Quer gelesen
- Kälber kommen ohne Antikörper von der Kuh zur Welt, weil die Plazenta des Rindes keine Immunglobuline durchlässt.
- Kolostrum liefert nicht nur Antikörper, sondern auch deutlich mehr Eiweiss und Fett als normale Milch.
- Der Darm nimmt Antikörper nur in den ersten 24 Stunden nach der Geburt auf.
Kälber kommen ohne ausgebildete Immunität gegen spezifische Krankheitserreger wie z. B. Viren, die Lungenentzündung oder Durchfall verursachen, zur Welt. Beim Rind lässt der Aufbau der Plazenta während der Trächtigkeit keine Immunglobuline (insbesondere Immunglobulin G), besser bekannt als Antikörper, vom Muttertier zum Kalb durch. Erst mit dem Kolostrum, der ersten Milch nach der Geburt, erhält das Kalb die ersten Immunglobuline für seine Immunabwehr. Wie gut dieser Start gelingt, hängt von vier Faktoren ab: der Antikörpermenge und der Hygiene des Kolostrums, dem Zeitpunkt der ersten Gabe und der verabreichten Menge.
Mehr als nur Antikörper
Kolostrum ist weit mehr als ein Antikörpercocktail, denn die nährstoffreiche Erstmilch unterscheidet sich in ihrer gesamten Zusammensetzung deutlich von gewöhnlicher Kuhmilch. Statt nur auf die rasche Versorgung mit Milchzucker zu setzen, liegt ihr Fokus auf dem Aufbau des Immunsystems, auf einer hochdosierten Energieversorgung für das neugeborene Kalb und auf dem Startsignal für sein Wachstum und seine Entwicklung. Entsprechend enthält Kolostrum am ersten Tag deutlich mehr Eiweiss und Fett, aber weniger Laktose als normale Milch. Zudem enthält Kolostrum Mineralstoffe, Vitamine, Wachstumsfaktoren, immunregulierende Substanzen, antimikrobielle und antioxidative Stoffe, Immunabwehrzellen (Fresszellen, weisse Blutzellen) und Botenstoffe, welche die Verdauung des neugeborenen Kalbes anregen.
Geliehener Schutz, eigenes Immunsystem
Das unspezifische Immunsystem ist beim Kalb bereits bei der Geburt vorhanden. Die spezifische Abwehr gegen Krankheitserreger fehlt jedoch noch. Diese Lücke schliesst zunächst für die ersten Lebenswochen das Kolostrum: Mit diesem erhält das Kalb Antikörper von der Mutter und damit einen passiven Immunschutz. Ihr Spiegel im Blut sinkt nach der Aufnahme kontinuierlich, weil das Kalb sie noch nicht selbst nachbildet. Die eigene, aktive Antikörperproduktion beginnt in den folgenden Wochen und ist laut verschiedenen Studien in der achten bis zehnten Lebenswoche vollständig entwickelt.
Dazwischen liegt eine kritische Phase, die sogenannte Immunitätslücke: Der mütterliche Schutz nimmt in dieser Phase messbar ab, während das Kalb seine körpereigene Abwehr erst aufbaut. Am ausgeprägtesten ist diese Lücke meist um die dritte bis sechste Lebenswoche. In dieser Zeit sind Kälber besonders anfällig für Durchfall, Atemwegserkrankungen und Infekte wie beispielsweise am Nabel, in der Maulhöhle oder im zentralen Nervensystem. Die Kolostrumversorgung beeinflusst den passiven Schutz in den ersten Lebenswochen und die Ausprägung der Immunitätslücke. Je höher der anfängliche Antikörperspiegel im Blut des Kalbes zu Beginn seines Lebens ist, desto höher bleibt der Schutz in den folgenden Wochen.
Ein kurzes Zeitfenster im Darm
Antikörper können die Darmwand des neugeborenen Kalbes nur für wenige Stunden effizient und in ausreichender Menge passieren. Die Darmwand wird nach der Geburt nach und nach weniger durchlässig und ist nach 24 Stunden vollständig undurchlässig für Antikörper. Je früher Landwirtinnen und Landwirte das neugeborene Kalb mit Kolostrum versorgen, desto besser funktioniert der Übertritt der Antikörper durch die Darmwand. Wie viele Antikörper tatsächlich im Kalb ankommen, hängt neben dem Zeitpunkt auch von der Menge und Qualität des Kolostrums ab.
