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Nutztiere

Traditionen leben

Edelweisshemden, Treicheln und schöne Kühe – Viehschauen haben in der Milchviehzucht eine lange Tradition. Im Kanton Bern feiern in den kommenden Wochen viele Viehzuchtvereine und -genossenschaften ihr langjähriges Bestehen. Bis ins 19. Jahrhundert reicht beispielsweise die Geschichte des Viehzuchtvereins Zimmerwald.

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(VZV Zimmerwald)

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ehemalige Redaktorin UFA-Revue

Auch heute in Zeiten der linearen Beschreibung der Milchkühe haben die Beständeschauen noch eine wichtige züchterische Rolle für viele Betriebe. Milchviehhalter haben die Möglichkeit, ihre Kühe mit denen der anderen Vereins- oder Genossenschaftskollegen zu messen und ihren aktuellen Standpunkt in der Zucht festzustellen. Aber nicht nur im Kanton Bern und den anliegenden Kantonen, auch in der Zentral- und Ostschweiz sind Viehschauen tief verwurzelt.

Während in der Zentral- und Ostschweiz die Braunvieh-Kühe vorherrschend sind, liegt der Fokus im Kanton Bern, Solothurn, Basel-Land, Wallis, Luzern sowie in der Westschweiz auf den Rassen Simmental, Swiss Fleckvieh, Red Holstein und Holstein. In Mittelland wurden im Jahr 2016 44 756 Tiere an den Beständeschauen präsentiert. Im Kanton Bern findet mit Abstand die grösste Konzentration der Viehschauen statt.

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An den Viehschauen können die Landwirte fachsimpeln und ihre Tierbestände vergleichen.

(VZV Zimmerwald)

Zucht vorantreiben

Mit der Gründung von regionalen Viehzuchtgenossenschaften hatten Landwirte die Möglichkeit, gemeinsam Stiere zu kaufen und dadurch einen grösseren Zuchtfortschritt zu erlangen.

Dies war auch der Grund, weshalb die Gemeinde Zimmerwald im Jahr 1892 die Viehzuchtgenossenschaft Zimmerwald gründete. Nebst dem Vorstand wurde eine Expertenkommission gewählt, die den Auftrag hatte, einen geeigneten Zuchtstier für die Genossenschaft zu suchen. Nachdem dies nicht gelang und der erste gekaufte Genossenschaftsstier nicht prämiert und damit nicht zur Zucht zugelassen wurde, demissionierte der gesamte Vorstand im Jahr 1895. Die Genossenschaft blieb bestehen, benötigte jedoch einige Jahre, um sich wieder zusammenzuraufen. Einige Jahre später war die Zuchtarbeit bereits deutlich erfolgreicher: Ein Stier der Genossenschaft konnte gar in Lausanne präsentiert werden.

Interview mit Niklaus Hofer, Präsident der Kommission Beständeschauen, swissherdbook

UFA-Revue: Weshalb wurden Viehzuchtgenossenschaften/-vereine gegründet?

Niklaus Hofer: Viehzuchtgenossenschaften wurden ursprünglich gegründet, um gemeinsam Zuchtstiere anzukaufen.

Weshalb werden Beständeschauen durchgeführt?

Hofer: Die Beständeschau gibt den Züchtern die Gelegenheit, die Tiere untereinander zu vergleichen. Dadurch kann jeder Züchter feststellen, wo er mit seiner Zucht aktuell steht.

Welche Rolle haben die Beständeschauen für das Image der Schweizer Landwirtschaft?

Hofer: Beständeschauen sind sehr gut besuchte Anlässe – auch von der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung. Es entstehen immer gute Kontakte und Gespräche.

Wie sieht die Zukunft für Beständeschauen aus? Ist die lineare Beschreibung und Einstufung (LBE) eine Konkurrenz?

Hofer: Da die Schauen neu organisiert und seit einiger Zeit über Swissherdbook durchgeführt werden, bin ich überzeugt, dass sie ein wichtiger Bestandteil der Zuchtarbeit sind. Die Auffuhrzahlen der letzten Jahre – immer über 40 000 Stück – sind der beste Beweis dazu. Eine Konkurrenz zur LBE sehe ich keine. Mit den beiden Systemen kann jeder Züchter selbst entscheiden, welches er anwenden will.

100 frische Trinkeier

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Viehschau 1976 ...

