Schweinehaltende begegnen solchen Anomalien regelmässig. «Anomalien sind angeborene Abweichungen, Fehlbildungen oder Entwicklungsstörungen bei neugeborenen Ferkeln», erklärt Thomas Barmettler, Tierarzt bei der Suisag. Ferkel kommen mit Hodenbrüchen, als Spreizer, Kryptorchiden (Chieber) und afterlos zur Welt, Nabelbrüche treten oft erst nach dem Absetzen auf.
Zahlen mit Spielraum
Gemäss Schätzungen aus Suisag-Daten liegt die Häufigkeit von Nabelbrüchen zwischen 1 und 1,5 %, wobei es Anhaltspunkte für Rassenunterschiede gibt. Die Herdebuchdaten zeigen eine deutlich tiefere Rate, da sie vor allem Nabelbrüche erfassen, die bereits während der Säugezeit auftreten. Viele Nabelbrüche zeigen sich erst in der Aufzucht oder der Mast und bleiben so unerfasst. Für rund drei Viertel der Fälle sind Umweltfaktoren verantwortlich, etwa eine ungenügende Buchthygiene oder ein falsches Einkürzen der Nabelschnur. Nur ein Viertel geht auf die Genetik zurück.
Mykotoxine im Verdacht
Das östrogenwirkende Mykotoxin Zearalenon steht in der Fachliteratur im Zusammenhang mit Spreizern, Hodenbrüchen und Kryptorchiden: Es stört den Hormonhaushalt der Sau und beeinflusst das Wachstum von Hoden und Leistenring der ungeborenen Ferkel. Barmettler warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen: «Anhand von Anomalien auf Mykotoxine zu schliessen, ist nicht möglich.» Auch Wetter, Gruppenhaltung oder Hitze wirken ähnlich stark. Hinweise auf eine Mykotoxinbelastung sind Fruchtbarkeitsprobleme ohne erkennbare Ursache, absterbende Schwanzspitzen, geschwollene Zitzen bei Ferkeln sowie eine geschwächte Abwehr mit vermehrten Nabelentzündungen und Durchfall.
Simone Herzog, Leiterin Auswertungsstelle UFA 2000 UFA AG«Die korrekte Erfassung im Planer zeigt, bei welchen Sauen, Ebern und Abstammungslinien sich Gendefekte häufen.»
Drei Hebel im Stall
Barmettler nennt drei konkrete Massnahmen. Erstens ein konsequentes Saugferkelmanagement mit sauberer Nabel- und Buchtenhygiene sowie ausreichend Kolostrum, Eisen und Wärme. Zweitens die Vermeidung von Stress durch Betreuung, Hitze, Mykotoxine, Krankheiten oder Fehlfütterungen. Drittens saubere Aufzeichnungen: Meldet ein Betrieb den Beleg-Eber und Anomalien konsequent im Sauenplaner oder direkt bei der Suisag, kann diese einen Eber bei gehäuftem Auftreten aus der Zucht ausschliessen. Sind mehrere Eber an einem Wurf beteiligt, ist allerdings keine eindeutige Aussage mehr möglich.
Warum viele nicht melden
Nicht alle Betriebe erfassen Anomalien konsequent. Aufzeichnungen seien mühsam und würden eingespart, wenn sie keine finanziellen Nachteile bringen, sagt Barmettler. Beim häufigsten Fall, dem Nabelbruch, ist die genetische Komponente zudem eher klein, und die Zuordnung zu den Eltern ist oft in der Mast nicht mehr möglich. Dass Meldungen trotzdem wirken, zeigt ein Beispiel: Auf einem Abferkelbetrieb kamen in einem Wurf drei Ferkel mit drei Fehlbildungen zur Welt – ein kleines Ohr, ein falsch angewachsenes Bein und eine Boxernase. Der Betrieb meldete den Wurf über die Sauenkarte des UFA2000. Diese Informationen übermittelt UFA dem Herdebuch der Suisag monatlich und die Zuchtverantwortlichen werten sie dort regelmässig aus. Häufen sich bei den Nachkommen eines KB-Ebers Anomalien, scheidet er aus dem KB-Einsatz aus. Auch auf Zuchtebene gibt es laut Barmettler Fortschritte: Genetische Untersuchungen und Informationen der Nachkommen helfen den Zuchtverantwortlichen, belastete Tiere zu erkennen und diese bei der Selektion zu berücksichtigen.
Thomas Barmettler, Tierarzt Suisag«Alle Anomalien sind ein Zusammenspiel zwischen genetischen und Umweltfaktoren.»
Anomalien melden
Genau hier sieht Simone Herzog, Leiterin Auswertungsstelle UFA 2000 bei der UFA AG, grosses Potenzial. «Der Nutzen der Erfassung entsteht nicht durch das Eintragen allein, sondern durch die regelmässige Auswertung und die daraus abgeleiteten Entscheidungen», sagt sie. Zielführend sei die Meldung nur, wenn sie unmittelbar beim Ereignis und von möglichst vielen Betrieben erfolgt. Erst die elektronische Erfassung macht einzelne Beobachtungen langfristig vergleichbar: Wiederkehrende Anomalien verursachen Verluste durch tote oder nicht vermarktungsfähige Ferkel, Mehraufwendungen und Behandlungskosten, und die Auswertung zeigt, wo diese besonders häufig auftreten. Die konsequente Datenerfassung zeigt, bei welchen Sauen, Ebern und Abstammungslinien Anomalien häufig vorkommen. So können die Zuchtverantwortlichen betroffene Tiere aus der Zuchtpyramide entfernen und belastete KB-Eber aussondern. «Die optimale Nutzung des Sauenplaners sichert Mastferkelproduzenten beste Voraussetzungen für Top-Genetik bei der Remontierung ihrer Bestände», sagt Herzog.









