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Nutztiere

Ödemkrankheit zurück im Schweinestall

Lange galt die Ödemkrankheit in der Schweiz als nahezu verschwunden. Heute tritt sie aufgrund der teilweise fehlenden E.coli-F18-Resistenz der Duroc- und Piétrain-Zuchtlinien wieder vermehrt auf.

Ödemkrankheit zurück im Schweinestall
(Nicole Matt)

Publiziert am

Tierarzt med. vet. Praxisleitung, Vetteam Willisau

Tierärztin Dr. med. vet. FVH Schweine, Vetteam Willisau

Quer gelesen

  • Die Ödemkrankheit tritt wieder häufiger auf und zeigt sich unter anderem durch Ödeme an Augenlidern und Stirn.
  • Frühes Erkennen ist entscheidend. Da sich die Krankheit rasch entwickelt, ist die Prognose erkrankter Tiere schlecht.
  • Prophylaktisch können Saugferkel geimpft werden. Säuren und eine angepasste Fütterung wirken vorbeugend.

Beim Schwein können E. coli-Bakterien eine Vielzahl von Erkrankungen auslösen. Typische Erscheinungsformen sind der Saugferkel- und Absetzferkeldurchfall sowie die Ödemkrankheit. Vor einigen Jahren war die Ödemkrankheit in der Schweiz nahezu ausgerottet. In den Premo-Zuchtlinien wurde gezielt auf Ödemresistenz selektiert. Dieses Zuchtziel wurde bereits 2017 erreicht. Gleichzeitig zeigte sich, dass Premo-Zuchtlinien anfälliger für das hämorrhagische Intestinalsyndrom (HIS) waren. Auf Wunsch der Mäster wurde vermehrt auf Pietrain- und Duroc-Genetik zurückgegriffen. Da jedoch nicht alle Eber dieser Rassen die Ödem resistenz weitergeben, tritt die Krankheit wieder häufiger auf.

Von fit zu schwer krank

Typischerweise erkranken gut ent wickelte Tiere mit hohem Futterverzehr. Am häufigsten sind Absetzferkel betroffen, zunehmend jedoch auch Mastschweine sowie vereinzelt ältere Saugferkel ab der dritten Lebenswoche. Das klinische Bild ist nicht immer eindeutig, dennoch kann anhand typischer Symptome oft bereits im Stall eine Verdachtsdiagnose gestellt werden. Charakteristisch sind Ödeme an den Augenlidern und der Stirn sowie an der Gallenblasen- und Magenwand und an den Stimmbändern, was zu Husten und einem typisch heiseren Schreien führt. Hinzu kommen Hirnödeme, die Störungen des zentralen Nervensystems verursachen und sich in unkoordinierten Bewegungen, Festliegen in Seitenlage bis hin zum plötzlichen Tod äussern können.

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Ödeme an den Augenlidern sind typisch für die Ödemkrankheit. 

(zvg)

Das Toxin des Bakteriums E.coli-F18 löst die Ödemkrankheit aus.

Sektion bringt Klarheit

Hofsektionen sowie die Einsendung ganzer Tiere zur Sektion in ein Pathologielabor ermöglichen eine sichere Diagnose. Kotproben aus dem Dünndarm sowie Organ- und Gewebeuntersuchungen in Kombination mit dem bakteriologischen Nachweis von E.coli-F18 und dem typischerweise gebildeten Shigatoxin liefern eine zuverlässige Diagnose.

Rasch reagieren bei ersten Anzeichen

Die Therapie erfordert rasches Handeln. In Absprache mit einer Tierarzt Praxis muss ein geeignetes Antibiotikum als Futterarzneimittel eingesetzt werden. Einzeltiere, die nicht mehr fressen, müssen per Injektion mit einem gegen E. coli wirksamen Antibiotikum behandelt werden. Tiere mit stark reduziertem Allgemeinzustand haben eine schlechte Prognose.

