Pflanzenbau

Rinde, Kompost und Erde

Bei der Produktion von Erden setzt ein Werk in Frauenfeld auf Recycling von Abfallprodukten aus der Zuckerindustrie. Durch die zusätzliche Nutzung von Resten aus der Schweizer Holzindustrie gelingt es ausserdem, Torf zu ersetzen. Die Erde, die seit neuestem produziert wird, ist in vielerlei Hinsicht anders und besonders.

Im Inneren der Kompostmieten herrschen hohe Temperaturen von bis zu 90 Grad vor.

(Dr. Katharina Kempf)

Publiziert am

Redakteurin UFA- Revue

 

 

Aus meterhohen Komposthügeln steigt Dampf auf. Die Haufen bestehen aus Rinden und prägen das acht Hektar grosse Gelände der Ricoter Erdaufbereitung AG in Frauenfeld (TG). Der Firmenname ist Programm, da er sich aus den der Wörtern Rinde, Kompost (französisch compost) und Erde (französisch terre) zusammensetzt. Bei einem Rundgang mit Beat Sutter, dem Geschäftsführer, und der Werksleiterin Jeannette Erb, durfte die UFA-Revue einmal hinter die Kulissen der Erdproduktion schauen. In Frauenfeld und einem weiteren Standort in Aarberg (BE) werden in grossen Dimensionen Substrate zusammengemischt, die kaum einen Pflanzenwunsch offenlassen. Es wird klar, dass Erde nicht gleich Erde ist.

Ein besonderer Auftrag

Vis-à-vis des Werks, auf der anderen Strassenseite, befindet sich die Schweizer Zucker AG. Diese Nähe ist kein Zufall, sondern Absicht. Die Ricoter Erdaufbereitung AG ist eine hundertprozentige Tochter der Zucker AG und hatte zur Gründung 1981 einen besonderen Auftrag: möglichst viele Abfallprodukte aus der Zuckerrübenverarbeitung zu nutzen, um daraus hochwertige Erden zu produzieren. Die Traktoren mit ihren Ladewagen, welche im Minutentakt bei der Zucker AG vorfahren, liefern also nicht nur den Zuckerrohstoff an. «Die Rübe wird vom Feld angeliefert und trägt ein Mäntelchen aus Erde. Daraus machen wir unsere Landerde», erklärt Jeannette Erb.

Der oberirdische Pflanzenteil der Rübe, das Grün, wird kompostiert und in den Substraten wiederverwertet. Der Jurakalk, der bei der Filtration des Zuckersaftes anfällt, wird aufbereitet und für die Kalkung von landwirtschaftlich genutzten Böden angeboten. Sogar die Steine vom Feld werden wieder genutzt, indem sie gebrochen und zum Auffüllen von Baumgruben verwendet werden. «Dieses System ist wie ein Perpetuum mobile im Rohstoffkreislauf», fasst es Beat Sutter zusammen.

Die Landerde

Die Produktion dieser Erde nimmt wohl den grössten Platz auf dem Werksgelände ein. In einer abgegrenzten Freilufthalle türmt sich ein etwa zwölf Meter hoher Berg aus Erde auf.
Aus Rohren, die an der Deckenkonstruktion entlangführen, werden immer wieder neue Erdklumpen ausgeschleudert. Erb nimmt eine dieser handtellergrossen Platten, bricht sie auf und erklärt: «Das ist echte Schweizer Landerde aus den besten Ackerböden mit hohem mineralischen Anteil.» Die Betrachtung dieser Mineralstoffe gehört ebenso zur internen Qualitätskontrolle, wie eine Kontrolle auf unerwünschte Samen. Seit 2018 kommt die Erde gepresst aus der Decke, früher wurde die Erde in einem Schlammbecken gesammelt, was an den Verfärbungen der steinernen Wände noch gut zu erkennen ist.

Alternativen suchen und finden

Wer mit Erde zu tun hat, kommt an der Torfthematik nicht vorbei. Im Frauenfelder Werk ist das nicht anders. Allerdings hat man hier schon von Anfang an auf Rohrinde als Substratkomponente gesetzt und nutzt diese auch als Torfersatz. Diese Überbleibsel aus der Schweizer Holzindustrie zeigen ähnliche Eigenschaften auf wie Torf und wirken unterstützend bei der Wasserspeicherung. Torf ist seit 2014 fast vollständig aus den Handelsprodukten der Ricoter Erdaufbereitung AG verschwunden. Nur in Erden für Baumschulen oder Anzuchtbetriebe findet man noch Torf aus dem Baltikum. Beat Sutter ist sich sicher: «Torf ist Geschichte.» Noch besteht der Rindenmulch zu 95 Prozent aus Fichtenholz. Sollte aufgrund des Klimawandels in Zukunft weniger Fichtenholz verfügbar werden, so wird man ein anderes Holz nutzen und in die Forschung investieren müssen, da jedes Holz andere Eigenschaften besitzt.

Eine Erdküche

«Eigentlich sind wir hier in einer grossen Küche.» 

