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Pflanzenbau

Regenerativ als Masterplan?

Die Regenerative Landwirtschaft kommt öfters aufs Tapet, wenn es um Massnahmen für eine klimafreundlichere Landwirtschaft geht. Für viele ist dieses System, das den Fokus auf die Bodengesundheit legt, mit einem grossen Fragezeichen verbunden. Betriebe, die regenerativ bewirtschaften, sehen sich hingegen durch ihre täglichen Erfahrungen bestätigt.

Eine Spatenprobe von Ruedi Bühler zeigt einen lockeren Boden mit vielen Feinwurzeln und Regenwürmern.

Eine Spatenprobe von Ruedi Bühler zeigt einen lockeren Boden mit vielen Feinwurzeln und Regenwürmern.

(Ruedi Bühler)

Publiziert am

Redakteurin UFA- Revue

Quer gelesen

– Betriebe, die regenerativ wirtschaften, wenden Praktiken an, die besonders die Bodengesundheit verbessern sollen.
– Das Einbringen von genügend Mengen an organischer Substanz, um das Bodenleben zu fördern und Bodenfunktionen zu verbessern, ist ein Ziel in der regenerativen Landwirtschaft.
– Viele Praktiken werden schon lange von nicht-regenerativen konventionellen oder Bio-Betrieben angewendet, wurden aber weiterentwickelt.
– Zur regenerativen Landwirtschaft als Ganzem gibt es keine grossangelegten Studien, die Praktiken als solche wurden / werden auf ihre positiven Einflüsse hin erforscht.

Die Chronologie des Schweizer Agrarjahres 2021 könnte wie folgt aussehen: ein ungewöhnlich kühles Frühjahr, gefolgt von Hagel, der Kulturen zerschlug, und einem Juli mit Regen, der auf manchen Flächen den Oberboden wegspülte. Der Klimawandel ist spürbar und die Landwirtschaft hat einen Anteil daran, ist aber auch Geschädigte. Es braucht Lösungen, um klimaschonender zu wirtschaften und trotzdem die Produktion abzusichern. Ein Begriff fällt in diesem Zusammenhang immer häufiger – die regenerative Landwirtschaft. Was sich dahinter verbirgt und ob diese Bewirtschaftungsweise bestehende Probleme am besten lösen kann, ist schwierig zu beantworten.

Einfluss aus den USA

Ihren Ursprung hat die regenerative Landwirtschaft in den USA der 1970er-Jahre. Wichtige Elemente sind die reduzierte bis pfluglose Bodenbearbeitung, eine konstante Bodenbedeckung, die Einbindung von Nutztieren ins System sowie synthetische Dünger und Pestizide so weit es geht zu reduzieren oder wegzulassen. Das Ziel dieser Massnahmen ist dabei, vor allem die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern, CO 2 zu speichern sowie Ökosysteme und die Biodiversität zu verbessern (siehe Grafik). Der Einfluss aus den USA ist immer noch vorhanden. Dies auch durch die Landwirte Joel Salatin und Gabe Brown. Ersterer besuchte erst 2020 die Schweiz, um Vorträge zu halten. Salatin betreibt seine Polyface Farm in Virginia und setzt dort besonders auf das Einbeziehen der Tiere ins System. Für Salatin macht ein gesunder Boden letztlich einen gesunden Menschen aus. Sein Kollege Gabe Brown aus North Dakota übernahm den Familienbetrieb, als der Boden stark heruntergewirtschaftet war. Brown ist überzeugt, dass nur ein dauerhafter Bewuchs mit lebenden Pflanzen den Boden mit allem versorgt, was er benötigt. Für die USA mit den oft riesigen Monokulturflächen mag diese landwirtschaftliche Praxis revolutionär sein, aber gilt das auch für die Schweiz?

Was ist wirklich neu?

