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Landleben

Auf der Schneckenfarm harzt es

Die Klimaerwärmung und die Pandemie stellen hohe Anforderungen an die Betreiber der Schneckenzucht im zürcherischen Elgg. Armin Bähler engagiert sich seit bald 20 Jahren mit Herzblut für seine 300 000 Schnecken.

Junger, schon leicht welker Löwenzahn ist ein Festmahl für die Schnecken. 

Junger, schon leicht welker Löwenzahn ist ein Festmahl für die Schnecken. 

Publiziert am

freie Journalistin

Als Armin Bähler mit seiner Schneckenzucht in Elgg (ZH) angefangen hatte, war es mehr oder weniger eine verrückte Idee. Im Laufe der vergangenen Jahre wurde wacker investiert und nach ein paar Neuausrichtungen hat sich das Unternehmen sehr erfolgreich entwickelt. Das Projekt konnte auch ein Totalausfall, durch eine Überschwemmung im Jahr 2007, nicht aufhalten. Vor zwei Jahren hat Bähler den Hof und das Land mit der Schneckenzucht von seinen Eltern übernommen. Mit seiner Frau und den beiden Kindern wohnt er mittlerweile auf dem Hof. Heute ist der gelernte Goldschmied, der nach wie vor einem Teilzeitjob in der Immobilienbranche nachgeht und bislang immer enthusiastisch und voller Ideen steckte, ziemlich desillusioniert. «Die Pandemie bringt uns keine Gäste auf die Anlage, es werden keine Führungen gebucht, es finden keine Events statt und das Schneckenchalet und die Schneckenbar werden auch nicht für Feierlichkeiten gemietet», fasst er die Situation zusammen. Zudem kann er seine Schnecken nicht verkaufen, da die Restaurants geschlossen sind.

In der Masoalahalle im Zürcher Zoo würde es seinen Tieren prächtig gefallen.

100 000 Schnecken landeten im Pfännli

In früheren Jahren hat Bähler von Mai bis Oktober rund eine halbe Tonne Schneckenfleisch, das sind gut 100 000 Schnecken, allein auf dem Betrieb abgesetzt. Die sogenannten «Schneckenpfännli», wo das Schneckenfleisch mit Knoblauch und Zwiebeln angedünstet und kurz mit Kräuterbutter überbacken wird, fanden sehr guten Anklang bei seinen Gästen aus allen Landesteilen. Eine weitere halbe Tonne Schnecken verarbeitet und konserviert er für den Verkauf an Restaurants in der ganzen Deutschschweiz. Sein Schneckenelixier, ein Zwetschgenkräuterbrand mit Schneckenextrakt und eine streichbare Schneckenpaste, verkaufen sich ebenfalls gut. Die gewaschenen, ganzen Schneckenhäuschen sind bei Schulen und Kindergärten, wie auch in privaten Haushalten, für Bastelarbeiten beliebt und werden rege bestellt.

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Nummerierte Schnecken haben Paten, die den Unterhalt für ein Jahr finanzieren. 

(zvg)

100 Eier im Jahr

Der Versuch mit Schneckenkaviar, der sich vor ein paar Jahren vielversprechend zeigte, musste stark zurückgefahren werden, erklärt Armin Bähler. Der Grund war, dass die gefleckte Weinbergschnecke «Helix Aspersa» den Klimawandel schlecht verkraftet. Sie stammt aus dem Mittelmeerraum und ist bereits nach einem Jahr geschlechtsreif und verwertbar. Diese Art legt bis zu 100 Eier im Jahr und galt anfangs als Eierturbo. Während die Sommer hierzulande immer wärmer werden und die Luftfeuchtigkeit zurückgeht, legen die gefleckten Weinbergschnecken in der Zuchtanlage immer weniger Eier. «In den ersten beiden Jahren konnten wir um die zehn Kilogramm Eier als Kaviar verkaufen, heute ist es noch ein Bruchteil davon. Mit einem Kilopreis von ungefähr 2000 Franken hat Kaviar einen stolzen Preis und dieser hätte uns den Betrieb gesichert», bedauert Bähler.

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Der Geschmack von Schneckenkaviar unterscheidet sich deutlich von Fischkaviar. 