Jeannette Erb, Ricoter

Auf dem Gelände und in den Hallen in Frauenfeld lagern beachtliche Mengen von verschiedensten Rohstoffen für die Substrate. Die Kompostmieten aus Rinden werden immer wieder umgeschichtet und je nach Reifegrad versetzt. Weiter hinten auf der Lagerfläche sind die frischeren Komposthügel, weiter vorne diejenigen, die bald verwendet werden können. Im inneren der Hügel kann die Temperatur auf bis 90 Grad ansteigen. Wendet man den Komposthügeln den Rücken zu, blickt man auf eine grosse Menge von Ballen mit Kokosfasern, dahinter die Boxen mit weiteren Rohstoffen, wie gebrochenen Steinen, Blähton, Lavagranulat, Düngehilfsstoffen und vielem mehr. «Eigentlich sind wir hier in einer grossen Küche», beschreibt es Jeannette Erb, während sie sich umblickt.

Statt mit einem grossen Löffel, fügen allerdings die Pneuladerschaufeln die einzelnen Komponenten hinzu. Die Maschinenführer kennen die Rezepte genau und wissen, wie viele Kubikmeter der jeweiligen Stoffe zusammengemischt werden müssen. Die fertigen Erden sind dann in Boxen aufgeschüttet, bevor sie zu einem späteren Zeitpunkt in der Mitte der Halle über ein automatisches Förderband transportiert und danach in Säcke verpackt werden. Schreitet man die langen Reihen der nummerierten Boxen entlang, finden sich vertraute Begriffe wie Balkonkastenerde oder Rhododendronerde. Doch dann bleibt der Blick unweigerlich an veganer und CO 2 neutraler Erde hängen.

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Auf dem Gelände der Ricoter Erdaufbereitung AG lagern die Rohstoffe für die verschiedenen Substratrezepte.

(Dr. Katharina Kempf)

Spezialerde ja oder nein?

Prinzipiell kann eine Universalerde verwendet werden, doch dann muss eventuell später mehr Zeit in die Pflege investiert werden. Die Vorteile von Spezialerden sind, dass sie schon die optimale Zusammensetzung für die jeweilige Pflanzenart und Nutzung haben. Die Substrate bringen die richtigen Nährstoffe für den Start nach dem Einpflanzen mit. Bei Erde für Balkonbepflanzungen ist das Substrat so zusammengesetzt, dass beim Giessen die Erde nicht mit dem Wasser ausgeschwemmt wird. Erden für Kübelpflanzen sind so strukturiert, dass sie sich nicht so stark verdichten. So muss nicht gleich wieder Erde nachgefüllt werden.

Die Zukunft hat schon begonnen

2017 wurde im Werk erstmals vegane Erde produziert. «Man hat uns deswegen schon belächelt, aber kurz darauf hatten es viele im Angebot», erinnert sich Sutter. Die Frage, was an veganer Erde so speziell ist und, etwas scherzhaft, ob darin Regenwürmer zu finden sind, stellt sich schnell. Die Antwort ist, dass es an den Hilfsstoffen, dem Dünger liegt, ob Erde vegan ist. In nicht-veganen Substraten könnten Hornmehle und Ähnliches verwendet werden. Mittlerweile ist die vegane Erde fast ein Klassiker. An der Absackanlage werden Kunstoffrollen zum Verpacken des neuesten Produktes eingespannt: Erde, die eine neutrale CO 2 Bilanz aufweist. Dieses Substrat besteht zu einhundert Prozent aus Schweizer Herkunft, ohne Kokosfasern oder Torf. So können die Transportwege kurzgehalten und die CO 2 Produktion kleingehalten werden. Im Substrat befinden sich Komponenten wie Pflanzenkohle, die CO 2 aktiv binden. Die Säcke selbst sind konsequenterweise aus 80 Prozent Recyclingmaterial hergestellt. Bald wird diese Erde im Handel erhältlich sein. Die Entwicklung bei der Erdproduktion wird weitergehen und das vor allem mit Bezug auf umweltfreundlichere und nachhaltigere Bestandteile. «Wer weiss, vielleicht wird es einmal Erde geben, die eine minus CO 2 Bilanz aufweist», überlegt Sutter.

Das Torfkonzept

Torf entsteht in Mooren und ist eine Art Humus, der sich aus nicht-zersetzten und teilweise zersetzen Pflanzenteilen zusammensetzt. Gärtnerisch ist Torf interessant, da er viel Wasser speichern kann und sich mit der richtigen Kalkung, dank seines niedrigen pH-Werts, an jedes Pflanzenbedürfnis anpassen lässt. Der Abbau von Torf ist schädlich für das Klima und die Biodiversität. Aus diesem Grund sind Schweizer Moore seit 1987 geschützt, und es darf kein Torf mehr abgebaut werden. Allerdings wird viel Torf importiert, weswegen der Bundesrat 2012 ein Konzept verabschiedet hat, um aus dem Torfabbau auszusteigen. Zunächst fordert er darin die Branche auf, freiwillig aktiv zu werden und eine Absichtserklärung zu unterzeichnen.

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