Die Elemente der regenerativen Landwirtschaft werden teils seit Jahrhunderten in der Landwirtschaft angewandt. Dennoch sieht Simon Jöhr, Berater für Biolandbau und Betriebswirtschaft beim Inforama Bern und Unterstützer der regenerativen Landwirtschaft, vor allem in der Weiterentwicklung und Kombination der Massnahmen einen Fortschritt. So seien Gründüngungen speziell für das regenerative System entwickelt worden und erfüllten vielfältige Aufgaben zur Bodengesundheit und Unkrautkontrolle. Simon Jöhr weist auch auf den Punkt hin, dass manches unterschiedlich ausgeführt wird. Ein Beispiel dazu wäre die Ausbringung des Hofdüngers. Jöhr erklärt, dass in der regenerativen Landwirtschaft der Hofdünger aufbereitet und nur in wachsende Bestände geführt wird. Vorteilhafterweise in Gründüngungen. Bei der Gülle werden die Varianten Belüften, Aufbereiten mit Pflanzenkohle, Biolit und Fermenten oder zum Beispiel die Separierung eingesetzt. Beim Mist werden die Verfahren Feldrandkompostierung in Trapezform (da weniger Ausgasung) oder Mistfermentierung gelebt. Merkblätter für das nicht-regenerative System empfehlen, den Mist festzustampfen, zu befeuchten und anaerob zu lagern, berichtet Peter Weisskopf, Leiter der Forschungsgruppe Bodenqualität und Bodennutzung am Agroscope Reckenholz. Auch eine Fermentation wie bei Silage wird teils empfohlen. Dies auch, um eine Lagerung ohne Fäulnis zu garantieren. Die Frage, ob anaerober, verdichteter Hofdünger nachteilig für den Boden ist, lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht für porenarme Böden mit geringem Bodenleben bejahen. Anaerobe Prozesse sind in der regenerativen Landwirtschaft nur unter Steuerung gewünscht, zum Beispiel bei der Fermentation von Mist mithilfe von Milchsäurebakterien, Cyanobakterien oder auch Bacillus subtilis. Was zwischen regenerativ zu nicht-regenerativ oftmals anders gehandhabt wird, ist das Belüften der Gülle. Dies ist ein kritischer Punkt, da es die Gefahr birgt, dass Ammonium ausgeblasen wird. Etwas, das bei der regenerativen Praxis meist als neu und anders empfunden wird, ist der Komposttee, eine Art Probiotikum zur Unterstützung der Pflanzengesundheit und Förderung wichtiger Mikroorganismen. Dieser wird dabei direkt auf die Kultur appliziert. Tatsächlich entstand der Ursprungs-Komposttee schon in den 80er-Jahren an der Universität Köln-Bonn.

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Der Komposttee wird am meisten diskutiert. Er wird aus reifem Kompost, Steinmehl, Malzkeimdünger, Zuckerrohrmelasse und Wasser hergestellt. 

(Simon Jöhr)

 

Möglicher Humusaufbau

Es ist fraglich, ob es jemals eine grosse Studie zur regenerativen Landwirtschaft als Ganzem geben wird. Das System wird sehr individuell praktiziert, und Betriebe lassen sich nicht vergleichen. Es gibt Untersuchungen zur Wirksamkeit der einzelnen Praktiken, aber hier gilt, dass diese oft unterschiedlich durchgeführt und kombiniert werden. Die Humussteigerung und die CO 2 -Speicherung sind Ziele der regenerativen Landwirtschaft. Das Agrarumweltmonitoring des BLW zeigt, dass reine Pflanzenbaubetriebe stärker auf ihre Humusbilanzen achten müssen, während viehhaltende Betriebe hier meist keine Probleme haben. Die Skala des Humusbilanzrechners von Agroscope reicht von minus 400 bis zu plus 800 Kilogramm je Hektare und Jahr. Wird die obere Grenze erreicht, erhält man einen Hinweis, dass diese potenziell mineralisierten Nährstoffe auch sinnvoll genutzt werden sollten. Zum Verständnis erläutert Peter Weisskopf, dass 0,2 Prozent absolute Zunahme des Humusgehaltes, je nach Standort, zwischen 3600 und 5400 Kilogramm je Hektare und Jahr entsprechen (für 0 bis 20 Zentimeter Bodentiefe und 10 bis 60 Prozent Tongehalt). Wie viel Humus im regenerativen System durchschnittlich pro Jahr aufgebaut wird, ist recht unterschiedlich und von der Ausgangssituation abhängig. Eine grössere Datenmenge könnte hier das CarboCert-Projekt liefern. Bei diesem Projekt erhalten Betriebe, durch Massnahmen zum Humusaufbau und die prognostizierte Kohlenstoffspeicherung, Vergütungen über Zertifikate. Die Firma bodenproben.ch AG (TG) untersucht hier die Böden, allerdings sind es noch Erstbeprobungen, und eine Aussage ist noch nicht repräsentativ. 0,1 Prozent Humusaufbau pro Jahr hält Wolfgang Abler, Geschäftsführer von CarboCert, für einen realistischen Wert. Die Nachweisbarkeit der Kohlenstoffspeicherung selbst ist bis dato noch nicht zufriedenstellend und die Forschung wird hier auch weiterhin aktiv sein, auch aufgrund künftig möglicher finanzieller Förderung durch die Politik.