(VZV Zimmerwald)

Ein Auszug aus vergangenen Protokollen des Viehzuchtvereins zeigt, dass die Zimmerwalder Züchter stets viel in die Genetik investiert haben: «Um den Stier Modern für CHF 13 212 zu kaufen, wurde am 5. August 1954 eine ausserordentliche Hauptversammlung einberufen und mit 20 zu 8 Stimmen dem Ankauf zugestimmt. Als Modern impotent wurde, erhielt er auf Anordnung von Prof. Hofmann vier Hormonspritzen und 100 frische Trinkeier». Der Erfolg des Stieres zeigte sich etwas später: «1960 haben von 27 Modern-Töchtern, deren 25 in der ersten Laktation, einen durchschnittlichen Milchertrag von 3310 kg mit 4.1 Prozent Fett gegeben, was in Zimmerwald noch nie erreicht wurde», entnimmt man späteren Protokollen. In der damaligen Zeit waren diese Milchleistungen der Erstlingskühe durchaus als sehr gut zu werten, lag doch der Durchschnitt der «Schweizerischen Herdebuchstelle für das Simmentaler-Fleckvieh» (heute swissherdbook) bei unter 4000 kg Milch pro Laktation.

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...und 1923 in der Gemeinde Zimmerwald.

(VZV Zimmerwald)

Seit den 50er Jahren hat sich viel bewegt in der Viehzucht. Durch Einkreuzungen mit der Rasse Red Holstein (Ende 60er Jahre) und später auch Holstein, steigerten sich die Milchleistungen nach und nach. Durch die künstliche Besamung wurde der Zuchtfortschritt zusätzlich vorangetrieben. Werden die Leistungszahlen des Viehzuchtvereins Zimmerwald des Jahres 2016 betrachtet, wird klar, wie stark die Zucht wirklich fortschritt: Erstkalbinnen leisteten durchschnittlich 7059 kg Milch, werden sämtliche Leistungsabschlüsse des Vereins betrachtet, steigt die Leistung gar auf 8355 kg.

Zucht mit viel Herzblut

Simmentaler-Kühe werden immer noch gehalten in Zimmerwald, jedoch haben sich auch die Rassen Red Holstein, Holstein und Swiss Fleckvieh etabliert. Den Genossenschaftsstier gibt es nicht mehr und aus der Genossenschaft wurde inzwischen ein Verein. Die Beständeschauen werden immer noch traditionell im Frühling und Herbst durchgeführt. An der Herbstschau werden jeweils rund 220 Kühe aufgeführt, im Frühling sind es etwas weniger, rund 150 Stück Vieh. In diesem Herbst wird es aber eine grössere Beständeschau geben, denn der Viehzuchtverein feiert sein 125-jähriges Bestehen. Rund 420 Kühe werden am 7. Oktober auf dem Schauplatz in Niedermuhlern aufgeführt, rangiert und nach dem kantonalen System eingestuft. Die Viehzucht ist in Zimmerwald von grosser Bedeutung und viel Herzblut wird darin investiert. Von den 34 Mitgliedern des Vereins bringen noch deren 25 Kühe an die Beständeschau. Aber alle Mitglieder helfen tatkräftig mit beim Stemmen des Projektes «Jubiläumsschau», es soll schliesslich ein grosses Fest werden.

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Experten bei der Arbeit.

(VZV Zimmerwald)

Von geschmückten Kälbern und Missen

Nebst der Punktierung und Rangierung der Kühe gibt es an der Jubiläumsschau noch weitere Highlights: Einen Kälberwettbewerb bei dem die Kinder der Viehzuchtmitglieder geschmückte Kälber vorführen. Die Misswahlen, bei denen die schönsten Kühe ausgezeichnet werden und nach Abschluss der Prämierung der Alpumzug, bei dem Glocken oder Treicheln angelegt und die Kühe feierlich mit Blumen geschmückt werden. Am Abend bildet ein öffentlicher Züchterabend mit Abendunterhaltung den Abschluss der Jubiläumsfeier. Gäste sind dabei herzlich willkommen.

Das Zusammenkommen, das Präsentieren der eigenen Kühe und das Rangieren der Kühe hat für die Landwirte aus Zimmerwald einen hohen Stellenwert. Die Beständeschau ist jeweils ein Treffpunkt an dem die Landwirte der ganzen Gemeinde zusammenkommen, um sich auszutauschen, zu schauen, wo die jeweiligen Tierbestände züchterisch stehen und die Kameradschaft zu stärken. 

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