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Landleben

Ein Hund als Arbeitskollege

Viele Hunde sind nicht nur reine Familienhunde, sondern übernehmen wichtige Aufgaben und unterstützen den Menschen. Melanie Reist aus Uettligen bei Bern züchtet solche Nutzhunde. Ihre Border Collies sind später vor allem als Hütehunde tätig. Letztendlich ist ihr Ziel aber, dass der Hund überhaupt eine Aufgabe bekommt.

Der Border Collie treibt die Schafe mit seiner Körperhaltung und Bewegung.

Der Border Collie treibt die Schafe mit seiner Körperhaltung und Bewegung.

(Nathalie Anselmini)

Publiziert am

Redakteurin UFA- Revue

Eine Frage vorneweg: «Haben Sie Angst vor Hunden?», erkundigt sich Melanie Reist, als sie die UFA-Revue vergangenen Herbst bei sich in Uettligen (BE) in den Garten führt. Die Frage ist nicht unberechtigt, denn schon steht ein zehnköpfiges Empfangskomitee auf vier Pfoten bereit, um den Besucher zu begrüssen. Es handelt sich dabei um neun Border Collies und einen Lagotto Romagnolo. Nachdem die «Grossen» ihre Begrüssung beendet haben, geben sie den Blick auf die eingezäunte Terrasse frei, auf der die acht fünf Wochen alten Lagotto Romagnolo-Welpen (Plural «Lagotti») in der Sonne spielen oder ihren Mittagsschlaf auf einer Nestschaukel halten. Reist züchtet Hunde beider Rassen auf dem Demeterbetrieb «Schädeli», der seit 1996 von ihrem Partner Theo Schädeli geführt wird. Während er sich auf 35 Hektar dem Ackerbau und der Milchviehhaltung verschrieben hat, geht die Uettligerin der Hundezucht und der Schafhaltung nach.

Mit einem Border Collie fing alles an

Im Jahr 2003 kaufte Reist ihren ersten Border Collie, um mit ihm Agility zu betreiben. Diese erste Hündin war aus Showlinien. Seither sind diese Koppelgebrauchshunde mit ihrer Konzentrationsfähigkeit und dem Feingefühl ein fester Bestandteil ihres Lebens. Mit ihrer ersten Hündin begann sie 2008 das Abenteuer Zucht. Waren die ersten zwei Würfe noch eine Mischung aus Arbeits- und Showlinien, begann sie ab dem dritten Wurf reine Arbeitslinien zu züchten. Diese Hunde werden für das Hüten von Schafen gebraucht. Auf die Frage, wie sie dazu kam, auch noch Lagotti zu züchten, meint sie scherzhaft: «Das war ein bisschen so, wie die Jungfrau zum Kind kam.» Als sie 2015 zu ihrem Partner auf den Hof zog, war die Lagotto Romagnolo Zuchthündin schon da. Diese Wasserhunderasse ist, wie der Border Collie, eine Nutzhunderasse. Sie wurden für die Jagd im Sumpfgebiet gezüchtet. Seit dem 19. Jahrhundert werden sie auch als Trüffelsuchhunde eingesetzt. Die Nachfrage nach diesen Hunden mit ihrem wuschelig lockigen Fell ist beträchtlich. Gründe dafür sind neben dem Aussehen, dass sie als nichthaarend und für Allergiker geeignet gelten. Fälschlicherweise werden sie auch als gute Einsteigerhunde beschrieben. Melanie Reist schüttelt darüber den Kopf: «Lagotti sind eigensinnig und nicht unbedingt Anfängerhunde.»

«Man muss einen Plan haben, was man mit dem Hund vorhat.»