Das System wird sehr individuell praktiziert, und so lassen sich Betriebe nicht vergleichen.

Pakete machen den Unterschied

Ein weiterer Fokus liegt im regenerativen System auf der pfluglosen oder reduzierten Bodenbearbeitung. Somit ist es wichtig, dass Massnahmen vorhanden sind, die Unkräuter in Schach halten. Eine Studie zum herbizidlosen Kartoffelanbau belegte, dass die Nutzung von Zwischenfrüchten, in der Kombination mit Kompost und Mulch, den Unkrautvorrat im Boden gleich stark reduzierte wie eine klassische Pflugbewirtschaftung. Andere Studien zeigen ebenfalls, dass die Kombination der Massnahmen entscheidend für die Wirkung ist und dies nicht nur in Bezug auf die Unkrautregulierung. Beobachtungen von Betriebsnetzwerken in der Westschweiz deuten an, dass die Nutzung von Zwischenfrüchten, eine schonende Bodenbearbeitung und die Zufuhr von organischem Material, zum Beispiel durch Hof- und Recyclingdünger oder Ernterückstände, gleich wichtig und eher additiv sind. Der Erfolg des regenerativen Systems basiert auch darauf, dass bekannte Massnahmen als Paket so kombiniert werden, dass ein Zusatznutzen für die Bewirtschaftung und die Umweltressourcen entsteht.

Letztlich verlangt ein Umstieg auf das System viel Selbstverantwortung, ohne einen Berater, der eine massgeschneiderte Lösung bietet. Dies ist nur etwas für Betriebe, die bereit sind, tief in das Wissen um Stoffwechselprozesse im Boden und in der Pflanze einzutauchen. Und auch nicht-regenerative Betriebe nutzen die Massnahmen schon, hinterfragen ihre Handlungen und wirtschaften mit Bedacht auf die Natur. Dr. Dominik Christophel vom Geobüro Christophel aus Lauterhofen (Bayern) gibt hier ein gutes Beispiel zur Humusförderung: «Unsere Bodenproben zeigen auf, dass es einige Landwirte wirklich gut machen, sei es Bio oder konventionell.»

Pragmatisch in der Schweiz und in Deutschland

Die deutsche und die Schweizer Landwirtschaft haben zwar unterschiedliche Betriebsstrukturen, aber die Ackerbaupraxis ist vergleichbar.

Ruedi Bühler (60) aus Heimenhausen (BE); Bio-Betrieb: 34 Hektaren,
seit 2021 als Generationengemeinschaft mit Sohn Alex geführt

Bühlers bewirtschaften einen vielfältigen Milchwirtschafts- und Ackerbaubetrieb mit Kartoffeln, Körner- und Silomais, Urdinkel, Raps und Weizen. Biodiversitätsflächen machen rund 20 Prozent der LN aus. Die konventionelle Landwirtschaft hat Ruedi Bühler letztlich enttäuscht, und er sieht in ihr eine Sackgasse. Alles änderte sich für ihn, als er einen Kurs zur regenerativen Landwirtschaft absolvierte. Zusammen mit dem nötigen Basiswissen erhielt Bühler auch noch eine grosse Portion Motivation. So hat er seinen Betrieb 2018 nicht nur auf Bio, sondern gleich auch auf regenerativ umgestellt. Ein vitaler, gesunder Boden mit einer guten Krümelstruktur sei Voraussetzung für widerstandsfähige Kulturpflanzen. Dieses Hauptziel der regenerativen Landwirtschaft erreichen Bühlers durch die oberflächliche Bodenbearbeitung mit dem Geohobel bei einer maximalen Bearbeitungstiefe von sechs bis acht Zentimetern und der gleichzeitigen Einspritzung von selbstvermehrtem Pflanzenferment zur optimalen Rottelenkung. Als einzigen «tiefergehenden» Eingriff bringt der Landwirt Luft in den Unterboden, indem er ihn mit dem Zinkengruber anhebt. Der aufbereitete und kompostierte Hofdünger wird in wachsende Kulturen und Gründüngungen gestreut. Das Grünland pflegen die Kühe, indem sie in der Gruppe gezielt kleine Flächen abweiden und dann zur nächsten Stelle ziehen (Mob-Grazing). So können sich die Flächen länger regenerieren und der Boden erhält durch den Wiederaufwuchs Kohlenstoff. Was nicht gefressen wird, wird gemulcht. Manchmal holt Bühler aber doch die Feldspritze heraus, um Komposttee und Fermente auszubringen. So werden Unkräuter unterdrückt und Kulturpflanzen vitalisiert. Für Ruedi Bühler funktioniert dies im Grünland und bei Hackfrüchten gut, bei Getreide weniger. «Ich sehe die regenerative Landwirtschaft als Werkzeugkoffer, aus dem man sich nimmt, was für einen funktioniert», resümiert der Landwirt.

