Auf einer Bergwanderung erklingen plötzlich Stimmen. Mal kehlige, mal fast engelsgleiche Klänge wechseln sich ab und verschmelzen zu Harmonien. Worte sind keine zu hören, stattdessen die Vokale «a», «o» und «u». Es ist Naturjodel, eine der ältesten musikalischen Traditionen des Alpenraums.
Erst Kommunikation, später Gesangsform
Heute steht der künstlerische Ausdruck beim Jodeln im Zentrum. Ursprünglich diente das Jodeln jedoch der Verständigung. Auf den Alpen, wo die Entfernungen weit und das Gelände unwegsam sind, riefen Hirten auf diese Weise ihr Vieh zusammen oder tauschten Nachrichten von einem Berg zum nächsten aus. Der markante Klang des Jodelns ist auch über grössere Distanzen gut hörbar. Verantwortlich dafür sind verschiedene akustische Eigenschaften. Der schnelle Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme erzeugt ein breites Spektrum an Frequenzen. Dadurch können sich die Töne auch in anspruchsvollem Gelände besser ausbreiten. Zusätzlich tragen die verwendeten Vokale dazu bei, dass die Stimme weit hörbar bleibt.
Beim Jodeln ist das Gedächtnis gefordert.
Das Jodeln zeichnet sich durch eine besondere Stimmtechnik aus. Die tiefere Bruststimme kontrastiert mit der hohen Kopf- oder Falsettostimme. Die raschen Wechsel zwischen den Registern verlangen eine gute Stimmbeherrschung und viel Übung. Auch das Gedächtnis wird gefordert. Besonders beim Naturjodel, der ohne Wörter auskommt, müssen sich die Ausführenden die genaue Abfolge der Tonmotive und Vokalsilben einprägen.
Jeder Region ihr eigener Jodel
Obwohl Jodeln eng mit dem Alpenraum verbunden wird, gibt es ähnliche Gesangstraditionen auf allen Kontinenten, etwa in Afrika, Asien oder Nordamerika, insbesondere in den USA. Die verwendeten Silben haben zwar keine inhaltliche Bedeutung, sind aber keineswegs zufällig. Sie spiegeln regionale Vorlieben und Traditionen wider. Je nach Herkunft unterscheiden sich die bevorzugten Vokale. In der Schweiz dominieren häufig «a», «o» und «u». In anderen Jodeltraditionen, etwa in Italien, Österreich oder Nordamerika, kommen häufiger Laute wie «ä» oder «i» vor. Wer genau hinhört, kann deshalb oft Rückschlüsse auf die Herkunft eines Jodelstücks ziehen.
Ein Genre erfindet sich neu
In vielen Regionen wird in Gruppen gejodelt. Dadurch entstehen vielschichtige Harmonien, die in der Schweiz oft von traditionellen Instrumenten wie dem Örgeli begleitet werden. Eine wichtige Rolle für die Weitergabe des Jodelns spielen zudem Dorffeste, Folkloreanlässe und Wettbewerbe. Von einer veralteten Tradition kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Das Jodeln erlebt seit einigen Jahren neuen Aufschwung. Die Aufnahme in das immaterielle Kulturerbe der UNESCO im Jahr 2025 unterstreicht die kulturelle Bedeutung und die anhaltende Lebendigkeit dieser Gesangstradition.
Gleichzeitig entdecken immer mehr zeitgenössische Musikschaffende die Technik für sich und integrieren sie in Stile wie Jazz, Rock oder Pop. Dadurch erreicht das Jodeln neue Publikumsschichten. Dass die Gesangstechnik heute auch an Musikschulen und weiteren Institutionen vermittelt wird, stärkt zusätzlich ihre Verbreitung und Anerkennung.
Der «Welsche» Jodel
Jodeln wird häufig mit der Deutschschweiz, Österreich oder Süddeutschland in Verbindung gebracht. Doch auch in der Westschweiz ist die Tradition lebendig. Zahlreiche Jodelklubs, Musikformationen und Einzelkünstlerinnen und -künstler pflegen die Tradition und entwickeln sie weiter. Ein Beispiel dafür ist Erika Stucky aus dem Oberwallis. Auch wenn sie nicht aus der Westschweiz stammt, prägt sie die Szene mit ihrem Einfluss weit über die Sprachgrenzen hinaus. In ihrer Musik verbindet sie Jodeln mit Jazz, Rock und experimentellen Elementen.
Für die Weiterentwicklung des Jodelns steht auch der Waadtländer Künstler Vagamundos. Mit seinem «Yodelton» kombiniert er traditionellen Schweizer Jodel mit lateinamerikanischen Reggaeton-Rhythmen und erschliesst damit neue Hörerkreise. Ebenso verkörpert der aus La Chaux-de-Fonds stammende Arthur Henry die zeitgenössische Jodelszene. In seinen Produktionen verbindet er Jodelgesang mit Naturgeräuschen, Instrumenten und modernen Kompositionstechniken. In seinem Video Sounds of the Swiss Alps arbeitet er mit Loops, die zu einem vielschichtigen Klangbild verschmelzen und traditionelle sowie moderne Elemente miteinander verbinden.
Jodlerinnen prägen die Entwicklung
Einen wichtigen Beitrag zur Erneuerung des Jodelns leisten Frauen. Zu den bekanntesten Vertreterinnen gehören Barbara Klossner, die unter dem Namen Miss Helvetia Jodel mit Pop und Schlager verbindet, sowie Melanie Oesch. Mit ihrer Band Oesch’s die Dritten machte sie moderne Jodelklänge weit über das traditionelle Umfeld hinaus bekannt. Auch Christelle Bacquet, Valérie Pellegrini und Nadja Räss prägen die heutige Szene. Eine wichtige Rolle spielt zudem Héloïse Fracheboud, bekannt als HéloHeïdi (siehe unser exklusives Interview mit Héloïse Fracheboud). Sie verbindet Tradition, eigenes künstlerisches Schaffen und pädagogische Arbeit und unterrichtet Jodel-Gesangstechnik im Kanton Genf. Von der Lebendigkeit des Jodelns in der Westschweiz zeugen auch Initiativen wie der Genfer Frauenchor Cœur des yodleuses. Solche Projekte zeigen, wie sich die Tradition an gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen anpasst und dabei immer wieder neues Publikum begeistert.
Was ist Jodeln?
Das aus der Notwendigkeit, in einer schroffen Landschaft über weite Strecken zu kommunizieren, entstandene Jodeln hat sich in einen reichen musikalischen Ausdruck verwandelt, der systematisiert und dann stetig neu erfunden wurde. Vom Naturjodel der Alpen zu zeitgenössischen Experimenten, von den Westschweizer Chören zu urbanen (weiblichen oder anderen) Neuinterpretationen: Das Jodeln zeigt sich anpassungsfähig und ist das Echo eines lebendigen Erbes, das sich stetig wandelt.







