen der Branche ist. Stimmt das?

Claas-Mühlhäuser:Bisher waren grosse strategische Schritte mit viel Geld verbunden. Das ist heute nicht mehr so. Durch die Datenerhebung und Auswertung können Kosten eingespart und Ressourcen geschont werden. Ausserdem ergeben sich ganz neue Geschäftsmodelle für den Landwirt. Ich glaube, dass sich gerade für kleinere Betriebe, auf denen kein zusätzliches Personal eingestellt werden kann, grosse Chancen ergeben. Dort ist es besonders wichtig, die verfügbare Zeit effektiv zu nutzen.

365FarmNet besteht zurzeit aus einem Netzwerk von 27 Partnern. Wie gut funktioniert die Integration der verschiedenen Hersteller?

Claas-Mühlhäuser:Die Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit ist ein gemeinsames Ziel. Wir als Claas suchen in 365FarmNet keinen zusätzlichen Vertriebsweg für Mähdrescher oder Traktoren. Wir möchten einen zusätzlichen Service für unsere Kunden anbieten. Und der Mehrwert der Plattform für den Kunden steigt mit jedem weiteren Partner, der sich mit seinem Know-how einbringt. Es wird in Zukunft weitere digitale Plattformen für die Landwirtschaft geben. Diesem Serviceund Technologiewettbewerb stellen wir uns gerne.

Welchen Partner hätten Sie gerne noch im Boot? Warum?

Claas-Mühlhäuser:Diese Frage stellt sich für mich anders: Welche Partner und, noch wichtiger, welche Lösungen und Informationen wünschen sich unsere Kunden?

Welche Rolle spielt die fenaco als Generalimporteur für den Schweizer Markt?

Claas-Mühlhäuser:Als Familienunternehmen achten wir auf eine langfristige und wertorientierte Zusammenarbeit mit unseren Importeuren und Kunden. Die fenaco ist für uns in Europa ein sehr dynamischer Partner, mit dem wir schon lange vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Haben Sie Angst, dass Unternehmen wie Apple oder Google die Agrarbranche für sich entdecken und Sie somit auf starke Konkurrenz ausserhalb der Branche treffen?

Claas-Mühlhäuser:Angst ist ein schlechter Ratgeber. Ich bin ein Mensch, der erst einmal das Gespräch sucht und sich Gedanken über gemeinsame Projekte macht. Wichtig ist mir dabei ein gemeinsames Verständnis von Datenschutz und den Rechten unserer Kunden. Dies gilt für alle unsere Partner, heute und in Zukunft.

«fenaco ist für uns ein sehr dynamischer Partner»

Cathrina Claas-Mühlhäuser, Aufsichtsratsvorsitzende von Claas

Wie sieht Ihr Zukunftsbild vom Landwirt im Jahre 2050 aus?

Claas-Mühlhäuser:Auf diese Frage gibt es je nach Region und Boden ganz unterschiedliche Antworten. Ohne moderne Landwirtschaft könnte die Welt heute nur 1,5 Milliarden Menschen ernähren. Die Weltbevölkerung wird jedoch von aktuell sieben bis 2050 auf rund neun Milliarden Menschen ansteigen. Daher wird die Bedeutung der Technik weiter zunehmen.

Entscheidend bleiben jedoch auch in Zukunft die Menschen, die den Boden und das Wetter verstehen und den ganzen Lebensraum im Blick haben. 

Neuer Claas-Chef an Delegiertenversammlung der fenaco

Hermann Lohbeck (54) ist zum neuen Claas-Chef ernannt worden. Er tritt zum 1. Oktober 2017 die Nachfolge von Lothar Kriszun an, der zum gleichen Zeitpunkt in den altersbedingten Ruhestand geht. Hermann Lohbeck ist seit 2014 Mitglied der Claas-Konzernleitung und für das Geschäftsfeld Futterernte verantwortlich. Der gelernte Diplom-Kaufmann war zunächst als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer tätig, 1999 kam er zu Claas. Lohbeck trat am 21. Juni anlässlich der Delegiertenversammlung der fenaco in Luzern als Referent zum Thema Digitalisierung der Landwirtschaft auf.

AutorinAlice Chalupny Unternehmenskommunikation fenaco, 8401 Winterthur

BilderClaas

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