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Landleben

Als Urgrossvater die Uroma fand

Es gab noch keine E-Mails, keine Freundschaftsanfragen auf Facebook und keine Whatsapp-Nachrichten aufs Smartphone. Aber das Zustandekommen von Partnerschaften funktionierte vor 100 Jahren trotzdem. «Chränzli», «Stubeten» oder «bunte Abende» boten Kontaktgelegenheiten. Erhalten gebliebene Briefe, Karten und Fotos erzählen von den Sehnsüchten und Träumen jener Zeit.

Bild ganz links:Briefe waren eine Möglichkeit, den Gefühlen Ausdruck zu verleihen. 

Bild ganz links:Briefe waren eine Möglichkeit, den Gefühlen Ausdruck zu verleihen. 

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Agrarjournalist

Dem 22-jährigen Gottfried war die neue hübsche Serviertochter im «Emmenbaum» sofort aufgefallen. Sie gefiel ihm sehr; noch nie zuvor hatte er sie da gesehen. Woher kam sie wohl?

Maria hiess sein Schwarm, in den er sich 1923 verliebte. Sie kam aus Belluno in Venetien. Es war in jener Zeit üblich, dass junge Frauen aus Nachbarländern in der Schweiz eine Anstellung suchten als Dienstmädchen oder Serviertochter. Meistens dauerte diese Anstellung dann nicht allzu lang, weil die jungen Männer der Region auf Brautschau gleich ein Auge auf die hübschen Frauen geworfen hatten. So blieben viele Südländerinnen in der Schweiz «hängen» und heirateten hier. Dies, obwohl ihre Eltern die Tochter eigentlich nur, um etwas Geld zu verdienen, in die Schweiz geschickt hatten. Und Bauernsöhne verehelichten sich so entgegen den elterlichen Empfehlungen, eine Tochter vom Nachbarhof zu wählen. Das Anliegen, die Interessen von Familie und Hof im Auge zu halten, wurde oft in den Wind geschlagen. Denn: «Wo die Liebe hinfällt, wächst kein Gras mehr», wusste der Volksmund schon damals.

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Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde häufig im feinen Sonntagskleid geheiratet, dieses war oft schwarz. 

(zvg)

Arbeit für junge Frauen

Es war so, dass Spinnereien und Tuchfabriken in unserem Land damals flinke junge Frauen, am liebsten im Teenager-Alter, als Arbeiterinnen benötigten. Örtlich konnten viel zu wenige angeworben werden, und so wurden diese in Norditalien rekrutiert. Die Seidenstoffweberei Gebrüder Näf in Affoltern im zürcherischen Knonaueramt zum Beispiel und auch die Textilfabrik Viscose Suisse im luzernischen Emmenbrücke liessen junge Mädchen aus Norditalien zu Hunderten anreisen. Es waren an beiden Orten eigene Internate geschaffen worden, die unter der strengen Leitung von Hausmüttern – Nonnen des Klosters Menzingen – standen. Kein Mädchen durfte allein oder ohne Aufsicht ausgehen. So sollten die Bedenken der italienischen Eltern zerstreut werden, ihre Töchter mit 15 Jahren in der Schweiz in einer Fabrik arbeiten zu lassen. Am Arbeitsplatz wie auch in der Freizeit beim Spazierengehen standen sie unter ständiger Kontrolle der Schwestern. Die ein- und ausgehende Korrespondenz wurde kontrolliert. Obwohl sogar der sonntägliche Gang zur Kirche unter Aufsicht in Zweierkolonne geschah, gab es für die jungen Männer keine Grenzen im Erfindungsreichtum, um den Kontakt zu einer Angebeteten herzustellen. Und dies, obwohl in Emmenbrücke an der Sonnenhofstrasse, die zum Arbeiterinnenheim führte, sogar ein «Durchgang für junge Burschen und Männer verboten» signalisiert war.

Kein Mädchen durfte allein oder ohne Aufsicht ausgehen.

Ein weiterer Grund, weshalb sich heute in der DNA von Bauernfamilien oft ein Sechzehntel südländische Herkunft nachweisen lässt: Es gab die «Welschlandfahrt», Viehtriebe von ganzen Sennten über den Gotthard in Richtung Süden. Da gings in acht Tagesmärschen über den Gotthard und die Leventina nach Giubiasco und weiter zu den Viehmärkten in Mailand. Von da kehrten junge Bauern nicht nur mit prallgefüllten Münzgürteln, «Geldkatzen» genannt, heim: Oftmals hatten sie auch zarte Bande zu einer Braut aus dem Süden geknüpft.

