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Betriebsführung

Entlastung ja, Familienzeit nein

Weniger Arbeitsaufwand und körperliche Belastung sind die Hauptgründe für die Investition in ein neues Melksystem. Während beim Melkstand die Betriebsvergrösserung im Vordergrund steht, zielen Betriebe bei automatischen Melksystemen vor allem auf flexiblere Arbeitszeiten ab.

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Rund 40 Prozent der Schweizer Landwirtschaftsbetriebe halten Milchkühe. Trotz eines überdurchschnittlichen Rückgangs der Anzahl Milchviehbetriebe in den letzten zwanzig Jahren spielen sie weiterhin eine wesentliche Rolle bei der Nutzung von Grünlandflächen und der Produktion von Rohstoffen für Lebensmittel in der Schweiz. Ihr Einkommen ist im Vergleich mit anderen Betriebstypen unterdurchschnittlich.

Melksystem hat grossen Einfluss

Viel Arbeitszeit benötigen Milchvieh haltende für das Melken. Die Wahl des Melksystems hat dann auch einen grossen Einfluss auf den Arbeitsaufwand und die Kosten. Agroscope hat deshalb untersucht, was die Gründe für die Investition in eine Melkanlage sind und ob die Betriebsleitenden ihre Ziele erreicht haben.

Als Grundlage dienen die Daten der auf Milchviehhaltung spezialisierten Buchhaltungsbetriebe der Stichprobe Betriebsführung der Zentralen Auswertung von Buchhaltungsdaten. Darin enthalten sind die einmalig erhobenen Kennzahlen für das Buchhaltungsjahr 2020 zum vorhandenen Melksystem und zur Bedeutung der Unternehmensziele bei der Investition in ein Melksystem.

Mit dem Melkstand zu mehr Tierwohl

Die Antworten von rund 450 Betriebsleitenden zeigten, dass die Verringerung von Arbeitsaufwand und körperlicher Belastung die Hauptgründe sind, in ein Melksystem zu investieren, sei es nun eine Eimer- oder Rohrmelkanlage, ein Melkstand oder ein automatisiertes Melksystem (Melkroboter).

Beim automatisierten Melksystem ist die Verringerung des Arbeitsaufwandes der mit Abstand am häufigsten genannte Grund für die Investition. So nennen 90 Prozent der Betriebsleitenden die Verringerung des Arbeitsaufwands als Hauptziel, während es beim Melkstand nur 80 Prozent sind und bei der Eimer- oder Rohrmelkanlage 70 Prozent.

Betriebsleitende mit Melkstand nannten als weitere wichtige Motive die Vergrösserung des Betriebs, die Verbesserung des Tierwohls sowie die Verbesserung des Einkommens und des Arbeitsverdiensts. Bei Betrieben mit automatisiertem Melksystem stand die Verbesserung der Arbeitszeiten und der Familienzeit im Vordergrund, während das Ziel der Einkommensverbesserung nur einen untergeordneten Stellenwert hat.

Technik bringt nicht mehr Familienzeit

Bei der Frage, ob das genannte Hauptziel auch tatsächlich erreicht wurde, bejahten über 90 Prozent der Betriebsleitenden. Einzig das Ziel, mehr Familienzeit zu haben, wurde bei Betrieben mit Melkstand zu rund 25 Prozent nicht erreicht. Bei Betrieben mit Eimer oder Rohrmelkanlagen war dieses Ziel zwar weniger wichtig, aber auch hier wurde es von 20 Prozent der Betriebe nicht erreicht. Bei Betrieben mit einem automatisierten Melksystem konnte die Zielerreichung aufgrund der geringen Anzahl an Betrieben nicht ausgewertet werden.

Höherer Arbeitsverdienst mit Melkstand und Melkroboter

Die Analyse der Buchhaltungsdaten zeigte, dass Betriebe mit Eimer- oder Rohrmelkanlagen kleiner sind und einen tieferen Arbeitsverdienst erreichen als Betriebe mit Melkständen und automatisiertem Melksystem.

Betriebe mit automatisiertem Melksystem weisen den höchsten Arbeitsverdienst pro Familienarbeitskraft auf.

Investitionen in automatische Melksysteme wurden hingegen von den grössten Betrieben und in neuerer Zeit getätigt. Deshalb fallen bei ihnen die Abschreibungen stark ins Gewicht. Gleicht man den monetären Abschreibungszustand der Melkanlagen in den Gruppen aus, so weisen Betriebe mit automatisiertem Melksystem den höchsten Arbeitsverdienst pro Familienarbeitskraft auf.

Tendenz zu moderneren Melksystemen

Moderne Melksysteme wie Melkstand und Melkroboter nehmen vor allem in der Tal- und Hügelregion stetig zu. Aber auch in der Bergregion sind Melkstände in der analysierten Stichprobe relativ weitverbreitet. Allerdings investieren immer noch viele Betriebe in der Bergregion, aber auch in der Hügelregion in Eimer- oder Rohrmelkanlagen. Gründe dafür könnten das Festhalten an Traditionen oder die fehlende Möglichkeit zur Investition in einen Melkstand und eine Betriebsvergrösserung sein.

Es spricht viel für den Melkstand

Eimer- und Rohrmelkanlagen erleichtern, auf dem Entwicklungsschritt des Handmelkens aus gesehen, die physische Arbeit. Hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit sind solche Betriebe aufgrund ihres Haltungssystems und ihrer geringen Grösse weniger erfolgreich als Betriebe mit Melkständen oder einem automatisierten Melksystem.

Betriebe mit Melkständen erreichen ausgehend vom Entwicklungsschritt der Eimer- und Rohrmelkanlagen weitere physische Erleichterungen und können zudem Ziele hinsichtlich Betriebsvergrösserungen und Wohlergehen der Tiere besser erreichen. Auch weisen Betriebe mit einem Melkstand im Vergleich zu Betrieben mit Eimer- und Rohrmelkanlagen einen überdurchschnittlichen Arbeitsverdienst aus.

Roboter eignen sich für die Grossen

Automatisierte Melksysteme werden in der Schweiz bei kleineren Milchviehbetrieben selten eingesetzt, da es eine gewisse Grösse braucht, um das System so auszulasten, dass es wirtschaftlich ist. Der Arbeitsverdienst der untersuchten Betriebe mit automatisierten Melksystemen unterscheidet sich nicht von den Betrieben mit einem Melkstand. Die Ziele bezüglich Flexibilität und Freiheiten im Arbeitseinsatz der Betriebsleiterfamilie können wirtschaftlich mit automatisiertem Melksystem nur bei grösseren Betrieben erreicht werden. Trotz Erleichterung der körperlichen Arbeit und Flexibilisierung der Arbeitszeiten haben die Betriebe mit einem automatisierten Melksystem eine hohe Arbeitsbelastung zu bewältigen. 

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