Pflanzenbau

2020 – die Rübe am Scheideweg?

Im Jahr 2020 litten viele Flächen zum ersten Mal seit vielen Jahren unter einer Epidemie der «Virösen Vergilbung». Diese Krankheit ist nicht neu, sondern trat durch die Zulassung der Neonicotinoid-haltigen Beize «Gaucho» ab 1995 in den Hintergrund. Nachdem die Zulassung dieses wirksamen Mittels erloschen ist, ist der Zuckerrübenanbau unter Druck.

Zuckerrübenfeld in der Nähe von Aarberg (BE) Ende August.

(SFZ)

Publiziert am

Wissenschaftliche Mitarbeiterin Schweizerische Fachstelle für Zuckerrübenbau

Flächendeckend gelbe Zuckerrübenflächen konnte man westlich von Solothurn im Sommer 2020 bereits ab Juli beobachten. Seit 2017 treten gelbe Felder gewöhnlich erst ab August auf – verursacht durch das «Syndrome des Basses Richesses (SBR)». 2020 kam es zudem zu einem massiven Auftreten der Virösen Vergilbung, eine Konsequenz aus dem Wegfall des Insektizids Gaucho.

Mit Viren beladene Blattläuse

Leider handelt es sich bei der Virösen Vergilbung nicht nur um einen einzelnen Virus, sondern um einen Komplex von bis zu vier Viren (BYV, BYMV, BChV, BtMV). Sie alle werden ausschliesslich durch Blattläuse übertragen, wobei die grüne Pfirsichblattlaus als Hauptüberträgerin gilt. Nach kalten Wintermonaten entwickeln sich aus überwinternden Eiern geflügelte Läuse.

Um Zuckerrüben zu infizieren, müssen sie sich zuerst bei anderen überdauernden Wirtspflanzen (zum Beispiel Unkräuter, Spinat, Rübenköpfe, Raps, Senf) mit Viren «beladen». Je später die Infektion der Zuckerrübe erfolgt, desto geringer sind die Ertragsverluste. Epidemiologisch kritisch sind vor allem milde Winter. Dann können die mit Viren beladenen, geflügelten Mutterblattläuse sogar lebend überwintern. Die Infektion erfolgt früh und direkt in die Zuckerrübenkultur. Die Ertragsverluste können so je nach Virustyp 20 bis 50 Prozent betragen.

Wie stark eine Epidemie ausfällt, hängt in erster Linie von der Witterung ab.

Die Witterung wird zum Mitspieler

Wie stark eine Epidemie ausfällt, hängt in erster Linie von der Witterung ab. Daher können Epidemien auch stark je nach Standort und Jahr variieren. Dass es 2020 zu einer grossflächigen Epidemie kam, erstaunt nicht. Laut MeteoSchweiz verzeichnete die Schweiz den mildesten Winter seit 1864, gefolgt vom drittwärmsten Frühling. Nach der extrem frühen Besiedelung der Zuckerrübenfelder folgte somit eine sehr zügige Vermehrung der Läuse. Aber nicht nur die Läuse liebten den warmen und sonnigen Frühling. Ein schnelles Blattwachstum und der frühzeitige Bestandesschluss erhöhten die Photosyntheseleistung der Zuckerrübe zum Zeitpunkt der höchsten Strahlungsintensität, was sich in einem hohen Zuckerertrag niederschlug. Somit konnte 2020 in den östlichen Anbauregionen eine Rekordernte eingefahren werden. Vergessen waren im Herbst die Erdflöhe und die (unbeladenen) schwarzen Läuse, welche auch in der Ostschweiz massenhaft anzutreffen waren. Im Vergleich zum Vorjahr lag der bereinigte Zuckerertrag in der Ostschweiz im Schnitt fünf Prozent höher (BL + 16 und ZH + acht Prozent).

Westschweiz am stärksten betroffen

Ganze 25 Prozent tiefer als im Vorjahr lag hingegen der bereinigte Zuckerertrag im Durchschnitt in der Westschweiz. Katastrophal war die Ausgangslage im Frühjahr aufgrund der wochenlang anhaltenden Trockenheit zum Saatzeitpunkt und der Keimung, zusammen mit einer langanhaltenden Bisenlage. Zum Zeitpunkt des Blattlauseinfluges anfangs Mai, waren die Rüben, auch bedingt durch einen gestaffelten Auflauf, meist noch schwach und klein. Die schweizweiten Untersuchungen von Agroscope zeigten, dass in den westlichen Anbauregionen die Läuse mit dem BYV und dem BChV-Virus (Mischbefall) beladen waren. Entsprechend gering fielen die Lieferungen aus diesen Regionen aus (GE – 54, NE – 39 und VD – 34 Prozent). Die Auswirkungen von Wirkstoffverboten, ohne gleichwertige Alternative, wurden schmerzhaft sichtbar.

Zuckerrüben gehören weiterhin zu den finanziell interessantesten Kulturarten.