Johannes Bart (34) aus Erding (Bayern); konventionell geführter Betrieb: 50 Hektaren

Auf Johannes Barts Hof leben 50 Milchkühe plus der dazugehörende Nachwuchs. Auf den Flächen wächst das Futter. 2013 hat der Landwirt seinen Betrieb auf regenerativ umgestellt. Bezeichnen möchte er das System aber eher als alternative Landwirtschaft. Bevor er umgestiegen ist, wurde bei enger Fruchtfolge gepflügt und klassisch gedüngt. Der 34-Jährige merkte aber, dass immer mehr Input auf den Flächen nötig wurde, um das Ertragsniveau aufrechtzuerhalten. Eine Dokumentation auf Arte über die regenerative Landwirtschaft faszinierte ihn so, dass er sich zusammen mit seinem Vater zu einem Kurs anmeldete. Für ihn ist wichtig, dass das regenerative System betriebswirtschaftlich rentiert, sonst würde er es nicht machen. Seine Berechnungen sprachen und sprechen immer noch dafür. Die Erträge wurden nicht schlechter, und er sparte Dünger und Pflanzenschutzmittel ein. Für ihn zählt: «Was ich nicht brauche, muss ich nicht ausgeben.» Das Herbizid will er sich aber für den Notfall als Option bewahren, und so wendet er es einmalig im Herbst an. Fungizide seien nur noch eine «Option bei Bedarf» im Weizen nach Mais. Was ihm als Erstes nach der Umstellung auffiel, war, dass die am Hang liegenden Flächen viel weniger Probleme mit Erosion hatten. Er arbeitet ohne den Pflug und hat eine maximale Bearbeitungstiefe von 15 cm. Beim Humusaufbau hat der Landwirt, bestätigt durch Bodenproben, gute Ergebnisse von durchschnittlich 0,1 Prozent pro Jahr erzielt. Bart sagt aber auch, dass der Wert davon abhängig ist, ob die Fläche vorher schon gut war, und jährliche Schwankungen seien möglich. Ein Allheilmittel sieht er in der regenerativen Bewirtschaftung nicht, aber er nutzt die Elemente, die zu seinem Betrieb passen. Der Komposttee hat ihn bisher noch nicht überzeugt, aber irgendwann möchte er noch einmal darüber nachdenken und es wieder versuchen. Mehr Nachdenken, das ist ein Punkt, der mit der neuen Bewirtschaftung einhergegangen ist.

 

Reglement und Freiheit

Die regenerative Landwirtschaft wird von Bio-Betrieben ebenso wie von konventionell wirtschaftenden Betrieben angewendet. Obwohl das Bio-System im Kern der regenerativen Landwirtschaft näher ist, wird es im Unterschied dazu sehr stark reglementiert. Bei der regenerativen Landwirtschaft gibt es keine Labelvorgaben, beziehungsweise noch nicht. Bio-Betriebe, die auch regenerativ wirtschaften, müssen Risiken noch besser abschätzen und abfangen können. Eine Notfalllösung, zum Beispiel ein Herbizid anwenden zu können, ist nicht möglich. Im vorher genannten Beispiel bleibt einem nur das Hacken, wenn Unkräuter doch einmal stark aufgekommen sind. Zudem gilt immer noch, dass ein Nachweis der Notwendigkeit zu erbringen ist, wenn zum Beispiel ein Mikronährstoff explizit gedüngt werden muss. Dies ist wie gehabt zu protokollieren.

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