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Landleben

Der Davoser vom Thurgau

Den ersten eigenen Schlitten vergisst man nicht, und wer mit einem echten Davoser schlitteln lernte, kommt kaum mehr von ihm los. In Sulgen werden jährlich zwischen 3000 und 5000 Schlitten hergestellt.

Seit den Dreissigerjahren werden im thurgauischen Sulgen aus einheimischen Eschen, Wasserdampf und Handwerkskunst Schlitten gefertigt.

Seit den Dreissigerjahren werden im thurgauischen Sulgen aus einheimischen Eschen, Wasserdampf und Handwerkskunst Schlitten gefertigt.

(Ruth Bossert)

Publiziert am

freie Journalistin

Wenn es im November in tiefen Lagen schneit, ist das Geschäftsjahr gerettet. Erwin Dreier, Inhaber und Geschäftsführer der Firma 3R ist zuversichtlich. «Auch wenn in diesem Jahr ein früher Wintereinbruch auf sich warten lässt, sind schon knapp dreitausend Schlitten ausgeliefert», sagt er und führt durch sein Unternehmen mit der langen Tradition. Seit den Dreissigerjahren werden hier im thurgauischen Sulgen aus einheimischen Eschen, Wasserdampf und Handwerkskunst Schlitten gefertigt. Der Dampferzeuger sei immer noch derselbe wie damals, erzählt er. Er hat die Wagnerei und Biegerei Graf Holzwaren AG 2002 übernommen und vor ein paar Jahren in 3R umbenannt. 3R sei eine Wortspielerei mit seinem Familiennamen Dreier, erzählt der Patron von einem Dutzend Mitarbeitenden. Das Firmenlogo zeigt drei ineinander verschlungene Räder, die als Symbol der Zusammenarbeit zwischen den Mitarbeitenden und der Handwerkskunst mit gebogenen Hölzern stehen soll. Der Betrieb an der Kirchstrasse 1 war früher ein Bauernhaus mit angebauter Scheune. Diese wurde zur hellen Wagnerei umgebaut, und 1936 richtete man in einem Anbau die Dampfbiegerei ein. Auch der heutige Maschinensaal steht schon seit über 50 Jahren.

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Die Kernkompetenz von 3R: das Biegen von Holz.

(Ruth Bossert)

Aus einheimischen Eschen

Aus dem Rohr, in dem das Holz geschmeidig gemacht wird, strömt heisser Dampf. Ein Arbeiter wartet auf den richtigen Augenblick, um das Holz herauszunehmen und in der Maschine in Form zu biegen. Der Biegeofen wurde bis anhin mit Holz befeuert. Nun aber müsse dieser ersetzt werden. Dreier plant deshalb eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach, die den nötigen Strom liefern wird. Heute werden Hölzer gebogen, für eine Rundbank in einer Zürcher Überbauung. Handwerkskunst und Architektur vom Feinsten. Morgen sind es wieder Eschenhölzer, die in die richtige Form eines Schlittens gebogen werden. Ein Handwerk, das in früheren Zeiten wichtig war, brauchte man damals gerade in der Landwirtschaft Räder und Deichseln für Wagen, Pflüge und Eggen. Heute sind es Bänke, Liegen, Rundhochbeete oder Trommelringe, die neben den Schlitten produziert werden. Dreier ist gelernter Wagner, Schreinerwerkmeister und Marketingplaner, und ihm bedeuten Qualität und Regionalität sehr viel. Das Holz stamme aus FSC-zertifizierten Wäldern der Umgebung, die Latten würden sorgfältig eingenutet, an keinem Detail werde gespart, sagt er. «Diese Qualität wollen wir bewusst beibehalten, das ist wichtig und daran halten wir fest.»

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Heute sind es Bänke, Liegen, Rundhochbeete oder Trommelringe, die neben den Schlitten produziert werden.

(Ruth Bossert)

Das Holz stammt aus FSC-zertifizierten Wäldern der Umgebung.

