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Pflanzenbau

Pflanzen kennen keinen Placebo-Effekt

In der Human- und der Tiermedizin hat die Homöopathie schon lange einen Platz. Pflanzen mit homöopathischen Arzneien wie Globuli zu behandeln, wurde noch wenig erforscht, dennoch gibt es positive Erfahrungen aus der Praxis. Unsicherheiten über das Mittel der Wahl und die allgemeine Wirksamkeit bleiben aber bestehen.

Bevor die Globuli ausgebracht werden, müssen sie noch in Wasser gelöst werden. 

Bevor die Globuli ausgebracht werden, müssen sie noch in Wasser gelöst werden. 

(Stefan Gantenbein)

Publiziert am

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Redaktorin UFA-Revue

Quer gelesen

– In manchen Ländern wird Homöopathie in der Humanmedizin anerkannt, so auch in der Schweiz.
– Es gibt zu wenige wissenschaftliche Studien, um eine Antwort auf die Frage zu erhalten, ob Homöopathie bei Pflanzen wirkt.
– In der Praxis wurden teils gute Erfahrungen mit Homöopathie bei Pflanzen gemacht.
– Bei akuten Problemen sind schnell wirksame Methoden, mit denen gute Erfahrungen gemacht wurden, sicherer.

Ob Globuli oder andere homöopathische Mittel; über die Wirkung scheiden sich die Geister. Sie versprechen Linderung von Beschwerden und dies frei von Nebenwirkungen. Seit der Volksabstimmung 2009 gehört die Homöopathie zum Leistungskatalog der Schweizer Krankenkassen. Der Markt ist gross und 2020 wurden in der Schweiz etwa fünf Millionen Franken für homöopathische Leistungen abgerechnet. Aber nicht nur der Mensch, sondern auch Tiere werden mit Homöopathie behandelt. Dies teils aus dem Wunsch heraus, Antibiotika zu reduzieren und Resistenzbildung zu vermeiden. Resistenzbildung ist auch ein Problem, das im Pflanzenbau bekannt ist. Deshalb ist es naheliegend, dass die Homöopathie auch bei Pflanzen angewendet wird. Doch kann, was bei Mensch und Tier positiv eingesetzt wird, auch bei Pflanzen funktionieren?

Die Verdünnung machts

Die Homöopathie wurde Ende des 18. Jahrhunderts begründet. Hier heisst es «Ähnliches mit Ähnlichem» heilen. Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann stellte fest, dass Wirkstoffe, die Krankheiten auslösen, diese in sehr starker Verdünnung auch heilen können. Aber gerade jene starke Verdünnung ruft heute bei manchen Skepsis hervor. Der Wirkstoff (Urstoff) wird bei der Globuli-Herstellung so stark verdünnt, dass er nicht mehr nachweisbar ist. Die sogenannte Potenz – angegeben als Buchstabe mit einer Zahl – gibt Auskunft über die Verdünnung. Bei der D-Potenz (1 : 10) werden 100 g Urstoff in 1000 ml Wasser gelöst. Dazu wird das Gefäss auf einen weichen Untergrund zehnmal aufgestossen. Nun hätte die Lösung die Potenz D1. 900 ml der Lösung werden weggeschüttet, die verbleibenden 100 ml in ein neues Gefäss gegossen und wieder mit Wasser auf 1000 ml aufgefüllt. Erneut folgt das Aufschlagen. Das Ergebnis wäre D2. Dieser Vorgang wird bis zur gewünschten Potenz wiederholt. Dieses Wasser mit dem potenzierten Urstoff wird dann auf die Zuckerkügeli aufgetragen. In der homöopathischen Lehre wird davon ausgegangen, dass die Information oder der Geist des Urstoffs auf das Wasser übertragen wird. Mehr Verdünnungsschritte versprechen eine bessere Wirksamkeit. Das sagt auch der Begriff Potenz, die Steigerung, aus. In der Praxis wird mindestens auf D6 potenziert, ebenfalls gebräuchlich sind C-Potenzen (1 : 100).

Dem Gehirn etwas vorgaukeln?