Mobilität bedeutete Radiuserweiterung

Ein Fahrrad war schon im letzten Jahrhundert von Vorteil für die Brautschau. Und in den 30er-Jahren erweiterten bereits erste Motorräder den Aktionsradius von Jungbauern beträchtlich. So ein motorisierter Untersatz verlieh dem Fahrer einen gewissen Nimbus von Kaltblütigkeit und Draufgängertum, was bei den jungen Damen gut ankam. Die «Zehnderli» aus dem aargauischen Gränichen, Leichtmotorräder mit zwei PS, entsprachen dem damaligen Mobilitätswunsch exakt und waren entsprechend beliebt.

Heiratswillige fanden sich meist im Dorf oder im 30-Kilometer-Radius. Eine Gelegenheit, sich näherzukommen, boten die von den Gasthöfen angesagten «Chränzli». Diese fanden auch in zu Tanzsälen umgebauten Scheunen statt. Und es gab «bunte Abende», privat organisierte gesellige Abende mit Tanz und Musik, oder «Stubeten», ein fröhliches Zusammensein in der Stube einer Gastgeberfamilie.

Heiratswillige fanden sich meist im Dorf oder im 30-Kilometer-Radius.

Heimliches Interesse

Wohnte eine Angebetete in einem Nachbardorf, war es für einen jungen Mann oft ratsam, sich unauffällig dorthin zu begeben. Denn nicht selten kam es sonst zu Handgreiflichkeiten von der örtlich ansässigen Konkurrenz, welche ihr Revier verteidigte. Überliefertes Originalzitat aus dem Muotathal bei Schwyz: «Mier möged üsne Meitli sälber gko.»

Für Verliebte war pro Woche höchstens ein einziger Besuch üblich und der meist in Anwesenheit der Familie. Es gab die Woche über viel zu arbeiten und Freizeit war rar. Jedoch soll es halt vorgekommen sein, dass ein Bursche, der eigentlich ein Auge auf die ältere Schwester geworfen hatte, sich beim Hausbesuch in die jüngere verguckte. Schon in Jeremias Gotthelfs Erzählung «Michels Brautschau» begegnet seinem Protagonisten da auf «Chiltgang» in Kirchberg im Emmental «ein grosses schönes Mädchen, aber mit kühnen wilden Augen».

Gefühle und Sehnsüchte von damals spiegeln sich in Liebesbriefen und -karten, die erhalten geblieben sind. Der grossen Liebe wurde gern per Schreibfeder Ausdruck gegeben.

Die findige Landjugend hatte auch die Postkarten als unauffälligen Liebesboten entdeckt. Und sie konnte per Positionierung der Briefmarke sogar Geheimbotschaften übermitteln, die weder der Postbote noch die neugierige Mutter kannten. Zum Beispiel konnte eine schräg aufgeklebte Briefmarke auf der Karte bedeuten: «Küss mich beim nächsten Mal!» 

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Eine schräg aufgeklebte Briefmarke sagte oft mehr als tausend Worte.

(zvg)

  

Statt: «Schatz, ha di gärn»

Während es heute in Posts auf Social Media üblich ist, sich so ausdrücken, wie wir es auch im persönlichen Gespräch tun würden, bediente man sich vor hundert Jahren einer romantischen – und für den heutigen Geschmack gar schwülstigen Ausdrucksweise. Die Literatur von damals gab eben die Vorgaben. Da konnte in dem mit Stahlfeder tintengeschriebenen Brief zum Beispiel stehen:

«In dem ich Dich mein Vielgeliebter nochmals bitte, dieses Schreiben als einen neuen Beweis meiner Zuneigung und meiner innigsten Liebe zu Dir an zu nehmen, verbleibe ich unter vieltausend herzlichen Grüssen und Küssen und in der Erwartung eines wieder guten Schreibens. Deine Dich von Herzen treu liebende Elisa.»

 

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Der Briefweg war oftmals die einzige Möglichkeit zur Kontaktaufnahme.

(zvg)

 

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