Intensive Milchrassen sind genetisch auf frühe Reife ausgelegt. Holstein und Jersey erreichen ihren Körperrahmen rasch und können bei intensiver Aufzucht problemlos mit 24 Monaten abkalben. Für diese frühreifen Rassen gibt es kaum wissenschaftliche Fakten, das Erstkalbealter zu erhöhen. Zweinutzungsrassen wie Swiss Fleckvieh, Simmental oder Montbéliarde wachsen langsamer, entwickeln mehr Körpermasse und benötigen mehr Zeit bis zur physiologischen Reife. Entsprechend liegt ihr optimales Erstkalbealter höher. Studien zeigen beispielsweise, dass Simmental-Kühe mit einem Erstkalbealter von 30 bis 33 Monaten sowohl die höchsten Milchleistungen als auch einen besseren Besamungserfolg erreichen.
Eine intensive Aufzucht ist der Schlüssel für ein tiefes Erstkalbealter.
Zwischen 24 und 32 Monaten
In der Schweiz liegt das Erstkalbealter der Milchrassen deutlich über 24 Monate. Jersey kalben im Schnitt mit 26 Monaten zum ersten Mal. Holsteinrinder kommen im Schnitt mit 27,2, Red-Holstein-Rinder mit 28,3 Monaten in die erste Laktation. Brown Swiss kalben hingegen mit 31 Monaten zum ersten Mal. Zweinutzungsrassen erreichen im Durchschnitt ein Erstkalbealter, das näher an ihrem rassespezifischen Optimum liegt. So kalben Swiss-Fleckvieh-Kühe mit 29,2 Monaten erstmals, Montbéliarde mit 31,3 Monaten und Simmental-Kühe mit über 32 Monaten. Unabhängig von der Rasse ist eine intensive Aufzucht im ersten Lebenshalbjahr sehr wichtig.
Intensive Aufzucht als Basis
Eine ausreichende Biestmilchgabe sowie eine frühe Aufnahme von Aufzucht- und strukturreichem Futter fördern die Pansenentwicklung der Kälber. Rinder mit gut ausgebildeten Pansenzotten verwerten Nährstoffe effizienter und erreichen höhere Tageszunahmen. Bei intensiven Milchrassen sind heute 800 bis 1100 g pro Tag problemlos realisierbar. Krankheiten bremsen das Wachstum. Durchfall schädigt die Darmzotten, Atemwegserkrankungen beeinträchtigen die Lungenfunktion und reduzieren den Tageszuwachs. Schon kurze Krankheitsphasen können ausreichen, um die Entwicklung zu verzögern.
Früh oder spät besamen?
Der geeignete Besamungszeitpunkt hängt nicht grundsätzlich vom Alter, sondern vom Entwicklungsstand des Tieres ab. Als Richtwert gilt, dass Rinder etwa 60 % ihres späteren Körpergewichts erreicht haben sollten. Bei der Rasse Holstein entspricht dies etwa 380 bis 420 kg, bei Swiss Fleckvieh oder Simmental 420 bis 460 kg. Zu frühes Besamen erhöht das Risiko für Geburts- und Stoffwechselprobleme. Umgekehrt lassen sich eine intensive Aufzucht und eine späte Besamung nur schlecht miteinander vereinbaren. Eine dauerhaft energiereiche Fütterung nach dem sechsten Lebensmonat kann zu vermehrter Fetteinlagerung im Euter führen, wodurch weniger funktionelles Drüsengewebe für die Milchbildung entsteht. Das wiederum kann die spätere Milchleistung reduzieren.
Weide und Alpung
Weide oder Alpung verhindern ein tiefes Erstkalbealter nicht zwingend. Rinder ab etwa sechs Monaten können dank kompensatorischem Wachstum Rückstände einer knappen Sommerfütterung teilweise ausgleichen, sofern sie danach gut versorgt werden. Dennoch sind diesem Effekt Grenzen gesetzt, und nicht jeder Rückstand lässt sich vollständig aufholen.
Was rechnet sich?
Wie stark sich das Erstkalbealter wirtschaftlich auswirkt, zeigt folgendes Beispiel (siehe Tabelle): Bei einem Erstkalbealter von 23 Monaten beträgt die Monatspauschale in der Vertragsaufzucht rund 137 Franken. Bei 18 Monaten Fremdaufzucht ergeben sich Aufzuchtkosten von 2466 Franken pro Rind. Anders sieht es aus, wenn ein Rind mit 29 Monaten abkalbt und 24 Monate in Vertragsaufzucht verbringt. Durch die weniger intensive Fütterung sinkt die Monatspauschale gemäss Agridea auf 110 Franken. Durch die längere Aufzuchtdauer steigen die Kosten jedoch auf 2640 Franken. Deutlich grösser ist der Effekt bei der Remontierung. Auf einem Betrieb mit 40 Kühen und 25 % Remontierungsrate müssen bei einem Erstkalbealter von 23 Monaten rund 10 Tiere pro Jahr abkalben, bei 29 Monaten rein rechnerisch 12,5 Tiere. Diese zusätzlichen Tiere verursachen in unserem Berechnungsbeispiel wiederum erhebliche Mehrkosten in der Aufzucht (siehe Tabelle).
1,4 Liter mehr Lebenstagsleistung
Hinzu kommt der Einfluss auf die Leistung. Wird angenommen, dass Rinder mit einem Erstkalbealter von 23 Monaten über drei Laktationen die gleiche Milchleistung erbringen wie später kalbende Tiere, ergibt sich eine um rund 1,4 l höhere Lebenstagsleistung. Bei einem Milchpreis von 0.65 Franken entspricht dies knapp einem Franken mehr Erlös pro Lebenstag. Studien zeigen zudem eine verlängerte Nutzungsdauer, stabilere Laktationen, einen besseren Besamungserfolg sowie einen schnelleren Zuchtfortschritt bei tieferem Erstkalbealter. Schlussendlich entscheidet das Zusammenspiel aus Rasse, Aufzucht, Gesundheit, Wachstum und Management darüber, wann ein Rind bereit für die erste Besamung ist. Ein optimal gewählter Zeitpunkt verbessert Leistung und Wirtschaftlichkeit. Eine intensive Aufzucht in den ersten sechs Monaten bleibt dabei die zentrale Voraussetzung.