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Massenhaftes Auftreten der schwarzen Bohnenblattlaus am Strickhof 2020 (ZH).

(SFZ)

Eine Übergangssituation

Das BLW lehnte eine befristete Ausnahmebewilligung für Gaucho ab. Dies, obwohl in den meisten Ländern der EU eine Notfallzulassung genehmigt wurde und Rückstandsrisiken über strikte Fruchtfolgeauflagen reduziert werden. So wird 2021 in Frankreich , Grossbritannien und in verschiedenen Bundesländern Deutschlands wieder gebeiztes Saatgut ausgedrillt. In der Schweiz ist dies aktuell nicht durchsetzbar. Anstelle von Gaucho wurden vom BLW die beiden Wirkstoffe Acetaprimid und Spirotetramat zur Bekämpfung der grünen Blattlaus zugelassen (2020 war nur der Wirkstoff Pirimicarb verfügbar). Dies hat die Ausgangslage bezüglich des Wirkungsspektrums (auf gespritzten Anbauflächen) für 2021 sehr verbessert. Entscheidend bleibt, dass der Einsatz zum richtigen Zeitpunkt erfolgt.

Rückläufige Anbaubereitschaft

Zwei Jahre nach dem Verbot der neonicotinoidhaltigen Beize ist die Situation für den Schweizer Zuckerrübenanbau besorgniserregend. Bis Anfang Januar 2021 wurden Verträge für nur 16 000 Hektar abgeschlossen, es fehlen somit mindestens 1500 Hektar Zuckerrübenfläche im Vergleich zum Vorjahr. Dies, obwohl laut der Berechnung des Deckungsbeitrags von Agroscope, Zuckerrüben nach Kartoffeln weiterhin zu den finanziell interessantesten Kulturarten gehören. Trotz des Schädlingsjahrs 2020 bleibt dies in vielen Regionen, insbesondere in der Ostschweiz, auch weiterhin der Fall. Zur Absicherung der Anbauflächen hat der Kanton Waadt ein eigenständiges Unterstützungsprogramm für Pflanzer gestartet. Bereits vor der Einführung der neonicotinoidhaltigen Beize gab es witterungsbedingt Blattlausjahre mit starken Ertragseinbussen. Nach einem 25-jährigen, vorbeugenden Vollschutz, fehlten 2020 alternative Bekämpfungsmöglichkeiten. 

Wie geht es weiter mit der Zuckerrübe

Die Fachstelle für Zuckerrübenanbau (SFZ) hat für die Sortenempfehlung 2021 alle Sorten hinsichtlich ihrer Ertragsstabiliät bei Viröser Vergilbung, insbesondere für die Westschweiz, beurteilt. Die Sortenversuche werden 2021 noch stärker ausgebaut, es kommen zusätzliche Prüfungen an Vergilbungsstandorten dazu. In Zusammenarbeit mit Agroscope werden in separaten, aufwendigen Inokulationsversuchen erste resistente Sorten gegen die viröse Vergilbung geprüft. Erfolgreiche Sorten könnten dann frühestens ab 2024 angebaut werden.

Zusätzlich verstärkt die Fachstelle für Zuckerrübenbau gemeinsam mit Agroscope, HAFL und FiBL die Aktivitäten in umfangreichen Forschungsprojekten. Folgende Schwerpunkte werden dabei behandelt:

  • Ursachenforschung der Epidemie 2020 
  • Etablierung eines Testsystems für die offizielle Prüfung von resistenten Sorten 
  • Alternative Bekämpfungsmethoden wie Blühstreifen oder Untersaaten
  • Biologische Schädlingsbekämpfung mit Nützlingen 
  • Die Entwicklung eines Warn- und Prognosesystems (ähnlich wie Phytopre zur Abschätzung der Kraut- und Knollenfäule in der Kartoffel) in Zusammenarbeit mit den Pflanzenschutzdiensten der Kantone 
  • Optimierung von Insektizidbehandlungen mit den neuen Wirkstoffen Spirotetramat und Acetamiprid.

Gefordert sind auch die Züchter. Sie können die eleganteste Lösung, in Form von Resistenzen, in die Sorten einbauen. Mit neuen Züchtungstechnologien wären vor allem bei komplexen Virosen schnelle Entwicklungen zu erwarten, allerdings sind diese bislang in Europa nicht zugelassen.

 

Jeder Hektar sichert das Überleben der Schweizer Zuckerrübe

Zuckerrübenanbauflächen werden von der SZU (Schweizer Zucker AG) weiterhin dringend gesucht. Verträge können noch immer unterzeichnet werden. Die Ausgangslage ist mit den beiden Insektiziden besser als letztes Jahr, die Witterung hilft hoffentlich mit. Besonders wichtig ist, dass jetzt jede Hektare die Rentabilität der beiden Zuckerfabriken erhält und dadurch das Überleben des Schweizer Zuckerrübenanbaus sichert.

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