Melanie Reist

Den Hundemenschen finden

Was muss eine zukünftige Hundehalterin oder ein Hundehalter mitbringen, um einen Hund zu halten und auch vermittelt zu bekommen? Auf diese Frage antwortet Melanie Reist sofort: «Man muss einen Plan haben, was man mit dem Hund vorhat.» Sie vermittelt zum Beispiel ihre Border Collies nicht als reine Familienhunde. Die Tiere sollten eine Aufgabe erfüllen, sei dies im Hundesport oder auf einem Hof. Bezogen auf die Hütehunde kann eine fehlende Aufgabe dazu führen, dass der Hund anfängt, Velofahrer oder Jogger zu «hüten», was heisst, dass diese gestellt werden. Es gibt verschiedene geeignete Tätigkeiten für Border Collies, zum Beispiel als Reitbegleithund, beim Hundesport und natürlich bei der Arbeit am Vieh. Eine Interessentin hatte den Wunsch, den Border Collie als «Bettwanzen-Suchhund» auszubilden, gleichzeitig lebt der Hund in der Familie. Reist war von der Idee angetan. Letztlich kann jede Rasse als Suchhund genutzt werden. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle, um zu entscheiden wer einen Hund bekommt. Zum Beispiel, ob man vorherige Erfahrung mit Hunden hat, ob man, unabhängig vom Alter, fit ist oder die entsprechende Wohnsituation gegeben ist. Manchmal gibt auch das Verhalten der Mutterhündin beim Kennenlernen der Interessenten den Ausschlag. Abgegeben werden die Welpen mit acht Wochen (Lagotti mit neun Wochen). Es ist dann viel Erziehungsarbeit nötig, um ein gutes Mensch-Hund-Team zu werden.

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Die kleinen Lagottiwelpen werden in Kürze in ihr neues Zuhause einziehen. 

(Melanie Reist)

Nicht jeder kann einen Ferrari fahren

Der Charakter des Hundes muss zum neuen Besitzer und der angedachten Aufgabe passen. Wenn ein kleiner Welpe aufgrund seines Verhaltens vermutlich besser als Reitbegleithund geeignet ist, als das gewünschte Hundemädchen, muss der potenzielle Besitzer vielleicht umdenken und sich für einen anderen Welpen entscheiden. Reist machte selbst auch schon die Erfahrung, dass nicht jeder Hund zu ihr passt. «Ich habe eine Border Collie Hündin, die ist besonders talentiert im Schafe hüten. Ich kann sie aber nicht so anleiten, wie sie es braucht», resümiert die Züchterin und fügt noch hinzu: «Nicht jeder kann einen Ferrari fahren.» Solche Faktoren lassen sich nicht immer frühzeitig erkennen, aber man kann schon beim Anschaffen des Hundes mögliche Probleme minimieren.

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Melanie Reist im Kreise von sechs ihrer Border Collies. 

(Dr. Katharina Kempf)

Kontrollierte Herkunft

Die Herkunft des Hundes ist wichtig, wenn es um Krankheiten oder Charaktereigenschaften geht. Ein erfahrener Züchter wählt jene Tiere zur Zucht aus, die selbst gute Arbeitshunde und frei von Krankheiten sind. Reist lässt ihre Zuchttiere Wesenstests durchlaufen. Das bedeutet, es wird getestet, wie die Tiere in bestimmten Situationen reagieren (Ankörung FCI). Weiter werden die Zuchthunde mit Gentests auf verschiedene vererbbare Krankheiten getestet, die Augen werden untersucht und die Tiere werden geröntgt. «Bei Laien ist es nicht unüblich, dass man den Nachbarshund mit dem eigenen kreuzt», berichtet die Züchterin. In diesem Fall geht man aber das Risiko ein, nicht das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Border Collies und auch Lagotti haben eine Reihe von vererbbaren Krankheiten. Bei Mischlingen besteht allenfalls auch die Gefahr, dass die Rassen von der Konstitution und dem Charakter nicht zusammenpassen. Auch wird in einer FCI Zucht auf die Aufzucht viel Wert gelegt. Die Welpen werden sozialisiert und an verschiedene Geräusche und Gegebenheiten gewöhnt, sie leben zum Teil im Haus und haben einen Auslauf, mit verschiedenen Spielgeräten und Hundespielsachen. Zudem werden die Welpen regelmässig entwurmt und kriegen ihre erste Grundimpfung, bevor sie ihre Aufzuchtstätte verlassen. Laut Tierschutzgesetz darf ein Welpe nur verkauft werden, wenn er gechipt ist.