Impfung zahlt sich aus

Die Prophylaxe beginnt bereits im Abferkelstall und basiert auf einer Kombination aus angepasster Fütterung, optimalem Stallmanagement, Stressreduktion, Genetikauswahl und gegebenenfalls einer Impfung. Solange ödemresistente Genetik (A / A), also reinerbig resistent, noch nicht flächendeckend verfügbar ist, können zur Immunisierung Saugferkel ab dem vierten Lebenstag einmalig geimpft werden. Bereits vor dem zehnten Lebenstag sollten die Saugferkel an festes Futter gewöhnt werden, um den Übergang auf feste Nahrung zu erleichtern. Der Wechsel vom Saugferkel- zum Absetzfutter sollte über mindestens drei Tage erfolgen, idealerweise bereits vor dem Absetzen. Auch der Übergang vom Auf-zucht- zum Mastfutter sollte gleitend gestaltet werden.

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Unkoordinierte Bewegungen und Festliegen in Seitenlage sind typische Anzeichen neurologischer Störungen infolge von Hirnödemen. 

(zvg)

Säuren nach dem Absetzen

Nach dem Absetzen helfen Säuren, den Mageninhalt anzusäuern und dadurch E. coli gezielt zu reduzieren. Häufig werden hierfür organische Säuren oder Cola eingesetzt. Das Futter sollte in den ersten zehn Tagen über den Tag verteilt und in rationierten Mengen angeboten werden, um den Verdauungstrakt gleichmässig zu belasten. Das Absetzfutter sollte einen reduzierten Rohproteingehalt von etwa 15 % sowie einen Rohfaseranteil von 6 bis 8 % aufweisen, um die Darmperistaltik zu fördern und präbiotische Effekte zu erzielen. Gleichzeitig ist eine optimale Wasserversorgung sicherzustellen. Um Stress zu reduzieren, wird die Haltung in kleinen Gruppen mit ausreichend Fressplätzen empfohlen. Kranke Tiere sollten separiert werden, um eine Übertragung auf die Artgenossen zu verhindern. Um den Infektionsdruck zu reduzieren, sollte der Absetzraum konsequent nach dem Rein-Raus-Prinzip bewirtsc haftet werden. Nach jeder Belegung müssen die Buchten vollständig geräumt, gereinigt und desinfiziert werden. Ergänzend dazu trägt ein gut kontrolliertes Stallklima mit Temperaturen von 25 bis 27 °C wesentlich zur Wirksamkeit der prophylaktischen Massnahmen bei.

Interview

Genetische Resistenz im Fokus

Wie ist der aktuelle Stand bei der Schweizer Genetik bezüglich A / A-resistenter Genetik (reinerbig resistent)?

Wir sind in der erfreulichen Lage, dass wir von einigen Rassen schon seit Jahren ausschliesslich reinerbig resistente Eber (A / A) auf den KB-Stationen haben. Dies gilt für Schweizer Land rasse, Schweizer Edelschwein und Premo. Daher gehen wir davon aus, dass ein Grossteil der Schweizer Jungsauen auf den Betrieben (A / A) ist. Bei Duroc sind aktuell ca. 48 ,5% der Eber auf der KB-Station (A / A), weitere 43 % mischerbig resistent (A / G) und knapp 8 ,5% reinerbig empfänglich (G / G). Bei Piétrain sind aktuell 64 % der Eber (A / A) und der Rest (A / G).

Wo liegen die aktuellen Herausforderungen im Feld?

Durch Verschiebungen in den Marktanteilen bei den Vaterrassen in den letzten Jahren spüren wir, dass die Ödemkrankheit im Feld nun wieder ein grosses Thema ist. Die Landwirte müssen sich wieder mit Prophylaxemassnahmen wie Fütterung und Impfung auseinandersetzen, um der Krankheit vorzubeugen. Zunehmend sind auch Saugferkel und Mastschweine betroffen. Interessanter weise sehen die pathologischen Veränderungen heute nicht immer gleich aus wie früher.

Welche Massnahmen werden von Genetik-Anbietern aktuell getroffen, um die genetische Resistenz bei Duroc und Piétrain weiter auszubauen?

Durch systematische Typisierung bei Duroc und Piétrain seit 2025 können wir früher auf resistente Tiere selektieren. Da wir den Inzuchtgrad gut im Griff haben, können wir bei Duroc jetzt auf Genetikimport aus dem Ausland verzichten und die Rasse eigenständig in der Schweiz züchten. Bei Piétrain wird der Import aus unserem bayrischen Zuchtprogramm weiterhin nötig sein.

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