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Nutztiere

Sind lange Galtzeiten sinnvoll?

Sechs bis acht Wochen soll die Galtzeit einer durchschnittlichen Schweizer Milchkuh dauern. Darüber sind sich viele Landwirte und viele Berater einig. Wenn man die Zahlen betrachtet, kann man feststellen, dass dies in der Praxis grösstenteils so umgesetzt wird. Es wird Zeit, dieses Vorgehen kritisch zu beleuchten.

Sind sechs bis acht Wochen Galtzeit noch zeitgemäss?

Sind sechs bis acht Wochen Galtzeit noch zeitgemäss?

(Sandra Frei)

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Die Galtzeit einer Kuh dient verschiedenen Zwecken: Der Regenerierung und der Vorbereitung des Euters auf die Laktation und der ganzen Kuh auf die nächste Laktation, das Ausheilen von eventuell vorhandenen Euterentzündungen, der Körperkondition und dem gesamten Gesundheitsstatus der Kuh. In einer kürzlich durchgeführten Studie (Grafik)ist ersichtlich, dass diese sechs bis acht Wochen in der Schweiz vorwiegend praktiziert werden. Dabei ist zu beachten, dass es sich nicht um die reinen Galtzeiten handelt, sondern um die Zeit der letzten Milchkontrolle bis zum Abkalben.

Lange, kurze Galtzeiten oder sogar durchmelken?

Jedes Trockenstellen der Kuh ist ein Prozess, bei welchem die Fütterung und die Haltungsbedingungen im Vorfeld angepasst werden müssen. Um es gleich vorwegzunehmen – durchmelken ist keine Option. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass sich das Durchmelken durchwegs negativ auf die meisten Parameter der Folgelaktation und auf die Nutzungsdauer der Kuh auswirken. Wie lange soll aber eine sinnvolle Galtzeit sein? Eine allgemein gültige Regel gibt es nicht. Es gibt aber ein paar wichtige Faktoren, welche berücksichtigt werden müssen. Dabei spielen die Eutergesundheit, die Milchleistung und die Körperkondition wichtige Rollen. Es macht Sinn, Kühe mit hartnäckigen Störungen der Eutergesundheit zu therapieren und frühzeitig trockenzustellen. Braucht es aber die immer wieder ins Feld geführten sechs bis acht Wochen? Da die Laktationsleistungen unserer Kühe beachtlich gestiegen sind, wird es bisweilen schwierig, die Tiere trockenzustellen. Eine Galtzeit von acht Wochen ist vor allem bei Kühen mit hoher Milchleistung mit Risiken verbunden. Langzeitstudien haben ergeben, dass das Mastitisrisiko bei Leistungen über 12–13 kg Milch pro Tag beim Trockenstellen deutlich erhöht ist. Solche Leistungen kommen heute oft vor. Es kann Tage dauern, bis sich die Zitzenkanäle verschlossen haben.

Erstlaktierende brauchen Zeit

Bei der Dauer der Galtzeit sind Erstlaktierende und Mehrlaktierende gesondert zu betrachten. Vom Übergang von der ersten zur zweiten Laktation scheinen die Regenerationsprozesse anders zu verlaufen als bei Mehrlaktierenden. Verkürzt man die Galtzeit bei Erstlaktierenden bis auf 30 Tage, so wirkt sich das deutlich negativ auf die Milchleistung der Folgelaktation aus. Bei den Mehrlaktierenden hingegen ist dieser Effekt nicht feststellbar. In mehreren übereinstimmenden Untersuchungen konnte aufgezeigt werden, dass ab der zweiten Laktation die Galtzeit ohne negative Folgen für die Folgelaktation bis auf 30 Tage verkürzt werden kann. Es gibt sogar positive Effekte, welche bei höher leistenden Tieren besonders ins Gewicht fallen. Durch das spätere Trockenstellen verringert sich die Milchleistung noch einmal und die Kuh hat beim Trockenstellen ein tieferes Mastitisrisiko. Es konnten auch positive Effekte auf den Stoffwechsel aufgezeigt werden, wenn die Laktation noch ein paar Tage länger dauert. Aus Untersuchungen aus den Niederlanden geht hervor, dass die Energiebilanz bei Galtzeiten von 30–35 Tagen bei Mehrlaktierenden deutlich weniger negativ ist als bei längeren Galtzeiten. Das hat zur Folge, dass Stoff-wechsel- und Fruchtbarkeitsstörungen weniger häufig auftreten. Dies gilt allerdings wiederum nicht bei Erstlaktierenden. Man muss also klar zwischen Erst- und Mehrlaktierenden unterscheiden. 30 Tage Galtzeit sollten generell nicht unterschritten werden.

Und das Kolostrum?

Primaten und der Mensch erhalten schon viele Antikörper über den Blutkreislauf der Mutter. Der Wiederkäuer hat im Gegensatz dazu einen ganz anderen Plazentatyp und erhält die so wichtigen Antikörper für die Immunabwehr fast ausschliesslich über das Kolostrum und nicht über den Blutkreislauf der Mutter. Deshalb ist die frühe Kolostrumgabe (innert 4–6 h nach der Geburt) in genügender Menge (mindestens 4 l) so wichtig. Vielerorts fehlt es leider noch zu häufig an der Umsetzung.

Es wird aber immer wieder behauptet, dass Kühe mit einer verkürzten Galtzeit von 30–35 Tagen auch ein schlechteres Kolostrum aufweisen würden als solche mit sechs bis acht Wochen und dies sei für das Neugeborene schädlich. Das stimmt so nicht, obschon man es immer wieder lesen kann. Der Transfer von Immunglobulinen in die Milch beginnt etwa sechs Tage vor dem Abkalben, also viel später. Die Übertragung von Immunglobulinen vom Blut in die Milch geht dann weiter bis nach dem Abkalben. Sogar durchgemolkene Kühe haben noch viele Antikörper in der Milch, aber die Qualität ist bei solchen Tieren nicht mehr so gut wie bei Kühen mit einer Galtphase. Einige unabhängige Untersuchungen konnten keine Unterschiede im Gehalt von Immunglobulinen zwischen verkürzten Galtzeiten von 30–35 Tagen und längeren Galtzeiten beobachten.

Fazit

Verkürzte Galtzeiten von 30 – 35 Tagen können bei Kühen mit hohen Leistungen ab der zweiten Laktation ohne negative Folgen für Gesundheit und Leistung eine gute Möglichkeit sein, um die Tiere besser von der Milch zu holen und dadurch das Risiko von Euterentzündungen, Stoffwechsel- und Fruchtbarkeitsstörungen zu reduzieren. Auf das Kolostrum haben diese Massnahmen keinen Einfluss. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es keine allgemein gültige Regel gibt und jedes Tier als Individuum betrachtet werden muss. Die Laktation einer Milchkuh ist ein Prozess und jede Phase – also auch die Galtphase – muss schon weit vorher geplant werden. 

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