In der Wissenschaft gibt es, was die Wirkung von Homöopathie bei Mensch und Tier angeht, trotz vieler Studien immer noch kein endgültiges Ergebnis. Dass Wasser ein Gedächtnis habe, konnte ebenfalls nicht belegt werden. Zweifler sehen hinter der Wirkung den Placebo-Effekt. Bei diesem Phänomen tritt beim Menschen eine positive Erwartungshaltung ein, wenn zum Beispiel eine Tablette eingenommen wird («Das wird mir helfen»). Das Gehirn stösst darauf Prozesse im Körper an, die zu einer Besserung der Beschwerden führen können. Dies auch dann, wenn die Tablette keinen Wirkstoff aufweist und der Mensch davon keine Kenntnis hat. Diesen Effekt gibt es auch bei Tieren.

Studien bei Pflanzen

Bei Mensch und Tier werden bei der Wahl eines homöopathischen Mittels nicht nur die Krankheitssymptome beachtet, sondern auch das Individuum. Die Individualität von Kulturpflanzen zeichnet sich durch die betriebliche Fruchtfolge, den Boden und lokal-klimatische Bedingungen aus. Dies hilft, die Wahl des Mittels einzugrenzen. Bis jetzt gibt es nur eine kleine Zahl an Forschungsarbeiten zu Homöopathie bei Pflanzen. So zum Beispiel Studien bei Pflanzen, die erst einer Stresssituation ausgesetzt wurden, um dann homöopathisch behandelt zu werden. Obwohl Pflanzen keinen Placebo-Effekt zeigen und ideale Versuchsobjekte sind, waren nur wenige von diesen Studien aussagekräftig und wiederholbar. Es fehlten Kontrollvarianten oder es wurden nicht alle Faktoren berücksichtigt. Von den wenigen Forschungsarbeiten, die richtig durchgeführt wurden, gab es solche, die Effekte auf Pflanzen aufzeigten. Weizenkeimlinge, die mit Arsen behandelt wurden, reagierten mit einem Wachstumsstopp, der sich mit einer homöopathischen Arsenlösung umkehren liess. Insgesamt ist das aber zu wenig, um eine wissenschaftlich stichhaltige Aussage über die Wirkung und deren Mechanismus dahinter machen zu können.

Bis jetzt gibt es nur eine kleine Zahl an Forschungsarbeiten zu Homöopathie bei Pflanzen.

Schweizer Pflanzenhomöopathen

Einer, der privat selbst Forschung zur Homöopathie bei Pflanzen betreibt, ist der Bremgartner Agronom Cornel Stutz. Er lernte die Homöopathie in der Familie kennen und es verblüffte ihn, wie umfassend und schnell die unscheinbaren Kügelchen ihre Wirkung entfalteten. Zur Pflanzenhomöopathie kam er vor etwa zehn Jahren, durch einen Vortrag an der Homöopathieschule in Zug. «Die dort präsentierte Vielfalt an Möglichkeiten beeindruckte mich. Dies bewog meine Frau und mich, Globuli bei Pflanzen auszuprobieren und eigene Versuche anzustellen», erinnert sich der Agronom. Es folgten Jahre, in denen beide einen grossen Teil ihrer Freizeit in die eigene Forschung mit Globuli investierten. «Bei Mensch und Tier sprechen wir von Minuten oder Stunden, bis eine Besserung eintritt. Bei Pflanzen braucht es meist mehr Zeit», berichtet Stutz von seinen Erfahrungen, die er auch an Vorträgen weitergegeben hat.

«Die meisten Mittel, die sich bei Pflanzen bewährt haben, wurden auf Grundlage ähnlicher Symptome wie bei Mensch und Tier eingesetzt.»

Cornel Stutz, Agronom

Wahl des Mittels

«Die meisten Mittel, die sich bei Pflanzen bewährt haben, wurden auf Grundlage ähnlicher Symptome wie bei Mensch und Tier eingesetzt», sagt Stutz. Arnica verbessere die Selbstheilung bei Verletzungen und auch Pflanzen erholen sich damit rascher, zum Beispiel nach Hagelschäden. Homöopathische Arzneien könnten nicht direkt mit herkömmlichen Pflanzenschutzmitteln verglichen werden, bei denen eine exakte Dosierung essenziell sei. Beim Einsatz eines unpassenden Mittels trete schlicht keine Wirkung ein. «Eine Kombination mit gebräuchlichen Spritzmitteln ist möglich, sollte aber nicht gleichzeitig ausgebracht werden», so der Homöopathie-Experte weiter.