(Ruth Bossert)

Zu trocken und zu heiss

Die Weinbergschnecken leiden nicht generell unter dem Klimawandel. Den Schnecken werde es in der Zuchtanlage, die ungefähr 5000 m² umfasst und die immer wieder optimiert wurde, einfach zu heiss und zu trocken. Die Weinbergschnecke würde, wenn sie frei wäre, einfach das Domizil wechseln. Das heisst, sie sucht sich ein feuchteres, schattigeres Gebiet. In der Masoalahalle im Zürcher Zoo würde es seinen Tieren prächtig gefallen. Feucht und warm, dazu ein feines Lüftchen, aber keine Bise, das wünschen sich die Turboschnecken für die Eiablage. Der Schneckenzüchter ist überzeugt, wenn die Tiere im idealen Klima leben könnten, würden sie sich ganzjährig vermehren. Bähler weiss, dass sich das Klima nicht verändern lässt und er befürchtet, dass die Sommer auch in Zukunft tendenziell wärmer und trockener sein werden. Deshalb wird das langfristige Planen für seinen Schneckenzuchtbetrieb zusehends schwieriger. Die Möglichkeit, die Zucht in ein Treibhaus zu verlegen, steht im Moment nicht zur Diskussion.

Meine 300 000 Schnecken begeistern mich nach wie vor.

Armin Bähler
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Armin Bähler

(Ruth Bossert)

Wünscht sich die Geduld seiner Schleimer

In diesen Tagen würden in normalen Zeiten die Vorbereitungen für die Eröffnung der Saison laufen. Der «Schnecken-Götti-Apéro» musste bereits zum zweiten Mal abgesagt werden. Die Schnecken hingegen seien aus der Winterstarre erwacht, auch wenn das grosse Hin und Her mit warmen Temperaturen im Februar und frostigen Tagen im April nicht ideal war. Armin Bähler ist zuversichtlich, dass sich die Tiere weiterhin paaren, Eier legen und sich fortpflanzen. Dann kann er sie im Sommer einsammeln und in Salzwasser kochen, bevor sie weiterverarbeitet werden.

Im Gegensatz zu ausländischen Schneckenzüchtern, verwendet er nur Kopf und Fuss des Kriechtieres. Die Eingeweide in der Mitte des Tieres werden herausgeschnitten und das Gebiss mit dem Fingernagel abgezwackt. Der Arbeitsaufwand sei gross und vom zwölf Gramm schweren Schneckenfleisch wandern nur vier Gramm ins Glas oder ins Pfännchen. Aber er ist kein Pessimist. «Meine 300 000 Schnecken begeistern mich nach wie vor.» Er ist stolz darauf, was er und seine Frau in den vergangenen 20 Jahren erreicht haben. «Doch manchmal wünschte ich mir die Geduld und die Musse meiner Tiere», resümiert Bähler.

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Schnecken kriechen gerne unter feuchte, kühle Bretter.

(Ruth Bossert)

Mit dem Camper auf der Schneckenfarm

Als Armin Bähler von seiner neuesten Idee erzählt, leuchten seine Augen wieder. «Auf unserer Schneckenfarm war es im vergangenen Sommer sehr ruhig, unser Hof liegt umgeben von Feldern und Wiesen mit Blick auf das Schloss Elgg und so dachten wir uns, dass sich dieser Platz mit der Feuerstelle, einer Pergola und einem Spielplatz sicher als idealen Stellplatz für Camper und Wohnmobile eignen könnte», erzählt er. Er hörte von der Organisation Nomady, die sich als Vermittler für Campingfreunde und Campinganbieter versteht und eine Online-Reservationsplattform anbietet. Er meldete sich kurz entschlossen an, sein Platz wurde aufgeschaltet und schon gingen die Reservationen in grosser Zahl ein. Dadurch, dass die Grenzen geschlossen waren und sich während der Pandemie sehr viele einen Camper anschafften, sei das Interesse riesig. So kam ein klein bisschen Leben auf die Schneckenfarm zurück, auch wenn er nur einen Platz für einen Camper oder höchstens für zwei gemeinsam anreisende Camper zur Verfügung stellen will. Die Rückmeldungen zeigen ihm, dass sich die Besucher auf seinem Hof wohl fühlen und diesen Frühling kamen die ersten bereits an Ostern nach Elgg. 

www.schneckenfarm.ch

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