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Nutztiere

Auf Fitness züchten lohnt sich

Für eine wirtschaftliche Milchproduktion werden Gesundheit und Fruchtbarkeit immer wichtiger. Trotz tiefer Erblichkeit können für diese Fitnessmerkmale zuverlässige Zuchtwerte geschätzt werden. In den Gesamtzuchtwerten werden die Merkmale gemäss ihrer wirtschaftlichen Bedeutung berücksichtigt.

Milchanalyselabor von Suisselab. Vorne links sieht man das Analyse-Gerät CombiFoss: Laboranalysen aus der Milchleistungsprüfung liefern mehr als nur den...

Milchanalyselabor von Suisselab. Vorne links sieht man das Analyse-Gerät CombiFoss: Laboranalysen aus der Milchleistungsprüfung liefern mehr als nur den Fett- und Eiweissgehalt. 

(Bild: Suisselab AG, Zollikofen)

Publiziert am

Fachbereichsleiter Zuchtwertschätzung Qualitas AG

Nicht nur der Erlös für die verkaufte Milchmenge, sondern auch die Kosten für deren Produktion sind wesentlich für den wirtschaftlichen Erfolg. Neben Futter-, Stall- und Arbeitskosten sind auch die Gesundheit und Fruchtbarkeit der Kühe wichtige Faktoren. Durch optimierte Haltung und Fütterung lässt sich diesbezüglich einiges erreichen. Mit einer züchterischen Verbesserung dieser Fitnessmerkmale lassen sich Behandlungskosten jedoch nachhaltig senken.

Tiefe Erblichkeit wegen ungenauer Erfassung

Ein vordergründiges Hindernis für die züchterische Verbesserung von Fitnessmerkmalen scheint deren oft tiefe Erblichkeit zu sein. Eine tiefe Erblichkeit bedeutet jedoch nicht, dass die Ausprägung eines Merkmals nicht vom Erbgut (den Genen) beeinflusst wird und somit kein Potenzial für züchterische Verbesserungen besteht. Die Erblichkeit gibt nur an, wie genau das genetische Potenzial eines Tieres anhand einer einzelnen Beobachtung erfasst werden kann. Bei Fitnessmerkmalen ist die Beobachtungsskala oft relativ grob. Man sieht nur, ob eine Besamung erfolgreich war oder nicht, ob ein Kalb lebend oder tot geboren wurde oder ob eine Kuh gegen eine bestimmte Krankheit behandelt wurde oder nicht. Das ist, als ob die Kreuzbeinhöhe mit einem Messstock gemessen würde, welcher nur die Einteilung ein oder zwei Meter hat. Die effektive Grössenverteilung würde durch das ungenaue Erheben verdeckt. Mit einer genügend grossen Anzahl auf diese Art gemessener Kühe liesse sich die durchschnittliche Grösse dennoch relativ genau bestimmen. Wegen des grossen Messfehlers würde die Erblichkeit eines solch groben Stockmasses zwar wesentlich tiefer liegen als gewohnt. Das würde aber nichts daran ändern, wie die genetische Veranlagung für die Kreuzbeinhöhe an die nächste Generation vererbt wird.

Genetik und Umwelt trennen

Neben der Genauigkeit des Erhebens beeinflussen auch systematische Umweltfaktoren wie Fütterung und Haltung die Erblichkeit eines Merkmals. Mit der Zuchtwertschätzung (ZWS) wird versucht, den Einfluss der Umwelt auf die Ausprägung eines Merkmals (Phänotyp) von jenem der Genetik (Genotyp) zu trennen. Je genauer die Umwelt beschrieben werden kann, in welcher eine Leistung erbracht wurde, desto besser kann deren Einfluss korrigiert werden. Entscheidend für den Selektionserfolg ist weniger die Erblichkeit eines Merkmals als die Genauigkeit der daraus geschätzten Zuchtwerte. Für Stiere lassen sich auch bei Merkmalen mit tiefer Erblichkeit sichere Zuchtwerte schätzen, wenn genügend Nachkommen mit Beobachtungen vorhanden sind. Das gilt für die meisten Fitnessmerkmale genauso wie für das hypothetische Beispiel mit dem groben Stockmass. So ist dank langjähriger elektronischer Erfassung der Besamungsdaten eine sehr gute Datengrundlage für die ZWS Fruchtbarkeit vorhanden.