Menge und Zeitpunkt entscheiden
In der Praxis heisst das: Das Kalb nach der Geburt trockenreiben und die Kuh möglichst rasch unter Beachtung der üblichen Hygienemassnahmen melken. Als Zielgrösse gelten rund 100 Gramm Immunglobulin G innerhalb der ersten Lebensstunde, was bei guter Kolostrumqualität etwa zwei bis drei Litern entspricht. In der Praxis entspricht das eher drei bis vier Litern, da die tatsächliche Qualität im Stall selten exakt bekannt ist. Eine zweite Gabe von nochmals rund drei bis vier Litern oder rund 100 Gramm Immunglobulin G, vier bis acht Stunden nach der Geburt, festigt die passive Immunisierung zusätzlich. Selbstverständlich darf das Kalb mehr trinken (ad libitum), wenn es möchte.
«Ohne zeitnahe Versorgung mit hochwertigem Kolostrum hat ein Kalb in den ersten Lebenswochen praktisch keinen Schutz vor Krankheitserregern.»
Der Brix-Wert macht Qualität sichtbar
Nicht jedes Kolostrum liefert gleich viele Antikörper. Rasse, Alter der Kuh, Jahreszeit, Eutergesundheit, Trockenstehdauer und die Zeit zwischen Geburt und erstem Melken beeinflussen den Immunglobulingehalt im Kolostrum stark. Mit einem einfachen Refraktometer messen Landwirtinnen und Landwirte den Brix-Wert direkt im Stall. Der Brix-Wert korreliert mit dem Immunglobulingehalt im Kolostrum und liefert einen zuverlässigen Wert zur Einschätzung der Qualität. Für die erste Tränke wählen Landwirtinnen und Landwirte Kolostrum mit mindestens 25 % Brix (gute Qualität), besser noch mit 28 % (sehr gute Qualität) oder mehr. Die Kontrolle mit dem Refraktometer dauert nur wenige Sekunden und beurteilt die Kolostrumqualität wesentlich zuverlässiger als Farbe und Konsistenz.
Wenn die Qualität nicht reicht
Liegt der Brix-Wert zu tief, kann die Landwirtin oder der Landwirt das Kolostrum mit qualitativ gutem Kolostrum > 25 % Brix mischen oder gar ersetzen. Eine eigene Kolostrumbank mit tiefgefrorenem, geprüftem Kolostrum von Kühen mit hohen Brix-Werten schafft in diesem Fall Abhilfe. Hat der Betrieb keine Kolostrumbank, erhöhen Kolostrum-Ergänzungsprodukte den Immunglobulingehalt der ersten Mahlzeit. Kolostrum-Ergänzungsprodukte liefern jedoch keine stallspezifischen Antikörper, decken den Nährstoff- und Energiebedarf des Kalbes nicht vollständig und können nicht alle Inhaltsstoffe von mütterlichem Kolostrum (Wachstumsfaktoren, immunregulierende und antibakterielle Substanzen) ersetzen.
Ein fester Ablauf nach dem Kalben
- Nach dem Kalben Kuh sofort mit Abkalbetrank tränken.
- Kuh hygienisch sauber melken.
- Brix-Wert messen und bei Bedarf die Qualität vorzugsweise über die Kolostrumbank oder via Ergänzungsprodukt absichern.
- Minimum drei Liter innert der ersten 45 bis 90 Minuten nach dem Kalben.
- Zweite Gabe in den darauffolgenden vier bis acht Stunden.
Betriebe, die diesen Ablauf konsequent etablieren, versorgen das Kalb mit der optimalen Anfangsmenge mütterlicher Antikörper. Eine gute Kolostrumversorgung stärkt also die Abwehrkräfte und senkt das Krankheitsrisiko. Studien zeigen zudem positive Effekte auf die Tageszunahmen und die spätere Milchleistung als Kuh.









