Nutztiere

Bison – der Kraftprotz auf der Weide

Ivo Bühlmann realisiert in der kleinen Schweiz seinen kanadischen Traum. Auf seinem Betrieb in St. Gallenkappel hält er zwischen 20 und 25 Bisons. Aber nochmals anfangen würde er in der Schweiz wahrscheinlich nicht mehr.

Ein Junges wechselt seine Farbe von fuchsrot zu dunkelbraun. Das geschieht nach etwa 10 Wochen.

(Bild: Bea Zürcher)

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freie Journalistin

Der Vormittag ist garstig, die Bise geht einem durch Mark und Bein. Das imposante Blockhaus, das sich Ivo Bühlmann in den vergangenen Jahren gebaut hat, liegt oberhalb des Dorfs St. Gallenkappel, einsam zwischen Wäldern und Wiesen. Trostlos für die Einen, das Paradies für Anderen. Für Ivo Bühlmann stimmt das Zweite.

Er hat den vormals verpachteten 6,5 Hektaren grossen Betrieb und die 2 Hektaren Wald, die früher seinem Vater gehörten, vor gut 20 Jahren übernommen. Der gelernte Schreiner und Zimmermann war in jungen Jahren viel unterwegs, in Australien, später in Kanada und in Alaska. Die wilde Natur, die urtümlichen Gegenden, die Wälder und die Blockhäuser, die ihm begegneten, liessen ihn nicht mehr los. 

„Ab diesem Moment wusste ich, dass ich mit dieser Technik, einer Motorsäge und mit den eigenen Händen aus den ungehobelten Baumstämmen schmucke Häuser bauen will“, sagt er. Ein Puzzleteil fügte sich zum nächsten. Der einsame Betrieb, sein Beruf und auch die passenden Tiere liessen nicht allzu lange auf sich warten. Mit einem Bullen und fünf Bisonkühen aus der Westschweiz begann sein kanadischer Traum im beschaulichen St. Gallenkappel.

Bison

Ivo Bühlmann ist begeistert von den Bisons, hadert aber mit der Bürokratie.

(Bild: LID)

Grosse Nachfrage nach Bisonfleisch

Der Bulle aus Süddakota sei vor drei Jahren mit fast zwanzig Jahren gestorben, erzählt Ivo Bühlmann. Wie sich später herausstellte, waren es Zahnprobleme, die ihn plagten und nicht mehr fressen liessen. In der Wildnis würden Bisons nicht ganz so alt, sagt Bühlmann. Heute hat er einen neuen, jungen Bullen, der seine Arbeit ganz gut macht. 

Die Kühe bringen jährlich ein Junges zur Welt, deshalb ist seine Herde auf 20 bis 25 Tiere angewachsen. Die Jungen verbleiben 2,5 bis 3 Jahre in der Herde, bevor sie vom Metzger, der auf den Hof kommt, erlegt und anschliessend nach Gesetz innerhalb von 45 Minuten im Schlachthaus verarbeitet werden. Wegen dem Fell, das im Winter viel schöner und wertvoller sei als das Sommerfell, würden die Tiere nur in den Wintermonaten aussortiert, erklärt Bühlmann. 

Jährlich verkaufen er und seine Partnerin das Fleisch von durchschnittlich 6 Tieren als Mischpaket an eine treue Kundschaft. Wenn er den Verkauf bei seiner Stammkundschaft ankündige, seien die Pakete innert wenigen Tagen vorreserviert. «Eigentlich haben wir immer knapp bis zu wenig Fleisch», sagt Bühlmann. Bisonfleisch sei fettarm, enthalte wenig Cholesterin und sei sehr schmackhaft. Auch ein lokales Restaurant bietet das Fleisch seit 6 Jahren als Delikatesse an, ebenso beliefert er ein Hotel zuhinterst im Maggiatal einmal im Jahr mit Schlachthälften. Das Bisonfleisch wird auch als Bündnerfleisch und als Mostbröckli verkauft.

800 Bisons leben bei 12 Haltern

Die erste private Bisonzucht in der Schweiz wurde um 1971 mit Zootieren und Tieren aus deutschen Privatzuchten zusammengestellt. Heute halten in der Schweiz 12 Betriebe insgesamt zirka 800 Tiere. Davon gibt es in der Westschweiz ein paar sehr grosse Betriebe mit 100 bis 200 Tieren. Weltweit gibt es wieder rund 500’000 Tiere von ehemals geschätzten 30 – 50 Millionen Bisons. Durch den geringen Fett- und Cholesteringehalt ist das Fleisch sehr beliebt auf dem Markt. Bisons werden extensiv gehalten und brauchen viel Platz und Auslauf. 

Bisons sind Wildtiere und lassen sich nicht zähmen

Als Ivo Bühlmann sich an diesem kalten Vormittag der Bisonherde nähert, hält sich diese unter dem offenen Rundholzbau auf. Als er ein paar harte Brotrinden aus seiner Jackentasche nimmt, laufen ihm die ersten Tiere entgegen. Nah, sehr nah kommen sie an den massiven Zaun mit Armierungseisen heran. Sie lassen sich von Bühlmann sogar berühren. Auch der massige Bulle, der gut und gerne eine Tonne wiegt und schnaufend am Zaun steht, mustert den Gast mit riesigen, braunen Augen.