Hund bei der Arbeit

Ab wann ein Hund zum Schafe hüten angelernt werden kann, ist vom Hund abhängig. Manche Hunde können schon mit vier bis fünf Monaten zu den Schafen, andere sind erst mit einem Jahr soweit. Beginnt man zu früh, kann das eine negative Erfahrung für den Hund sein. Junge Hunde, die nicht sofort vermittelt werden, dürfen bei Reist in die Lehre gehen und werden dann später vermittelt. Um ihre Hunde optimal zu trainieren, ist die Züchterin innerhalb der Swiss Sheep Dog Society (SSDS) gut vernetzt. Jährlich werden innerhalb dieser Gemeinschaft verschiedene Kurse und Seminare, auch für Landwirte, veranstaltet. Das erlernte Know-how beweist das Team Mensch-Hund von Melanie Reist auch an Wettbewerben, den sogenannten Sheepdog Trials. Bei diesen Veranstaltungen wird die Arbeitsweise der Hunde an der Schafherde unter Wettkampfbedingungen gezeigt. Für den Border Collie ist die Arbeit mit den Schafen ähnlich einer Belohnung, durch die Adrenalin ausgeschüttet wird. Er ist voller Adrenalin, während er mit Körperspannung und flinken Bewegungen den Schafen die Richtung angibt.

Das Hüten und das Training sind auch fest in den Hofalltag integriert. «Die Hunde holen mir manchmal die Kühe von der Weide. Das geht wesentlich schneller, als wenn ich das alleine mache», berichtet die Uettligerin. Zudem übernehmen die Hunde wichtige Aufgaben beim Handling mit den Schafen. Solch ein Hund ist eine wertvolle Arbeitskraft und ein echter Kollege. «Meine Hunde haben mir die Schafe schon aus kritischen Stellen auf der Alp geholt, wo ich es mir vom Gelände her nicht zugetraut hätte», erinnert sich Reist. Wenn der Frühling Einzug hält, bringt Melanie Reist ihre 200 Schafe wieder auf die Alp. Mit im Team beim Alpauftrieb sind natürlich ihre Border Collies. 

 

Wissenswertes zu Melanie Reists Hunderassen

Border Collie

• Koppelgebrauchshund / Hütehund («Border» = Grenze «Collie» = nützliches Ding) 

• Breites Spektrum im Aussehen 

• Wesen: hochintelligent, eifrig, selbstständig und sensibel 

• Nur bedingt ein Anfängerhund 

• Zuchtlinien: Arbeitslinie, Sportlinie und Showlinie 

Vereinigungen ISDS (International Sheep Dog Society): Register für arbeitende Hunde, stellt auch Papiere aus, die aber nur auf der Hütetätigkeit beruhen SSDS (Swiss Sheep Dog Society): Schweizer Verein für die Ausbildung von Herdengebrauchshunden www.ssds.ch 

• Papiere FCI (Fédération Cynoloqique Internationale): internationale, strenge Kontrolle der Rassestandards, bezieht auch Aussehen mit ein 

• Preis: Welpen um die 2000 Franken. Je nach Ausbildung und Alter des Hundes sind die Preise nach oben offen

Lagotto Romagnolo

• Wasserhunderasse für das Auffinden und Apportieren von geschossenem Wasserwild 

• Lockiges, öliges Fell für die Arbeit im Wasser 

• Wesen: Neigung zur Suche, fröhlich, anhänglich und lernfreudig

  • Nur bedingt ein Anfängerhund 

• Papiere FCI 

• Preis: Welpe von Melanie Reist: 2600 Franken

Weitere Informationen www.biohof-schaedeli.ch

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