Qualität, Individualität und Service

Dreier vermutet, dass der Name Davoser vom ersten historisch belegten Schlittenrennen in Davos / Wolfgang herrührt. Die Hersteller dieser Schlitten waren damals viele kleine Wagnereien in der ganzen Schweiz, welche die Kufen ab 1937 aus Sulgen und vorher aus Frauenfeld bezogen haben. In der kleingewerblich geprägten Schweiz von damals gab es den einen Davoser-Hersteller nicht. Erwin Dreier vermutet, dass es den Davoser-Schlitten möglicherweise gar nicht gäbe, wenn nicht viele ausländische Hersteller den Davoser ebenfalls hergestellt hätten. Leider sei der Davoser als Produkt nie geschützt worden. Deshalb kommen heute viele Schlitten, welche mit Davos oder Davoser angeschrieben sind, aber irgendwo auf der Welt hergestellt wurden, auf den Schweizer Markt. Dreier hält sich an die neue Swissness-Gesetzgebung und brennt auf den Schlitten neben der Bezeichnung Davoser noch die Armbrust mit dem Markenlabel «Swiss Made». Damit kann er sich von den «Davosern», welche meist in östlichen Ländern günstig und aus billigeren Hölzern produziert werden, abgrenzen. «Klar ärgere ich mich, wenn Schweizer Detaillisten billige Schlitten aus Tschechien importieren und sie als Davoser verkaufen und damit den Markt kaputt machen.» Ihm bleibe aber nichts anderes übrig, als durch seine Qualitätsarbeit, die Individualität, den Service sowie die Auswahl an unterschiedlichen Modellen, Längen und dem grossen Angebot an Zubehör den Käufer zu überzeugen.

«Unsere Schlitten dürfen etwas sein, das man sich bewusst leistet.»

Erwin Dreier, Geschäftsführer 3R

 

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Jährlich werden 3000 bis 5000 Schlitten in Sulgen produziert.

(Ruth Bossert)

Auch moderne Rodel im Angebot

Wer als Kind auf einem Davoser schlitteln gelernt hat, erinnert sich auch noch als Erwachsener an das Herzklopfen bei der ersten langen Abfahrt, den schmerzenden Po bei den Sprüngen über die selbst erbaute Schanze oder vielleicht an den unglücklichen Sturz oder den Zusammenprall mit einem anderen Schlittler in der engen Kurve. Deshalb erstaune es nicht, dass oft Väter oder Grossväter in die Werkstatt nach Sulgen kämen, um eigens einen echten Davoser auszusuchen. Oft habe er schon erfahren, dass der Enkel nun den Davoser seines Grossvaters ausgefahren hätte und er ihm nun einen neuen kaufen wolle. Er freue sich, dass der Klassiker immer noch die Hälfte seiner Produktion ausmache. Wer sich heute aber, oft aus Kostengründen, vom Skifahren und Snowboarden verabschiedet habe, greife gerne zu einem modernen Rodel mit bequemer Sitzfläche aus Textil und sportlichen Ansprüchen, erzählt der Vater von vier Kindern und zeigt den sportlichen Flizzer oder den Swiss Racer, die beide in verschiedenen Grössen erhältlich sind. Neu hergestellt werden auch exklusive Schlitten wie der Weissensteiner, der Folding Sleed oder andere sportliche Rodelflitzer. «Unsere Schlitten dürfen etwas sein, das man sich bewusst leistet», sagt Dreier. Ein echter, traditioneller Davoser kostet ungefähr 250 Franken. Viele Kundinnen und Kunden setzen heute vermehrt auf Regionalität, Qualität und Nachhaltigkeit. Auch wenn er seine Schlitten vorwiegend im eigenen Onlineshop verkaufe, darf der Kunde auch gerne bei ihm in Sulgen anklopfen. Wenn die Kundschaft ihm dann durch die Pro dukion folge, den heimeligen Duft der Biegerei rieche, den knarrenden Dielenboden, das feine Sägemehl und die beissende Lackierung erlebe, sei der Schlitten schnell verkauft. «Es sind die Geschichten hinter dem Produkt, die uns dieses zu langjährigen Gefährten machen», ist der Schlittenhersteller überzeugt. 

Mit dem «Davoser» auf Tour

Rasante Abfahrten mit dem Schlitten finden sich in vielen Schweizer Regionen. Einige Beispiele dazu:

– Kronberg ob Jakobsbad (AI) 
– Bergün (GR) 
– Klewenalp (LU) 
– Les Diablerets (VD)

Wirtschaftlichkeit im Schweinestall

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