„Ich gehe nie zu den Tieren rein und wenn es sein muss, lasse ich höchste Vorsicht walten“, sagt der Landwirt, der sich das landwirtschaftliche Wissen nach seinen beiden hölzigen Ausbildungen erst erarbeiten musste. „Das Risiko ist sehr hoch, Bisons sind Wildtiere, die sich nicht zähmen lassen.“ Auch wenn sie ihn kennen und ihm nachlaufen geben die Tiere den Tarif durch und der Bulle sei ganz klar der Chef.

Drei Tiere auf einer Hektare Land

Ein heikler Zwischenfall sei ihm nur einmal passiert, dabei habe er sich mit einer Hechtrolle über den fast zwei Meter hohen Zaun retten können. Ein Bison renne schneller als ein Pferd und sei ein massiger Kräfteprotz. Deshalb sei es für ihn keine Überraschung, dass in amerikanischen Nationalpärken mehr Menschen von Bisons getötet würden als von Bären. 

Während Bühlmann noch von seinen Tieren redet, galoppiert plötzlich eine bestandene Bisonkuh längs und quer durch das Gehege. Sie macht hohe Sprünge, als wäre sie ein junges Kalb, das im Frühjahr das erste Mal auf einer saftigen Wiese fressen darf. „Diese Kuh ist ein extremes Energiebündel, immer in Bewegung, immer gut drauf.“ Speziell bei diesen Temperaturen sei es den Bisons so richtig wohl. Vor ein paar Jahren konnte Bühlmann nochmals ein paar Hektaren Land dazu pachten. So haben heute ungefähr 3 Tiere eine Hektare Land zur Verfügung. 

Oft missverstanden

Für Ivo Bühlmann ist das Halten von Prärie-Bisons, die mit unserem europäischen Bison dem Wisent verwandt sind, hingegen nicht nur eitel Sonnenschein. Bundesbern wünsche sich eine extensive, innovative, umwelt- und artgerechte Landwirtschaft und all dies könne die Bisonhaltung bieten, sagt Bühlmann: „Trotzdem ist der Umgang mit den Behörden und die immer grösser werdende Bürokratie manchmal schwierig.“ Er ist der Meinung, dass Vorschriften oft von Personen gemacht würden, die keine grosse Ahnung von der Bisonhaltung hätten. 

Auch wenn die Bisonhalter, wie ihre Kollegen, die Rindvieh halten, Bundesbeiträge erhalten, ärgert es Ivo Bühlmann, dass sie gegenüber den Rindviehhaltern bei den Tierwohlbeiträgen für das RAUS-Programm des Bundes stark benachteiligt würden. „Bisonzüchter kriegen nicht mal die Hälfte der Rindviehbeiträge“ beklagt er. „Auch beim Erteilen von Baubewilligungen werden wir Bisonhalter oft missverstanden“, ist Bühlmann überzeugt. „Eigentlich ist der Bison eine Mutterkuh und deshalb sollte die Haltung auch so gehandhabt werden.“ Bei der Bevölkerung spüre er er eine grosse Faszination für diese stolzen Tiere und deren Geschichte und Mythen.

Bisonhalter hoffen auf Ausnahmebewilligung

Ein weiteres Problem sei die Genetik. In Europa gebe es nur ein paar wenige Bison-Linien. Deshalb droht Inzucht. Der Import von lebenden Bisons aus Nordamerika ist laut Bühlmann aber nur via EU möglich. Die EU hingegen verlangt, dass sämtliche Tiere einer neuen Herde 2 Jahre in Quarantäne gehalten und auf verschiedene Seuchen getestet werden. Die rund 12 Bisonzüchter in der Schweiz hoffen auf eine Ausnahmebewilligung des zuständigen Bundesamtes. Bühlmann spricht von einem ewigen Kampf gegen die Mühlen der Ämter: „Wenn ich mich nochmals für Bisons entscheiden würde, müsste ich wohl die Koffer packen und nach Kanada auswandern.“

Ein Junges pro Jahr 
Der Präriebison wird der Familie der Rinder zugeordnet. Die Widerristhöhe eines ausgewachsenen Stieres kann bis zu 1,8 Meter betragen und erreicht ein Gewicht von gegen einer Tonne. Die Kühe sind wesentlich kleiner und leichter. Nach einer Trächtigkeit von neun Monaten bringt die Kuh im Frühjahr ein Junges von 20 bis 25 Kilogramm zur Welt. Das anfänglich fuchsrote Fell wechselt gegen die 10. Woche ins Dunkelbraune über. Ein Bison ist zwei bis dreimal so stark wie eine Kuh. Vor über 25 Jahren wurde die Swiss Bison Association (SBA) gegründet. Ziel der Vereinigung ist, die Bisonzucht zu fördern, die Öffentlichkeit zu informieren und die Interessen der Züchter zu vertreten.

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