Zuchtwerte dank Hilfsmerkmalen

Anders sieht es bei den Gesundheitsmerkmalen aus. Hier ist die Datengrundlage aus den elektronischen Behandlungsjournalen auf den Internetportalen der Zuchtorganisationen noch etwas knapp. Dank Zellzahl-basierten Hilfsmerkmalen können jedoch trotzdem recht zuverlässige Zuchtwerte für Mastitisresistenz geschätzt werden. Dies gilt noch viel ausgeprägter für das Merkmal Ketoseresistenz, für welches Qualitas kürzlich eine ZWS entwickelt hat. Hier kommen die Hilfsmerkmale Fett:Eiweiss-Verhältnis und Aceton-Konzentration in der Milch sowie die Konzentration von nicht-veresterten Fettsäuren (NEFA) im Blut zum Einsatz. NEFA sind ein Zeichen für Fettmobilisation und ihre Konzentration im Blut wird anhand der Milch bestimmt. Dies funktioniert durch Vorhersagegleichungen auf Basis von sogenannten MIR-Spektraldaten, welche im Rahmen der Laboranalysen für die Milchleistungsprüfung anfallen. Im Moment befindet sich die ZWS Ketoseresistenz noch in der Validierungsphase. Voraussichtlich wird der neue Zuchtwert erst offiziell publiziert, wenn auch eine genomische ZWS möglich ist.

Genomische Selektion

Bei anderen Fitnessmerkmalen wie der Fruchtbarkeit funktioniert die genomische Selektion bei den grösseren Populationen recht gut. Dank der Verfügbarkeit von relativ sicheren Zuchtwerten können Selektionsentscheide früher im Leben eines Tieres getroffen werden. Basierend auf Abstammungszuchtwerten wäre ein so früher Selektionsentscheid weniger sinnvoll.
Das hilft, Aufzuchtkosten zu sparen und ermöglicht im Zusammenhang mit gezieltem Einsatz von gesexten Samendosen und Mastbesamungen auch eine höhere Selektionsintensität auf der weiblichen Seite.

Beim Einsatz von genomischen Jungstieren sollte man das Risiko auf mehrere Stiere verteilen.

Auf der männlichen Seite sind zudem wesentlich kürzere Generationenintervalle möglich, als wenn die grosse Mehrheit der Besamungen mit nachzuchtgeprüften Stieren erfolgt. Beim Einsatz von genomischen Jungstieren sollte jedoch der im Vergleich zu Nachzuchtprüfungsergebnissen tieferen Sicherheit Rechnung getragen werden. Man sollte bei der Auswahl der Besamungsstiere nicht alles auf eine Karte setzen, sondern das Risiko auf mehrere Jungstiere verteilen, welche dem Betriebszuchtziel entsprechen.

Gesamtzuchtwerte nutzen

Bei der Auswahl der geeigneten Stiere kann man angesichts der gros sen Anzahl Zuchtwerte und des rasch ändernden KB-Angebots leicht den Überblick verlieren.
Die Gesamtzuchtwerte (GZW, ISET) bieten hier eine willkommene Hilfe, da sie die verschiedenen Merkmale gemäss ihrer wirtschaftlichen Bedeutung in einem Wert zusammenfassen. Wer zusätzliches Gewicht auf die Fitnessmerkmale legen will, kann die passenden Stiere einfach anhand der entsprechenden Teilzuchtwerte (FIW, IFF) auswählen. Vor allem für grössere Bestände empfiehlt sich auch der Einsatz der Paarungsplan-Funktion in den Internetportalen der Zuchtverbände (BrunaNet, redonline, HolsteinVision). 

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