Eine Option für jede Kultur?

Laut Stutz können homöopathische Mittel den Pflanzen helfen, ihr Potenzial auszuschöpfen. Manche Wirkstoffe wie Silicea können in fast allen Kulturen angewendet werden, um das Wachstum und die Abwehrkräfte zu fördern. So behandelte der Agronom auch Rapspflanzen mit Si-licea-Globuli, ergänzt mit anderen Mitteln. Dadurch seien gemäss Stutz auf den behandelten Flächen deutlich weniger Rapsglanzkäfer aufgetreten. Die behandelten Pflanzen entwickelten mehr Schoten und dadurch einen signifikant höheren Ertrag. Der Pflanzenhomöopath hat in den letzten Jahren Erfahrungen sammeln können, welche Globuli wann angebracht sind (siehe Kasten). «Das Potenzial der Homöopathie bei Pflanzen ist immens, aber was das Wissen angeht, haben wir erst an der Oberfläche gekratzt», ist sich Stutz sicher.

Unser Tipp: Erprobtes von Cornel Stutz gegen Schäden in der Kultur 

Durch Hitze oder Trockenheit: Arsenicum C200
Frost, plötzliche Kälte, vor der Frostnacht: Aconitum C200
Stärkung und Regeneration: Silicia C200
Verletzungen, z. B. durch Hagel: Arnica C200
Nass-kühles Pilzwetter: Thuja C200
Feucht-warmes Pilzwetter: Natr. sulph. C30
Diverse Schädlinge: Sulphur C200 (häufigstes Mittel)

Anwendung

Die Globuli werden mit einem nicht- metallenen Löffel in einem Glas Wasser gelöst. Für die Giesskanne oder Rückenspritze etwa zehn Globuli in der C-Potenz lösen; für die Feldspritze etwa fünfzig Globuli. Die Lösung wird dann mit der gewünschten Menge Wasser fürs Ausbringen ergänzt und gut verrührt. Bei der Applikation sind starke Sonnenbestrahlung und Hitze zu vermeiden. Auch vor oder während Regen sollte auf eine Applikation verzichtet werden.

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Die Lösung kann auch mit einer Rückenspritze ausgebracht werden. 

(iStock)

Viele offene Fragen

Dass es noch viel Forschung in diesem Bereich braucht, bestätigt auch der Landwirt Reto Minder aus Jeuss (Fribourg). Er selbst setzte Homöopathie gegen die weisse Fliege in seinem Rosenkohl ein. Vor etwa drei Jahren fing er an, verschiedene Lösungen zu testen. Dies brachte zunächst keinen Erfolg. Aber dieses Jahr sei es anders und er habe keine Probleme mit der weissen Fliege. «Allerdings war der Befallsdruck auch viel geringer als in den Jahren zuvor. Es ist somit nicht möglich zu beurteilen, ob die homöopathische Lösung einen Einfluss hatte oder nicht», bringt es der Landwirt auf den Punkt. Minder sieht die Wirkungsfrage viel eher im grossen Zusammenhang. Für ihn spielen alle unterschiedlichen Faktoren eine Rolle: «Der Boden, die Mikronährstoffe und vieles mehr dürfen nicht vernachlässigt werden. Das Ganze macht am Ende das Ergebnis.» Der Landwirt sieht die Homöopathie vor allem als präventive Option: «Wenn alles aus dem Ruder läuft, möchte ich doch auf etwas Herkömmliches zurückgreifen können.» 

Betriebsmittelliste FiBL

Nach der Betriebsmittelliste für das Jahr 2021 sind homöopathische Präparate zugelassen, die in einer Potenzierung von D6 oder höher vorliegen. Ausnahmen sind aber Aristolochia (Pfeifenblume) und Colchicum (Herbstzeitlose). Einzelne Handelsprodukte sind in den Kapiteln 1.9.11 aufgeführt. Darunter finden sich auch Präparate oder Extrakte auf Basis von Pflanzenresten, Schädlingen, Baumrinde, Mineralien, Horn sowie homöopathische Nähr- und Wirkstoffe für Kompost oder verschiedene Mistarten.

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